Wie entdeckte die BBC die DDR-Band Jessica?

In einer Radiosendung habe ich gehört, dass die englische BBC in den 80er-Jahren eine Fernsehdokumentation über die junge Musikszene in Ostberlin gedreht hat, in der unter anderem die Band Jessica vorkam. Wie kam das zustande und welche Gruppen sind da noch zu sehen? (Das möchte Thomas Stibane aus Lößnitz wissen.)

Diese Geschichte, einer der vielleicht besten Gründungsmythen einer DDR-Band, geistert immer mal wieder durch Medien und Internet - und grob stimmt er auch, denn die Band Jessica um Sänger Tino Eisbrenner, der Ende der 80er einer der bekanntesten jungen Stars der DDR werden sollte, wurde wirklich von einem englischen Fernsehsender quasi entdeckt. Das war allerdings nicht die BBC, sondern der lokale Sender Tynes Tee Television, der als eine Art viertes Programm aus der nordenglischen Region Newcastle und Yorkshire kam. Dort lief von 1982 bis 1987 eine viel beachtete Musiksendung namens "The Tube", der es immer wieder gelang, neue hochkarätige Künstler vorzustellen und die daher im britischen und damit wichtigsten europäischen Musikmarkt Kultstatus hatte. Künstler wie Madonna oder Frankie Goes To Hollywood hatten in der Sendung ihre ersten Auftritte. Midge Ure und Bob Geldof sollen im Umfeld der Sendung die Idee zu ihrem "Band Aid"-Projekt entwickelt haben.

1983 erarbeitet der britische Untergrund-Guru Mark Reeder für "The Tube" eine Sondersendung über die Berliner Szene, bei der es allerdings nicht um den Osten ging, sondern um die Stadt als Schmelztiegel: Berlin galt im Pop des Westens damals als eine Art Mekka. Depeche Mode nahmen in der Stadt Alben auf, David Bowie hatte hier gelebt und gearbeitet. Reeder selbst, damals im Umfeld des Joy-Division-Labels Factory und als Livemischer der Toten Hosen tätig, hatte gerade den noch unbekannten Nick Cave in die Stadt gelockt. In der Sendung gibt es vieles zur damals aktuellen Lage der Stadt und Features etwa zum späteren Noise-Records-Gründer Karl Walterbach oder dem Film "Christiane F". Als Bands werden Die Haut, Malaria, die Einstürzenden Neubauten und Die Ärzte vorgestellt. Reeder aber wollte auch eine Punkband aus dem Osten dabeihaben, als Engländer sah er die DDR eher undogmatisch: "Die Plattenbauten dort waren Paläste im Vergleich zu den Wohngebieten in Manchester. Die waren Slums und eher vergleichbar mit Bukarest, völlig verdreckt und kaputt", meinte er einmal in einem Interview. Da er nicht auf eine Drehgenehmigung hoffte, sprach sein Team in einer Straßenbahn zwei im New-Wave-Look gekleidete Jugendliche an, ob sie eine passende Band kennen würden. Die beiden waren Musiker und nahmen die Fernsehleute mit in den Probenraum ihrer Band Jessica. Für die eigentlichen Aufnahmen gab es dann laut Reeder aber eine Drehgenehmigung, weil Jessica nicht punkig war und deutsch sang: Gefilmt wurde vor einem Innenstadt-Schaufenster, was illegal auch nicht möglich gewesen wäre. Der Film baut die Band dennoch als Gegenentwurf zu offiziellen Bands wie Stern Meissen und den Puhdys auf, welche man als Ausschnitte der DDR-Sendung "Rund" einblendete - und Moderatorin Muriel Gray sagt zuvor in der Doku, dass man das Team "nicht gelassen" habe. Obwohl die Sendung selbst im Westen niemand sehen konnte, machte die Geschichte nicht zuletzt wegen Reeders Reputation in der Szene schnell die Runde - und die DDR-Kulturpolitik, damals mehr und mehr auf Duldung und gar Förderung neuer Trends ausgerichtet, geriet in Zugzwang: Jessica konnte nicht unbedeutend bleiben. Die Band durfte daher schnell Songs fürs Radio produzieren, ging auf Tournee und wurde zu einer der beliebtesten DDR-Bands dieser Zeit. Die Debüt-LP "Spieler" erschien 1986. Vor allem aber öffnete der "Jessica-Vorfall" viele Türen für die kurz darauf anrollende Welle der "Anderen Bands" in der DDR, da damit offiziell klar war, dass es auch ohne das dogmatische System der Einstufungen ging. Die Berlin-Doku von "The Tube" können Sie sehen, wenn Sie diesen Code scannen. (tim)

freiepresse.de/tubeberlin

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