Plaste statt Buche: Bandoneon aus einem Guss soll Welt erobern

Zwei Firmen haben sich im Vogtland zusammengetan, um ein Traditions- Instrument ganz neu auf den Markt zu bringen.

Klingenthal/Oelsnitz.

Noch ist es zu schwer und zu teuer, um es in die Läden zu bringen. Aber der Klang stimmt: Der Kunststoffspezialist GEK aus Oelsnitz erfindet gerade mit der Bandonion & Concertinafabrik Klingenthal eines der traditionsreichsten Instrumente des Vogtlands neu: das Bandoneon. Das Innenleben bleibt echte Handwerkskunst aus Klingenthal, doch das Gehäuse besteht nicht aus furniertem Birnbaum- oder Buchenholz mit kunstvollen Intarsienarbeiten aus Perlmutt. Die Oelsnitzer wollen es in einem Bruchteil von Aufwand und Zeit aus biobasiertem Kunststoff spritzen - einem Gemisch, das aus Komponenten wie Zuckerrohr und Stärke hergestellt ist. Der Backprozess beim Spritzgussverfahren macht das Gehäuse formstabil. Erfahrung in der Herstellung von Instrumenten haben sie schon gesammelt. Zum Portfolio der Firma gehören Flötenköpfe, die aus flüssigem Holz gespritzt sind. Nun wagen sie sich an ein weiteres Heiligtum der vogtländischen Handwerkskunst.

"Wir könnten in allen möglichen Farben produzieren, haben den Prototyp aber schwarz lackiert", sagt Volker Dreher. "Damit er nicht gleich von weitem wie eine Plastekiste aussieht." Ein Schmunzeln kann er sich bei dem Satz nicht verkneifen. Der Betriebsleiter bei GEK kennt die Vorbehalte gegen seine "Kiste". Doch er hat den Test gemacht. Drei Monate war das Instrument auf Reisen, wurde im oberen Vogtland, aber auch in Paris und Argentinien gespielt. "Selbst Musiklehrer haben keinen Unterschied im Klang gehört", sagt Dreher nicht ohne Stolz. Denn selbst bei den Partnern in Klingenthal herrschte in dem Punkt Skepsis. "Ich war überrascht, dass man beim Klang keine Abstriche machen muss", räumt Lucia Fischer auf Nachfrage ein. Sie ist Geschäftsführerin in der Klingenthaler Bandoneon-Manufaktur.

Nach der Entwicklung des Prototyps, die zum Jahresende abgeschlossen war, soll es im Frühling mit der Arbeit in den beiden Firmen erst richtig losgehen. Insbesondere als Lerninstrument für Kinder könnte das neue Bandoneon zum Einsatz kommen. In Argentinien, der Heimat des Tangos und damit auch Herzstück der Bandoneon-Tradition, könnten ganze Schulen mit Klassensätzen ausgerüstet werden. Kontakte knüpften die Klingenthaler beim Firmenbesuch des Argentinischen Botschafters vorigen Sommer. "Das war ein guter Einstieg", berichtet Lucia Fischer. Der Bedarf ist dort groß. Es scheitert aber am nötigen Budget. Oft üben die Kinder in Südamerika auf wenigen, teils abgegriffenen deutschen Instrumenten von Ende des 19. Jahrhunderts, die über Generationen weitergegeben werden. Viele Familien sind arm, eine Neuanschaffung preisintensiv. Rund 4800 Euro kostet ein vier Kilo leichtes Schülerinstrument in traditioneller Herstellungsweise aus der Bandonion & Concertinafabrik. Gespart werden soll bei der Neuauflage des Instruments aber nur beim Gehäuse, betont Lucia Fischer. Auch beim Gewicht sei nach unten nicht viel Spielraum. "Es muss ja trotzdem die ganze Mechanik rein", erklärt die Frau vom Fach.

Die Kunststoff-Spezialisten aus Oelsnitz suchen nach einem Material, das ihre Erfindung für Kinder leichter und damit händelbar macht. Dafür will Volker Dreher mit Granulaten verschiedener Hersteller experimentieren. "Es wird sich dieses Jahr zeigen, ob wir das Gewicht weit genug nach unten bringen, um unsere Erfindung interessant zu machen", sagt er. Nicht zuletzt rechnen sich die neuen Partner in Sachen Instrumentenbau Chancen für den asiatischen Markt aus, da dort Handzuginstrumente nachgefragt werden, die für kleiner greifende Hände geeignet sind als für den europäischen Markt, wie Lucia Fischer erklärt. Vor allem in Südkorea ist das Bandoneon der Hit. Die "Plastekiste" aus dem Vogtland könnte also um die Welt gehen.

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