Vogtland-Bäcker sind gegen Dumpinglöhne

Bäcker, Gewerkschaft und Landesinnung wollen das Gleiche: einen Tarifvertrag. Das Vorhaben scheitert aber bisher an einer Kleinigkeit.

Oelsnitz/Werda.

"Wer heute seine Leute nicht ordentlich bezahlt, der hat bald keine Mitarbeiter mehr." Darüber sind sich die Bäckermeister Roman Wunderlich von den Backstuben Wunderlich in Oelsnitz und Gerd Badstübner von der Goldbrötchen-Bäckerei Jahnsmüller mit Sitz in Werda einig. Deshalb bezahlen sie ihren Mitarbeitern nach eigenen Angaben Löhne, die über dem Mindestlohn von 8,50 Euro liegen.

Die Betriebe zählen zu den großen vogtländischen Bäckereien. Jahnsmüller beschäftigt knapp 50, Wunderlich etwa 120 Mitarbeiter jeweils in Bäckerei und Verkauf. Die Werdaer unterhalten sieben Filialen und schicken sechs Fahrzeuge zum Verkauf los. Wunderlich unterhält im Vogtland 15 Filialen.


Beide Bäckermeister sind der Meinung, dass es einen Tarifvertrag für das Handwerk in Sachsen geben sollte. Das forderte kürzlich auch die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Dabei sprach Gewerkschaftssekretär Thomas Lissen davon, dass die Angestellten in vogtländischen Bäckereien nur mit dem Mindestlohn "abgespeist werden". Einen Vertrag wünscht sich auch die sächsische Landesbäckerinnung Saxonia, sagt Geschäftsführerin Manuela Lohse. Allerdings würde sich die Landesinnung laut NGG-Mann Lissner seit Jahren jeder Lohnverhandlung verweigern. Gleichzeitig räumt er ein, dass es 2015/16 vier Gespräche mit der Saxonia über einen Tarifvertrag gegeben hat. Dabei scheiterte die Lösung des Problems bisher an einer Kleinigkeit. Laut Saxonia-Chefin Lohse stimmte die Landesinnungsversammlung dem Tarifvertrag im Juni grundsätzlich zu. Nur einer Sonderregelung für die Tarifgruppe der Ofenführer und Teigmacher wurde widersprochen: Da die Mitarbeiterzahl der Berufsgruppe "verschwindend gering" sei, wollten die Bäcker einer einjährigen finanziellen Besserstellung nicht zustimmen, so Lohse. Die NGG wollte ihrerseits auf die Sonderregelung aber auf keinen Fall verzichten.

Eine klare Absage erteilt Bäckermeister Wunderlich der Aussage von Gewerkschaftsmann Lissner, wonach die Stimmung in vogtländischen Backstuben wegen der geringen Löhne mies ist: "Wir stehen hinter unseren Leuten. Wir würden gerne mehr zahlen. Aber der Druck durch die Discounter, die ihre Waren für die Hälfte oder ein Drittel unserer Preise anbieten, ist zu groß."

Einzige Forderung Wunderlichs: Der Tarifvertrag müsste auch für das Drittel der sächsischen Betriebe gelten, die nicht in der Landesinnung vertreten sind. Insgesamt arbeiten in dem Gewerbe im Vogtland 1300 Männer und Frauen. "Dafür sind wir offen", sagt Gerd Jahnsmüller. Sein Betrieb gehört der Innung nicht an. Jahnsmüller: "Wenn es eine neue Regelung gibt, müssten sich alle Bäcker daran halten." Seiner Meinung nach kann es nicht sein, "dass jemand, der für andere Leute in der Nacht arbeitet, mit einem Hungerlohn abgespeist wird".

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11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    BlackSheep
    15.12.2016

    @Pedaleur, ich kann nur beim Fleischer kaufen wenn ich selbst vernünftig verdiene. Nicht jeder der das nicht macht hat für Handwerker nichts übrig, ist gibt trotzdem viele die sich das nicht leisten können, Zuwachs bei den Tafeln, drohende Altersarmut usw.

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    Zeitungss
    15.12.2016

    @Pedaleur: Danke für den Betrag, damit ist eigentlich alles gesagt.

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    1
    Pedaleur
    15.12.2016

