Wie kam das Lied "Von guten Mächten" an die Öffentlichkeit?

"Von guten Mächten" ist der wohl berühmteste Text des Theologen Dietrich Bonhoeffer und wurde es erst recht als Kirchenlied. Der Text entstand, als die Nationalsozialisten Bonhoeffer bereits inhaftiert hatten. Also im Gefängnis. Wie gelangte er an die Öffentlichkeit? Hat ihn jemand herausgeschmuggelt? (Diese Fragen hat Uwe Großmann aus Bärenstein gestellt.)

Ja, dieser Text ist nicht nur sehr berühmt. Vor allem geht er durch den Gleichmut und die Zuversicht zu Herzen, die in wunderbar einfachen Worten aus ihm sprechen. Und er tut das umso mehr, wenn man weiß, unter welchen verzweifelten Umständen er entstanden ist.

Der evangelische Theologe und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer (1906 - 1945), der den Text verfasste, war einer der bedeutendsten Kräfte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus innerhalb der Bekennenden Kirche, die sich gegen Vereinnahmung durch die Nazis zur Wehr setzte. Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer wegen "Wehrkraftzersetzung" verhaftet und in die Untersuchungshaftanstalt Berlin Tegel überstellt. Die Verhaftung hatte mit seinen Verbindungen zur Widerstandsgruppe um den Wehrmachts-Geheimdienstler Wilhelm Franz Canaris zu tun, die in den Tagen zuvor zwei fehlgeschlagene Attentate auf Hitler verübt hatte. Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen wurde Bonhoeffer am 8. Oktober 1944 im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 ins Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) in Berlin in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt. Dort schrieb er am 19. Dezember 1944 - am Donnerstag also vor genau 75 Jahren - einen Brief an Maria von Wedemeyer. Die 20-Jährige Ostpreußin und der gebürtige Breslauer hatten sich keine drei Monate zuvor verlobt. Bestandteil des Briefes, der die Zensur des RSHA passierte, war das siebenstrophige Gedicht "Von guten Mächten", vom Absender deklariert als "ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen" und als "Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister".

Das Gedicht bezog sich sowohl auf seine eigene Situation - er musste mit seiner Hinrichtung rechnen - als auch auf die seiner Familie vor dem unausgesprochenen, aber jedermann stets bewussten Hintergrund von NS-Herrschaft und Krieg. Sein Bruder und zwei seiner Schwäger waren im Gefängnis, ein weiterer Bruder gefallen, seine Zwillingsschwester mit ihrem jüdischen Mann emigriert. Und mit seiner 18 Jahre jüngeren Verlobten konnte er nur unregelmäßigen Briefkontakt pflegen - und beide durften sich nie sicher sein, ob der jeweils jüngste Brief nicht auch der letzte sein würde. Gemessen an diesen äußeren Umständen ist das Gedicht zugleich Ausdruck des erstaunlich geordnet und ausgeglichen erscheinenden seelischen Innenlebens seines Verfassers. In besagtem Brief schreibt er:

"Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied ("Will ich abends schlafen gehn", d. Red.) von den Engeln heißt: 'zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken', so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder."

Von dem Gedicht fertigte Maria von Wedemeyer, die nach dem Krieg bis zu ihrem Tod 1977 in den USA Karriere als Managerin in der jungen IT-Branche machte, vermutlich noch zu Weihnachten 1944 eine Abschrift für Bonhoeffers Eltern und den weiteren Familienkreis an. Erstmals publiziert wurde es in der Schweiz. Über den Umweg einer als Hektografie verbreiteten Maschinenabschrift, die geringfügige Abweichungen vom Originaltext aufweist, erschien es in einer Gedenkschrift für den am 9. April 1945 auf ausdrücklichen Befehl Hitlers im Konzentrationslager Flossenbürg durch Erhängen hingerichteten Gottesmann.

Dabei blieb es freilich nicht. Das Gedicht ging nicht nur in eine 1951 erschienene Sammlung mit Briefen Bonhoeffers ein, sondern gehört seit 1959 in der Abteilung "Zum Jahreswechsel" unter Nr.65 zum Stammteil des Evangelischen Kirchengesangbuches - mit der Melodie von Otto Abel (1905 - 1977). Es ist nur eine von rund 70 Vertonungen des Gedichtes. Die darunter wiederum populärste stammt von dem außerordentlich produktiven christlichen Pop-Komponisten Siegfried Fietz. Sie hat neben der Abel-Fassung in einzelnen Regionalausgaben des Gesangbuches der Evangelischen Kirche ihren Platz gefunden. (tk)

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