Die Ansichtskarte aus Heidelberg

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Heute: Regina Vögtel aus Zwickau, die vor 55 Jahren eine (Brief-)Freundin fürs Leben fand.

Zwickau.

Manchmal beginnt eine lange Freundschaft mit ein paar Zeilen auf Papier. "Liebe Regina! Ich erhielt Deine Adresse von Eurem Herrn Pfarrer. Jetzt will ich mich erst einmal vorstellen. Also ich heiße Gaby Hester bin am 5.4. 1951 in Heidelberg geboren ..." - In ordentlicher Mädchenhandschrift teilt Gaby weiter mit, dass sie zwei Hobbys habe, das Gitarrenspiel und Ballett, und sendet ihrer "neuen Freundin" abschließend noch viele, viele Grüße.

55 Jahre später hält Regina Vögtel eine abgegriffene Schwarzweiß-Postkarte in der Hand. Das Foto zeigt das zerstörte Heidelberger Schloss, die halbverkohlte Trutzburg in einer Winterlandschaft mit Neckar. Regina Völkel ist 68 Jahre, lebt in Zwickau und weiß eine Geschichte zu erzählen, die lange vor der Wende, im Jahre 1964, begann. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und davon, dass Mauern keine Grenzen sein müssen und es gelingen konnte, eine Freundschaft zwischen Ost und West aufzubauen, die nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert währt.

Alles nahm seinen Anfang, als die damals 13-jährige Regina Jaroschewski aus Groß Glienicke bei Potsdam eine Ansichtskarte aus Heidelberg aus dem Briefkasten beförderte. Sie kam von einer Gaby aus dem Westen, und die stellte sich als Brieffreundin vor. Die Mauer, die Deutschland in zwei Teile zerschnitt, stand gerade drei Jahre, Westverwandtschaft hatte Reginas Familie nicht, und so nahm sie das Angebot an und schrieb zurück. Initiiert vom örtlichen Pfarrer, sollten sich die Konfirmanden via Brieffreundschaft austauschen. Die Auswahl der Adresse war dabei ganz zufällig. "Im Nachhinein betrachtet, hatten aber wohl höhere Mächte ihre Hand im Spiel", sagt Gabriele Weislogel, die Gaby aus Heidelberg. Dem kann Regina, seit 1972 verheiratete Vögtel, nur zustimmen. "Die Chemie hat gestimmt. Ich habe Gaby zurückgeschrieben, und daraus hat sich ein Briefwechsel entwickelt, der zu einer echten Freundschaft wurde", beschreibt es die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt.

Die Zeit verging - mit ihrem Mann, der als Grenzer am Groß Glienicker See stationiert war -, ging sie nach Sachsen, in dessen Heimat Zwickau. Sohn und Tochter wurden geboren, man richtete sich ein im Leben und in der DDR. Die Brieffreundin blieb, schickte eine Verlobungskarte aus Paris und aus anderen schönen Orten in der Welt, lebte ihr Leben in Neckargemünd.

Nein, neidisch auf das Leben der Freundin sei sie nie gewesen, betont Regina Vögtel. "Ich habe hier nichts vermisst." Schön war es trotzdem, wenn dann ein Paket aus Heidelberg kam - mit Bohnenkaffee, Schokolade, einem schicken Pullover oder auch der begehrten Raufasertapete. Ein Präsent hat noch immer einen ganz besonderen Wert für die Zwickauerin: Eine silberne Kette mit einem Eulen-Anhänger. 1971, zu ihrem 17. Geburtstag, kam das Schmuckstück an. "Ich hätte die Kette niemals verkauft, obwohl mir viel Geld dafür geboten wurde." Als Beweis schickte die 68-Jährige der Freundin vor wenigen Tagen ein Foto per WhatsApp, denn die Kommunikation zwischen den Frauen hat sich mit der Zeit auch verändert.

Vor dem Fall der Mauer war es allerdings nicht immer so leicht mit der Kontaktpflege. Selbst der Briefverkehr wurde überwacht - zumindest vermuteten die Freundinnen das. Und so blieb die Politik außen vor. Man tauschte sich über Unverfängliches wie die Familie oder Urlaubserlebnisse aus. "Wir haben später auch telefoniert, uns nette Sachen über die Kinder erzählt. Alles andere hätte nichts gebracht", vermutet Gabriele Weislogel.

Das erste Mal in den Armen lagen sich die Beiden dann 1982. Gabriele, deren Großvater aus Leipzig stammt, kam die Brieffreundin in Zwickau besuchen. "Es war kein Fremdeln da, keine Distanz - wir waren einfach auf Wellenlänge und glücklich, uns endlich persönlich kennenzulernen", erinnert sich Regina Vögtel. Auch ihrer Freundin ist dieses erste Treffen in Erinnerung geblieben. Denn sie war von der Stadt erst einmal geschockt. "Alles wirkte so trist und grau, die schönen alten Häuser völlig verfallen. Ich habe gedacht, dass ein wenig Farbe die Menschen vielleicht ein bissl fröhlicher gemacht hätte." Umso mehr imponiert der Baden-Württembergerin, dass Regina und ihre Familie in der DDR geblieben sind. "Es war für sie nie eine Frage zu gehen. Fortgehen ist immer einfacher."

Dann kam der 9. November 1989. Beide Frauen verfolgten die Ereignisse der denkwürdigen Nacht vorm Fernseher. In Ost und West konnte man kaum glauben, was man sah, und die Angst um die Freundin schwang bei Gabriele Weislogel mit. Schließlich wusste niemand, ob die Situation nicht doch eskalieren würde.

Was in den Tagen danach geschah, ist bekannt; Grund zur Eile hatten die Vögtels damals nicht. Erst Ende November machten sie sich in ihrem Trabi auf die Reise in den Westen. So lagen sich die beiden Frauen in Neckargemünd fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem ersten Briefkontakt wieder in den Armen.

Seitdem gab es viele Treffen im wiedervereinigten Deutschland. Das 50. Freundschaftsjubiläum verbrachten die Frauen zusammen im Odenwald, die alte Ansichtskarte war im Gepäck. Und die spielte dann auch noch eine Rolle zum 60. Geburtstag ihrer damaligen Absenderin: Regina Vögtel ließ die Karte vergrößern und grafisch bearbeiten und schenkte sie der Freundin als gerahmtes Bild: "Damit hatte sie nicht gerechnet und war ganz gerührt. Freunde fürs Leben sucht man nicht, sie finden sich. Und dafür muss man sehr dankbar sein."

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