    Voigtsberger holt immer zum Verbal- Rundumschlag aus. Dabei beharrt er ohne auf andere Argumente einzugehen auf seiner Meinung, die bei vielen Dingen aber jeglicher Grundlage entbehrt. 1. Beispiel: "Was war denn vor den Mindestlohn, da waren Löhne von 3-5 Euro ...". Das mag auf Teile des Dienstleistungsgewerbe zutreffen, im Handwerk aber nicht. Da gibt es in vielen Bereichen seit vielen Jahren Branchenmindestlöhne, z.B. im Malerhandwerk (aktuell bei 11,30 Euro neue BL). Letztendlich betrifft es die Gewerke, die direkt an den "Endkunden" abgeben und da dürfen wir uns alle an die Nase fassen. Kaufen Sie Ihre Wurst beim Fleischer Voigstberger, oder die XXL- Packungen aus'm Discounter? Wo kaufen Sie Ihre Brötchen? Das sind doch die Fragen, die wir uns als Verbraucher stellen müssen. Billig billig oder auch den anderen Leben lassen?
    2. Beispiel: "...Tarifvertrag und dem blockieren des kontinuierlich steigenden Mindestlohn...". Also er sagt, der Tarifvertrag wird abgeschlossen, um den Mindestlohn zu umgehen. Ein Tarifvertrag darf gar nicht gegen ein Gesetz verstoßen, absoluter Käse (Ober sticht Unter/ Mindestlohngesetz = Bundesgesetz/ Bund = Ober)! Er kann höchstens die Erhöhungen schon abbilden und somit dem Inkrafttreten eines Gesetzes vorziehen, also eine zeitigere Verbesserung für die Beschäftigten. Noch eins zum Schluss: Zusätzliche Kosten sind immer schwierig, aber die Beiträge der Gewerkschaften sind nach meiner Kenntnis nach der Einkommenssituation gestaffelt. Letztendlich eint uns das Grundansinnen: Die weitere Spaltung unserer Gesellschaft, das Auseinanderklaffen der Verdienststrukturen, die Sorge um (Alter)Armut, sozialen Schieflagen und das Abhängen weiter Bevölkerungsschichten von einem sicheren Lebensstandard. Und dennoch, jetzt dürfen wir uns wieder auf eine Copy+Paste Antwort freuen.

  • 2
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    WolfgangPetry
    15.12.2016

    Sie wollen also sagen dass Bäcker, Fleischer und andere Handwerker einfach dümmer sind als die von Ihnen genannten "Beamten und Beschäftigten in der Automobilindustrie", da sie sich mit schlechten Löhnen wie auch schlechter gewerkschaftlicher Vertretung abspeisen lassen? Oder warum gibt es sonst das von Ihnen monierte zweierlei Maß? Ich finde das respektlos gegenüber hart arbeitenden Menschen.
    Es gibt neuerdings ja auch Gewerkschaften, die mit rumänischen Wander-Bauarbeitern gemeinsam deren geprellten Löhnen auf Berliner Großbaustellen hinterherprozessieren. So etwas dürfte es nach Ihrer Rede von den reichen Gewerkschaftsbossen gar nicht geben. Und wie Zeitungss richtig sagte: keine starke Gewerkschaft ist vom Himmel gefallen! Und allein machen sie dich ein.
    Reiche Handwerksmeister im Vogtland? Gott sei dank gibt es sowas noch, es mussten noch nicht alle für immer zusperren!

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    voigtsberger
    14.12.2016

    Zeitungss: Was war denn vor den Mindestlohn, da waren Löhne von 3-5 Euro im Handwerk und Dienstleistungsgewerbe "Gang und gebe" und das meist nur bei 5 Stunden am Tag, wer davon eine Familie und Kinder über die Runden bringen muss, der hat keinen Cent für die Gewerkschaftsbosse übrig und auch bei der Höhe der Beiträge, wären diese Arbeitnehmer die letzten für die sich da Gewerkschaften einsetzen, da meist deren Gehälter sich an den Bezügen des öffentlichen Dienstes und der besser gestellten Arbeitnehmer orientiert und da lohnt es sich halt zu
    kämpfen, denn "Geld regiert die Welt" und da sind die Gewerkschaftsvertreter nicht ausgenommen.

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    0
    Zeitungss
    14.12.2016

    @voigtsberger: Deutschland wird inzwischen von Lobbyisten regiert, selbige haben auch Einfluß auf den DGB. Was glauben Sie, warum man die GDL, Marburger Bund usw. auch mit Hilfe des DGB beschneiden will, richtig, selbige konnten bis heute den Einfluß abwehren. Nun erklären Sie mir doch einmal wie eine Berufsgruppe sich gegen die bekannten Machenschaften durchsetzen will, wenn die Organisation gegen Null geht. Fremde Hilfe oder gar Einsicht der permanent verarmenden Arbeitgeber ist beim besten Willen nicht zu erwarten. Als die Sonderregelungen für den Mindestlohn mit Hilfe der Lobbyisten ausgebrütet wurde, wo waren die organisierten Mitarbeiter ??? Richtig, sie gibt es gar nicht ! Eine Gewerkschaft lebt nun einmal von und für Mitglieder, ohne solche ist der Erfolg gleich Null. Wer eine Arbeitnehmervertretung nicht will, aus welchen Gründen auch immer, muß auch mit den Folgen leben, den Chef wird es freuen.
    Nur zur besseren Verständlichkeit, beim Hausbau fängt man auch nicht mit dem Dach an.

