Warum fahren in vielen Rechtsverkehr-Ländern die Züge links?

Mich würde einmal interessieren, warum bei den Eisenbahnen in Frankreich, Italien, der Schweiz sowie in Österreich bei zweigleisigen Strecken Linksverkehr ist. Obwohl in diesen Staaten beim Autoverkehr so wie bei uns Rechtsverkehr gilt. (Diese Frage hat Ulrich Dierschke aus Freiberg gestellt.)

Bis heute gibt es keine klare Antwort darauf, warum sich Gesellschaften für die linke oder die rechte Fahrtrichtung im Straßenverkehr entschieden haben. Mit hoher Sicherheit geht die historische Forschung davon aus, dass die ersten Straßen zum Beispiel im antiken Rom grundsätzlich Linksverkehr hatten und danach der Linksverkehr in Europa lange dominierte. Eine Theorie besagt, dass links geritten und gegangen wurde, weil die meisten Menschen Rechtshänder sind und sie so mit dem Schwert in der Hand möglichen Gegnern auf der Straße besser begegnen konnten.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass sich der Linksverkehr auf den Straßen wegen der Pferdefuhrwerke durchsetzte. Diese wurden ebenfalls von meist Rechtshändern geführt - mit der rechten Hand führten sie die Pferde und damit am linken Straßenrand gehend. Wären die Fuhrwerke rechts gefahren, hätten die Fuhrwerker auf der Mitte der Straßen laufen müssen.

Anders die Situation auf den Wasserstraßen. Hier hat sich nahezu weltweit der Rechtsverkehr durchgesetzt, ganz automatisch und ohne Absprachen. Der Grund ist einfach: Begegnen sich zum Beispiel zwei Paddler auf einem kleinen Fluss, ist es am besten, nach rechts auszuweichen. Auch wieder vorausgesetzt, dass es zumeist Rechtshänder sind, die das Boot führen. Man kann sich dann mit der rechten Hand leichter am Ufer festhalten oder von diesem abstoßen.

Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Rechtsverkehr in Europa deshalb dort immer mehr gegen den Linksverkehr durchgesetzt hat, wo eine starke Binnenschifffahrt existierte. So zum Beispiel in Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden. Woanders blieb man (zunächst) links, wie zum Beispiel in England und Österreich. In Frankreich normierte schließlich Kaiser Napoleon das Rechtsfahrgebot für das ganze Land. Deutschland führte es 1910 ein.

Das hatte auch Auswirkungen auf die Eisenbahn. Als diese sich entwickelte, wurde in den meisten Ländern links gefahren, also wurde auf zweigleisigen Eisenbahnstrecken auch links gefahren. Das war eigentlich nachteilig, denn der Lokführer musste zwingend, um die links an der Strecke angeordneten Signale sehen zu können, links im Führerstand stehen. Der Heizer arbeitet somit rechts und hatte damit - weil ebenfalls zumeist Rechtshänder - große Schwierigkeiten beim Befeuern des Kessels mit der Kohleschaufel.

Deshalb wechselten die Eisenbahnunternehmen einiger deutscher Kleinstaaten auf den Rechtsverkehr. Auch in anderen Ländern war das so, es entstand zumeist ein Flickenteppich aus Rechts- und Linksverkehr. Der Hauptgrund: Viele Eisenbahngesellschaften betrieben nur regional einige Strecken, eine "Staatsbahn" gab es in den wenigsten Ländern. Auch als sich immer mehr europäische Länder im Straßenverkehr für die rechte Seite entschieden, wurde das nicht in jedem Fall auf den Eisenbahnverkehr übertragen. Der blieb in einigen Ländern trotzdem links.

Heute dominiert in Europa im Eisenbahnverkehr zwar der Rechtsverkehr. In Deutschland, den Niederlanden, Ost- und Südosteuropa wird so gefahren. Hinzu kommt Skandinavien mit der Ausnahme Schweden, wo überwiegend Linksverkehr herrscht. Ebenfalls links wird traditionell in der Schweiz, Belgien, Italien, Portugal, Irland und Großbritannien gefahren. In Spanien, Frankreich und Österreich gibt es - je nach Region und Strecke - sowohl Links- als auch Rechtsverkehr. (kaip)


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