Wasser marsch am Auersberg!

Über Jahrhunderte legten die Menschen die Moore im Erzgebirge trocken. Nun werden viele der wertvollen Biotope wieder zum Leben erweckt. Und doch: Naturschutz in Sachsen, das ist keine reine Erfolgsgeschichte.

Johanngeorgenstadt.

Hier wirkt der Wald wild. Es duftet nach Holz und Nadeln und Moder, Fichten streben in die Höhe, zwischen Sträuchern wagen sich junge Triebe hervor. Alles ganz natürlich also, alles wie es sein soll. Wirklich? Nicht ganz. Wer aufmerksam die Eisenstraße bei Johanngeorgenstadt am Fuß des Auersbergs entlangmarschiert, dem fallen bald Vertiefungen im Waldboden auf. Folgt man ihnen mit den Augen, so stellt man bald fest, dass diese Vertiefungen von der Straße weg ins Unterholz führen. Dazu kommen weitere Gräben parallel zur Straße. Würde man sich die Fichten wegdenken und Triebe, Sträucher und Unterholz dazu, dann bliebe eine Oberfläche ähnlich, die an eine Tafel Schokolade erinnert. Ganz natürlich, das leuchtet ein, kann das nicht entstanden sein.

Es war der Mensch, der hier Gräben zog. Gräben, um ein Moor trockenzulegen. Mit Mooren konnte er lange Zeit nichts anfangen: Es wächst kaum Holz darauf. Holz aber brauchte der Mensch im Erzgebirge massenweise. Für den Bergbau, als Brennstoff für seine Heime und für seine Hütten - also jene Hütten, in denen er Metalle aus den Erzen schmolz. Also wollte er die Moorflächen lieber für Land- und Forstwirtschaft urbar machen. Der Torf, in tausenden von Jahren gebildet und oft mehrere Meter mächtig, ließ sich obendrein auch als Brennstoff verwenden. Oder als Blumenerde für den eigenen Garten.

Der Kleine Kranichsee bei Johanngeorgenstadt oder die Stengelhaide bei Kühnhaide erinnerten zeitweise an kleine Braunkohletagebaue. Kein einziges Moor im Erzgebirge blieb komplett unberührt. Nur jeder vierte ursprüngliche Standort ist überhaupt erhalten, sagt Anke Haupt vom Naturpark Erzgebirge-Vogtland. Den Feuchtbiotopen ging es beileibe nicht nur im Erzgebirge an den Kragen. "Moore", berichtet Dirk-Roger Eisenhauer vom Sachsenforst, "sind einer der gefährdetsten Lebensräume überhaupt".

Dirk-Roger Eisenhauer zählt zu den Menschen, die darangehen, das zu ändern. Ebenso Anke Haupt vom Naturpark. Dank ihnen und vielen, oft ehrenamtlichen Mitstreitern erleben die Moore im Erzgebirge seit einigen Jahren eine Wiedergeburt. Zunehmend aber auch dank des Sachsenforsts. Eisenhauer leitet dort das Kompetenzzentrum Wald und Forstwirtschaft. Die ökologische Bedeutung der Moore gewinnt zunehmend an Gewicht. Moore bieten nicht nur seltenen, vom Aussterben bedrohten Pflanzen, Insekten und Reptilien einen Lebensraum. In Zeiten, in denen der Klimawandel seine Schatten vorauswirft, erinnern sich die Menschen daran, dass die Moore ihren Beitrag dazu leisten, eben jenen Klimawandel und dessen Folgen einzudämmen. So speichern sie das Kohlendioxid, das die Pflanzen der Atmosphäre entziehen. Abgestorbene Pflanzenteile geraten in dem feuchten Milieu unter Wasser. Unter Luftabschluss verrotten sie nicht, sondern werden in Torf umgewandelt. Ein Millimeter pro Jahr wachsen die Moore im Durchschnitt in die Höhe. Elftausend Jahre haben die ältesten Hochmoore des Erzgebirges auf dem Buckel. Zwar speichern auch normale Böden Kohlenstoff - Moore aber deutlich mehr. Auf einem Hektar mineralischem Boden werden laut Cornelius Oertel vom Thünen-Institut für Waldökosysteme im Durchschnitt 95 Tonnen Kohlenstoff gespeichert - im Boden selbst sowie in den Pflanzen darüber. Ein Hektar Moor dagegen entzieht dem Kreislauf 466 Tonnen Kohlenstoff. In Zeiten, in denen der Mensch nach Wegen sucht, den Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre zu verringern, kann das ein wichtiger Baustein sein. In Zeiten, in denen Regen immer länger ausbleibt, mindestens ebenso wichtig: Das Potenzial der Moore als Wasserspeicher.

All das nutzend, sind in den letzten 15 Jahren erzgebirgsweit rund 700 Hektar Moorfläche wiederbelebt worden, der größte Teil davon im Forstbezirk Marienberg. Wie so eine Wiedergeburt vonstatten geht, das lässt sich derzeit nahe der Eisenstraße in Johanngeorgenstadt beobachten. Der Prozess ist durchaus schmerzhaft anzusehen. Der Wald wird dafür quasi einmal umgepflügt, Geburtshelfer ist der Bagger.

