Hinter den Kulissen einer Abschiebung

Nachdem eine Familie aus dem Kosovo mitten in der Nacht in Oelsnitz abgeholt wurde, schlägt ihr Fall Wellen. Die Landesdirektion äußert sich und der SV Merkur, wo der Vater und drei Kinder kickten.

Oelsnitz.

Bei den Fußballern des SV Merkur Oelsnitz herrschen Unverständnis und Bestürzung über die Abschiebung einer siebenköpfigen kosovarischen Familie aus Oelsnitz. Im Verein hatten drei der Söhne bei den D- und den F-Junioren gekickt. Der Vater war bei den Alten Herren aktiv, hatte noch am Abend vor der Abschiebung mit trainiert.

"Wenn irgendwo im Verein Hilfe gebraucht wurde, war er einer der Ersten, der freiwillig mit Hand angelegt hat", sagt Vereinspräsident Jürgen Geigenmüller. "Nicht zu fassen, dass hier kein Unterschied gemacht wird zwischen Menschen, die sich einbringen und engagieren und den anderen, die den Staat nur ausnutzen oder gar kriminell werden. Wir überlegen derzeit, ob und wie wir der Familie helfen können." Das könne bei der Räumung der Wohnung oder der Sicherung der zurückgelassenen persönlichen Dinge sein. Nur 20 Kilogramm Fluggepäck hatte jeder mitnehmen dürfen.

Yvonne Zöphel, Mannschaftsleiterin der D-Junioren, hatte eine enge Verbindung zur Familie und half ihr nicht nur bei sportlichen Dingen. Sie kann immer noch nicht fassen, dass ihre Schützlinge und deren Angehörige "in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wie Verbrecher" abgeholt worden seien. "Die Art und Weise, wie hier mit gut integrierten Menschen und speziell kleinen Kindern umgegangen wurde, trifft mich tief. Dabei haben sie doch diese Integration gelebt, die man bei vielen anderen vergeblich sucht, die aber bleiben dürfen", sagt sie.

Sportlich wie menschlich sei der unfreiwillige Abschied für alle ein herber Schlag. "Die Kinder haben nicht nur Sportkameraden verloren, sondern Freunde, mit denen sie viel zusammen unternommen haben." Zöphel hält per Whatsapp Kontakt zur Familie, die in ihrer früheren Heimat Kosovska Mitrovica versucht, Fuß zu fassen. "Aber ohne Arbeit für den Vater und im Moment zu zwölft in der Wohnung der Oma mit nur zwei Zimmern zum Schlafen, fällt es speziell den Kindern schwer, das alles zu verarbeiten."

Unterdessen verteidigt die Landesdirektion Chemnitz den Umstand, dass die Eltern und ihre fünf Kinder am vergangenen Dienstag früh 2 Uhr in ihrer Wohnung aus den Betten geholt wurden. "Der Zugriff in der Nacht war notwendig, weil die Chartermaschine, für die die Familie vorgesehen war, in den Mittagsstunden gestartet ist und zuvor die Übergabe der Personen an die Bundespolizei in den Vormittagsstunden erfolgen musste", sagt Ingolf Ulrich, der Sprecher der Behörde. Er betont, dass die Familie die Möglichkeit zur freiwilligen Ausreise nach Ablehnung ihrer Asylanträge durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nicht wahrgenommen hatte. "Der Familienvater wurde schon einmal 1997 in sein Heimatland abgeschoben. Die Familie ist aus einem sicheren Herkunftsland, bei dem eine schnelle Rückführung durch den Gesetzgeber vorgesehen ist. Es war der Familie bekannt, dass sie keinerlei Bleibeperspektive hatte", betont Ulrich.

Als "menschlich bei einer Familie nicht nachvollziehbar" bezeichnete der Oelsnitzer OB Mario Horn (CDU) die Abschiebung mitten in der Nacht. Er hatte durch Reiner Stöhr vom Helferkreis davon erfahren. Horn kündigte an, sich "dieser Sache persönlich anzunehmen - natürlich mit dem Helferkreis" gemeinsam. Das Landratsamt des Vogtlandkreises erteilte auf Anfrage zum konkreten Einzelfall keine Auskunft. Wie das Bamf betont der Kreis, dass die Integration der Familie keinerlei Auswirkungen auf ihre Ausreisepflicht habe. "Es lässt sich daraus kein Aufenthaltsrecht ableiten", hieß es aus der Pressestelle.

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1Kommentare
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  • 4
    0
    ths1
    25.07.2018

    Das Ende der Duldung war der Familie angekündigt, die Abschiebung deshalb die notwendige Folge. Der Rechtsstaat hat funktioniert. Warum also die ganze Aufregung? Helferkreis, Sportverein und Bürgermeister sollten sich jetzt darum bemühen, der Familie die Startbedingungen in ihrer Heimat zu erleichtern. Eine monatlich überwiesene finanzielle Unterstützung würde da sicher hilfreich sein.



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