Warum sind die "Goldenen 20er" nicht die "Goldenen 30er"?

Seit vergangener Woche läuft im Fernsehen die Fernsehserie "Babylon Berlin". Die Handlung findet in Berlin, in den so genannten "Goldenen Zwanziger Jahren" statt. Konkret handelt es sich um das Jahr 1929. Ich habe mich (wieder mal) gefragt, ob die Benennung korrekt ist. Müssten das nicht die "Dreißiger Jahre" sein? Wenn nicht, dürfte es doch die neuerdings so bezeichneten "Nuller Jahre" gar nicht geben. Soviel ich weiß, ist mit den "Goldenen Zwanzigern" die Zeitspanne zwischen 1924 und 1929 gemeint und dieser Begriff nach 1945 entstanden. Wurden Mitte des vorigen Jahrhunderts diese Dekaden anders gesehen, beziehungsweise bezeichnet? (Diese Frage hat Detlef Sandow aus Zwickau gestellt.)

Zunächst rufen wir uns in Erinnerung, warum die Zwanziger-Jahre des 20. Jahrhunderts als "golden" bezeichnet wurden. Der Begriff veranschaulicht den Wirtschaftsaufschwung jener Jahre in vielen Industrieländern und steht auch für eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die "Goldenen Zwanziger" begannen, wie Sie richtig feststellen, zumindest in Deutschland nicht bereits 1920, weil das Land da noch die unmittelbaren Folgen des 1. Weltkriegs zu verarbeiten hatte, und auch die Jahre 1921 bis 1923 als Zeit der Hyperinflation bis zur Einführung der Rentenmark eher papierene Jahre - im Sinne von wertlosen Banknoten - waren. Im Oktober 1929, als die Weltwirtschaftskrise auch in Deutschland Auswirkungen zeitigte, waren die "Goldenen Zwanziger" vorfristig zu Ende. Und es wurde bekanntlich auf lange Zeit nicht besser. Deswegen wurden sie wohl nach 1945 rückschauend so genannt. Wer von "Goldenen Dreißigern" reden würde ... - Aber lassen wir das.

Ihre eigentliche Frage und den Gedanken, auf dem sie beruht, verstehe ich so: Weil das zurückliegende Jahrhundert als das 20. Jahrhundert bezeichnet wurde, obwohl dessen Jahre jeweils mit einer "19" begonnen haben, müsste das doch bei den Jahrzehnten genauso sein, meinen Sie. Das ist aber nicht der Fall. Es kommen bei den beiden Zeitkategorien zwei unterschiedliche Zählweisen zum Tragen. Bei der Jahrhundertzählung werden zumindest im Deutschen Ordnungszahlen verwendet. Das 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung etwa begann im Jahre 1 und wurde mit dem Jahr 101 vom zweiten Jahrhundert abgelöst. Insofern befinden wir uns jetzt und, wenn nichts dazwischenkommt, bis zum Jahre 2100 im 21. Jahrhundert.

Die Zählung der Jahrzehnte aber wurde in den meisten Sprachen nach einem äußeren Merkmal der Jahreszahl organisiert. Sie haben Recht, dass es die Nuller Jahre gar nicht geben dürfte, wenn diese Zählung genauso organisiert wäre wie die Zählung der Jahrhunderte. Ist sie aber nicht. Denn wir reden ja üblicherweise nicht vom ersten bis zehnten Jahrzehnt eines Jahrhunderts, sondern eben von einer äußeren Eigenschaft der Jahreszahlen und deswegen von Nullern, Zehnern, 20-ern und so weiter. Das hätte man natürlich auch mit den Jahrhunderten so machen können und von 1800er-, 1900er- oder 2000er-Jahren reden können. Aber das, Hand aufs Herz, wären schon ziemliche Sprachungetüme. (tk)

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