Wer ein Moor wieder zu Leben erwecken will, der muss nämlich dafür sorgen, dass es, grob gesagt, absäuft. Dass das Wasser also, wenn es regnet, bleibt - und nicht mehr durchrauscht wie bei einer Toilettenspülung. Das klingt leichter gesagt als getan. Bei einem Workshop mit Exkursion zum Eisenstraßenmoor im Spätsommer zeigen Karin Keßler und Andreas Wahren von der Firma Dittrich & Partner Hydro-Consult aus Dresden die ausgefeilten Pläne. Allein für die 15 Hektar Revitalisierungsfläche des Eisenstraßenmoors sind mehr als 150 Dämme nötig - manche bis zweieinhalb Meter hoch. Dazu bekommt ein befestigter Waldweg noch Durchlässe, damit das Wasser das Moor überhaupt erreichen kann. Manche der Gräben werden auf ihrer ganzen Länge verfüllt.

Die Arbeit kommt gut voran. Knifflig ist sie aber doch. Erfahrung braucht es auch. Als das beauftragte Unternehmen einen Bagger mit schwerer Eisenkette eingesetzt hatte, war das Gerät nach wenigen Metern abseits des Wegs im immer noch weichen Untergrund versunken. "Wir sind reingefahren, da war der Bagger weg", berichtet der Unternehmer. "Wir mussten schon schaufeln, um die Tür aufzubekommen." Erst einem Bagger mit Gummiketten hielt der Untergrund stand.

Dennoch sind Forstleute wie Naturschützer froh, dass - dank Fördermitteln und des Sachsenforst-Engagements - heutzutage der Maschineneinsatz möglich ist. Da boten die Anfangstage der Moorrevitalisierung noch ein ganz anderes Bild. Mit Hacke, Schaufel und Säge zogen Ehrenamtler und ABM-Kräfte in den Wald, über der Schulter auch das Material für die Dämme und Spundwände. "Wir hatten manchmal mehrere Bauabschnitte, das dauerte Jahre", berichtet Anke Haupt. "Heute machen das Firmen innerhalb von sechs, sieben Wochen."

Bis ein Moor wiederaufersteht, dauert es deutlich länger. Ein Menschenleben zählt da nicht viel. "Die Moore haben mehrere tausend Jahre gebraucht, um zu wachsen", verdeutlicht Anke Haupt. "Der Mensch hat sie grundlegend zerstört. Jetzt können wir nicht erwarten, dass sie in wenigen Jahren komplett wieder da sind." Noch zu DDR-Zeiten waren manche Moore als Torf-Lager ausgebeutet worden. Nach der Wende dann nahmen sich immer mehr Initiativen der bedrohten Biotope an. 166 Standorte landeten auf einer Prioritätenliste. Nun hat sich der Sachsenforst an die Spitze der Bewegung gestellt und seit 2006 allein an Sachkosten 1,3 Millionen Euro in die Moore gesteckt. "Nicht eingerechnet sind hier die erheblichen Personalkosten", verdeutlicht Sprecher Renke Coordes. Mit Partnern in Tschechien läuft darüber hinaus bis Jahresende das Projekt "Moorevital".

"Man muss wirklich sagen: Die Moor-Revitalisierung ist ein Erfolg", findet Anke Haupt. Dem schließt sich der Landesverband Sachsen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) an. Bei den Mooren habe man "die Zeichen der Zeit erkannt", würdigt BUND-Geschäftsführer David Greve. Als Blaupause für ein Fazit zum Umweltschutz im Freistaat seit der Wiedervereinigung lässt er die Wiederbelebung der Moore freilich nicht gelten. Denn dieses Fazit, so Greve, fällt durchwachsen aus. Ja, sagt er, die Flüsse sind viel sauberer, die Luft sowieso. Doch bei anderen Umweltfaktoren gab es Rückschritte. So der Artenvielfalt. Selbst in den sauberen Flüssen kreucht und fleucht es viel zu wenig, findet er. Denn viele Fließgewässer erwiesen sich bei genauerem Hinsehen als wenig naturnahe Kanäle, die kaum Lebensraum böten. Hinzu kommen eine immer intensivere Landwirtschaft und ein ungebremster Flächenverbrauch. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche im Freistaat wuchs laut Statistischem Landesverband seit 1992 um 36,7 Prozent. Für 2019 registrierten die Statistiker einen Flächenverbrauch von 5,1 Hektar - Tag für Tag. Entsprechend fällt Greves Bilanz über den Umweltschutz in Sachsen seit 1990 aus: "Da gibt es ganz viel Licht und ganz viel Schatten."

Anke Haupt erinnert derweil beim Workshop daran, wie beim Thema Moor die Akteure zusammenfanden. Am Anfang habe es manch ablehnende Haltung gegeben, sagte sie in einer Podiumsdiskussion. "Dann ein zaghaftes Miteinander." Jetzt seien Erhalt und Wiederbelebung der Moore "in ganz anderen Dimensionen möglich". Wer weiß also, vielleicht taugen die Moore in einigen Jahren eben doch als Blaupause für die Bilanz des Umweltschutzes im Freistaat Sachsen.

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