  • 1
    1
    voigtsberger
    13.12.2016

    Zeitungss: Leben sie wirklich in einer solchen Filterblase, das sie den Trick mit den Tarifvertrag und dem blockieren des kontinuierlich steigenden Mindestlohn auf mehrere Jahre nicht erkennen, so wie es bei der Einführung des Mindestlohnes bei den Fleischern und Frisören war, wo der Mindestlohn erst später zum tragen kam, weil im Vorfeld einige Innungen noch Tarifverträge mit den Gewerkschaften abschlossen haben und das hat nichts mit der Anzahl von Mitgliedern zu tun, sondern von Lobbywirtschaft in einigen Gewerken, von der Landwirtschaft ganz zu schweigen, wo bis Heute noch kein Mindestlohn für viele Beschäftigte gilt. Also nicht immer die erfolge der Gewerkschaften von Bau, den Metallern, der Bahn und des öffentlichen Dienstes als Erfolg hofieren. An den Leistungen für die ärmsten der Arbeitnehmer sollte sich eine Gewerkschaft messen und nicht an den Geschenken für die Mitgliederstärksten Gewerken oder versteht man den Bergriff Gewerkschaft und deren Aufgaben nicht mehr !

  • 1
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    Zeitungss
    13.12.2016

    @voigtsberger:Gewerkschaft ist nicht gleich Gewerkschaft. Schlagkräftig sind in der Regel sogenannte Spartengewerkschaften, welche bei Arbeitgebern gefürchtet sind und es auch sein sollen. Mit staatlicher Unterstützung läuft gegen diese gegenwärtig ein Beschneidungsverfahren was noch gerichtsanhänig ist. Als Mitglied einer solchen weiß ich wovon ich spreche. Das Sammelsurium DGB hat da nicht viel und für manche Bereiche gar nichts zu bieten, den Rest erledigt die mangelnde Mitgliedschaft, was keinenfalls vergessen werden sollte. Arbeitgeber halten aus gutem Grund den Ball flach, stehen "hinter ihren Leuten", wer es glaubt wird seelig.

  • 1
    1
    voigtsberger
    13.12.2016

    Zeitungss: Hier geht es doch darum, das die Gewerkschaften die Wünsche der Innung und der Kleinunternehmer erfüllen und mit einen Tarifvertrag die kontinuierliche Mindestlohnerhöhung erst einmal für zwei Jahre auf "Eis"legen und da sollte man doch erst einmal den sogenannten "guten Willen" der Handwerksmeister hinterfragen. So lange es Berufe gibt, wo Arbeitnehmer mit Facharbeiterabschluss, auf Mindestlohnniveau bezahlt werden, sind Tarifverhandlungen nur Augenwischerei, was nützt etwas, wenn 9,50 Euro dann auf 9,60 Euro, als tariflichen Lohn beschlossen wird und der Mindestlohn in zwei Jahren schon über 10 Euro erhöht wurde, aber laut Gesetz der Tariflohn zwei Jahre verbindlich ist. Will oder weiß das Keiner der Gewerkschaftler oder hilft ein kurzfristiger Erfolg mehr zur Profilierung und die Handwerksmeister knausern doch so wie so an jeden Cent für ihre Beschäftigten, wer soll da das "Lippenbekenntnis" der Firmeninhaber glauben. Ach ja es ist bald Weihnachten und da glaubt man einiges.!

  • 3
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    Zeitungss
    12.12.2016

    @Voigtsberger: Die gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter in diesem Bereich liegt eher im 3-5% Bereich, nicht weil keine Gewerkschaften vorhanden sind, nein, weil diese Beiträge verlangen. Beim öffentlichen Dienst und in der Autoindustrie gibt es Arbeitnehmervertretungen und diese fallen nun mal nicht vom Himmel was gelegentlich angenommen wird. Wer sich nicht regt, fährt auch keine Ernte ein, so ist es nun einmal und Änderung ist nicht in Sicht.

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    voigtsberger
    12.12.2016

    Wo gab es Jahrzehnte lang Dumbinglöhne, bei den Handwerkern in der Lebensmittelbranche (Bäcker, Fleischer usw.), wo Beschäftigte vor dem Mindestlohn, meist als Aufstocker über die Runden kamen, da die Gewerkschaften nur Tarifvereinbarungen weit weg von "Gut und Böse" aushandelten und sich mit den Handwerkern die Hand gaben, aber die Beschäftigten links liegen ließen, sind halt keine Beamten, kein öffentlicher Dienst und auch keine Beschäftigten der Autoindustrie. Was soll da jetzt eine Regelung mit Tarifvertrag, doch nur wieder ein Trick, der Handwerksmeister mit der Gewerkschaft, den kontinuierlich steigenden Mindestlohn der nächsten Jahre, mit einen Tariflohn zu torpedieren und da helfen auch keine Bekundungen etwas, nur endlich alle Beschäftigen auch an den Gewinnen der Unternehmen teilhaben zu lassen und das mit gerechten Löhnen. So schlecht wie einige Handwerksmeister jammern, kann es ihnen gar nicht gehen, bei ihren Villen und Zweithäusern im Ausland und das meist aus der Portokasse an der Steuer vorbei finanziert!



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