Chirurgie in Kirchberg in Schülerhand

Eine Woche lang haben die Auszubildenden aus dem dritten Lehrjahr eine Station im Krankenhaus übernommen. "Wie im Interhotel", schwärmte eine Patientin über die jungen Leute.

Kirchberg.

Eigentlich wäre Petra Thierbach jetzt weit weg. Doch kurz vor ihrem Urlaub stürzte die Rentnerin, brach sich etliche Knochen und landete im Kirchberger Krankenhaus. In dieser Woche wird die Patientin dort auf besondere Weise umsorgt: Schüler der Medizinischen Berufsfachschule des Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikums haben am Montag die Chirurgie übernommen. Eine Woche lang zeigt die Klasse 16 A unter Aufsicht, was sie in drei Jahren Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger gelernt hat. "Ein Service ist das hier, wie im Interhotel", scherzt Rentnerin Thierbach.

Verantwortliche Stationsschwester am Donnerstag ist Nadine Dreher. Jeden Tag entscheidet das Losverfahren, wer den Hut aufhat. Am Vorabend erfuhr die 21-Jährige, dass ihr Name gezogen wurde. Eine schlaflose Nacht hatte sie deswegen nicht, sagt sie lachend. Viel Zeit zum Luftholen bleibt ihr freilich auch nicht. Ihre Aufgabe ist es, bei der 7 Uhr beginnenden Visite dabeizusein, Anordnungen auszuarbeiten, Aufgaben zu koordinieren, sich um Zugänge und Entlassungen zu kümmern, Angehörige informieren. Sie ruft ein Taxi für einen Entlassenen und macht ihm einen Nachsorgetermin im Medizinischen Versorgungszentrum ... Sieben Minuten Mittagspause gönnt sie sich, bevor sie wieder im Schwesternzimmer am Rechner Platz nimmt. "In den ersten Tagen mussten wir die Schüler regelrecht überreden, Pause zu machen", sagt Projektleiterin Antje Süß lachend. 25 Betten hat die Station. Wird eins frei, bleibt das nur wenige Stunden leer. Es sind Gestürzte oder Verunfallte, auch Schmerzpatienten und jene, die planmäßig an Knie-, Hüft- oder Schultergelenk operiert werden, die hier Hilfe finden. Allein am Donnerstag gibt es sechs Neuzugänge.

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Seit 2008 dürfen Schwesternschüler eine Woche lang ihr Wissen in der Praxis testen. "Anfangs haben wir das nur mit dem Frühdienst gemacht, seit 2011 sind alle Schichten beteiligt", sagt Projektleiterin Antje Süß. 13 Schüler aus der Klasse teilen sich daher in vier Schichten. Immer mit dabei: Mentoren, Fachschwestern und Praxisbegleiter.

Auch wenn es im Schwesternzimmer gelegentlich ziemlich eng zugeht, sagt Katja Heider, kommissarische Stationsschwester und Praxisanleiterin: "Wir finden das immer wieder ganz toll, wenn die Schüler kommen." Projektleiterin Süß zufolge ist es eine gute Vorbereitung für die im Juni beginnenden praktischen Abschlussprüfungen. Bisher ist sie sehr zufrieden mit den Schülern. "Die Klasse ist sehr gut organisiert, die sprechen sich richtig gut ab", lobt sie.

"Stationsschwester" Nadine Dreher teilt die Aufgaben zu, alle bekommen ein Blatt mit Patienteninfos, auf dem Notizen gemacht werden dürfen. Ob Puls messen, Schmerzen abfragen, Verbände wechseln, Patienten das OP-Hemdchen überziehen oder rasieren - kein Job, den die Azubis nicht machen dürfen. Sie teilen selbst das Mittagessen aus, um sicherzustellen, dass manche Besonderes oder auch nichts bekommen. Sogar Medikamente setzen die Schüler. Davor haben einige den größten Respekt. Süß zufolge wird dort keiner allein gelassen, es herrscht das Vier-Augen-Prinzip. Haltbarkeitsdaten checken, Chargennummern vergleichen - all das dauert und heute besonders. Doch keiner drängelt, Sicherheit geht vor. Die Schüler entscheiden, ob sie den Patientennamen auf einen Deckel schreiben oder nur einen Klebezettel am Pillennäpfchen befestigen. Die Betreuerin rät zum Klebestreifen, der verursache weniger Müll. Am Donnerstag aber schlägt Sicherheit Ökologie - der Lehrling wählt Deckel.

Nach Dienstschluss besprechen die Schüler, was gut und weniger gut gelaufen ist. "Stationsschwester" Nadine zufolge wurde so festgelegt, dass zwei Schüler fürs Wechseln der Verbände zuständig sind. "So bekommen sie mehr Praxis darin", erklärt die 21-Jährige.

Am heutigen Samstag hat die Klasse 16 A ihre letzte Schicht. "Das ist immer ein besonderer Tag, den wir mit einem gemeinsames Frühstück beginnen. Jeder bringt etwas mit", sagt Süß und weiß, dass sich die Schüler darauf freuen. Arbeit darf ruhig Spaß machen, ist auch etwas, was die künftigen Schwestern dabei lernen können.


Schule ist begehrt

Die Medizinische Berufsfachschule Zwickau hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahrzehnten mehrere tausend Fachkräfte ausgebildet. Seit 1994 gehört die Schule zum Heinrich-Braun-Klinikum.

1912 begannen die ersten Krankenpfleger ihre Lehre am Zwickauer Krankenhaus, damals hieß es noch Königliches Krankenstift. 1961 kam die Ausbildung für die Physiotherapeuten hinzu. Seit 2012 werden zudem Krankenpflegehelfer ausgebildet, seit dem Vorjahr auch Kinderkrankenpfleger.

Die Schule hat heute weitaus mehr Bewerber als Ausbildungsplätze, im September des vergangenen Jahres waren es 250 Bewerber, 114 wurden allerdings nur genommen. Nach Angaben von HBK-Pflegedirektor Mirko Schmidt hat der Freistaat jetzt erlaubt, eine dritte Klasse zu eröffnen. (upa)

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