Die weiße Puppe Afrika

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Heute: die Hebamme Edeltraut Hertel, die im 10.000 Kilometer entfernten Tansania vom Fall der Mauer erfuhr.

Glauchau.

Wenn sich Edeltraut Hertel an den 9. November 1989 erinnert, dann erinnert sie sich an Afrika. Dort, in der Savanne von Tansania, erreichte sie die Nachricht von der schicksalsträchtigen Nacht in Deutschland. Edeltraut Hertel ist heute 67 Jahre alt - eine große Frau mit lachenden Augen und offenem Gesicht -, und das Abenteuer ihres Lebens begann am 15. Juli 1989. Ein Abenteuer, das mit einer Puppe namens Afrika seinen Anfang genommen hatte.

Edeltraut, von allen nur Edi genannt, lebte ab 1961 mit ihren zwei Schwestern auf dem Hof ihrer Eltern im Glauchauer Ortsteil Rothenbach. Ein Mädchen aus einem christlich geprägten Elternhaus, das gern mit Puppen spielte. Und da gab es ein Wort, das in ihrem Kopf herumspukte: Afrika. "Ich hatte eine Puppe, die habe ich so genannt. Meine Mutter fand, dass das kein passender Name sei, zumal die Puppe weiß war. Aber mich hat das Wort so fasziniert", erinnert sie sich. Was genau die Faszination ausmachte, kann sie heute noch nicht erklären. Es war jedenfalls keine Neugier auf das Land und die Menschen dort, ist sie sich sicher. Schließlich habe sie damals keine Bücher über den fernen Kontinent verschlungen oder versucht, sich weitergehend zu informieren.

Doch der Traum war da und wurde zum Antrieb für den Lebensweg der jungen Frau. Afrikanistik hätte sie gerne studiert, aber der Vater zog ihr diesen Zahn. Und so lernte sie etwas "Ordentliches": Medizinpädagogik an der Humboldtuniversität in Berlin, arbeitete als Lehrerin an einer Krankenpflegeschule in Ludwigslust. Im Kopf immer dieses Afrika.

"Dorthin zu kommen, war eigentlich nur realistisch für Missionare. Mein Vater war mit zweien befreundet. Doch ich hatte vor dieser Arbeit viel zu viel Respekt, und außerdem lehnte die DDR Missionarstätigkeit als koloniales Erbe ab." Das änderte sich jedoch, als sich die Kirchen im Arbeiter- und Bauernstaat Mitte der 80er-Jahre auf eine neue Bezeichnung für die Missionsdienste einigten: Die "kirchliche Entwicklungshilfe". Edeltraut Hertel war dabei - gut vorbereitet durch einen fünfmonatigen Aufenthalt in England: Sprachschule und Kurse in Tropenmedizin standen Anfang 1989 auf dem Programm. Außerdem eine Ausbildung zur Hebamme, die sie zuvor in Berlin absolvieren musste. "Ich wollte nie Hebamme werden, hatte Angst vor der riesigen Verantwortung. Aber das war die Voraussetzung, um als christliche Entwicklungshelferin nach Afrika zu gehen."

Und dann war er da, der große Tag. Edeltraut Hertel, Lehrerin und Hebamme, stand am 15. Juli 1989 auf dem Flughafen von Daressalam in Tansania, mehr als 10.000 Kilometer vom heimatlichen Glauchau entfernt. Von Glücksgefühl keine Spur. "Ich war völlig geschockt - die einzige Weiße weit und breit. Dieses Gefühl, so ganz anders zu sein als alle anderen, kann schon Angst machen", gesteht sie.

Als erste Deutsche seit Kriegsende arbeitete sie dann in der Krankenpflege- und Hebammenschule der Nordwest-Diözese in einem kleinen Dorf, drei Autostunden vom Victoriasee entfernt. Sie bildete junge Frauen zu Hebammen aus und musste erfahren, dass Afrika Traum und Albtraum gleichzeitig sein kann und Entwicklungshilfe ihre Grenzen hat. Es ist nicht verwunderlich, dass das Abenteuer alles andere, auch die politische Situation in der Heimat, in den Hintergrund treten ließ. Dabei, so erzählt die bekennende Christin, sei sie nach ihrer Rückkehr aus England wie "angestachelt" gewesen. Konnte sich nicht mehr damit abfinden, ihre Meinung nicht offen äußern zu dürfen. Selbst in Tansania, dem ersten sozialistische Land auf dem afrikanischen Kontinent, wo man in der Botschaft der DDR versuchte, die Geschehnisse kleinzureden.

An den 9. November 1989 erinnert sich die damals 37-Jährige noch genau. Der Direktor der Sprachschule - sie lernte auch Kisuaheli -, ein Amerikaner, sei am Morgen in den Unterricht gekommen und habe sie mit den Worten begrüßt: "Congratulations! The Berlin Wall has fallen down." Die Berliner Mauer sollte gefallen sein? Für Edi Hertel war das ein blöder Witz. Dass es keiner war, konnte sie dann in der Deutschen Welle verfolgen: "Ich habe auf dem Stuhl gesessen und geheult wie ein Schlosshund."

Achteinhalb Jahre blieb sie in Afrika. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es sein muss, ein vertrautes Land und System zu verlassen und in ein völlig neues zurückzukehren. "Ende 1997 kam ich in ein Deutschland, das in jeder Hinsicht anders war. Ich wusste nicht, wie ein Geldautomat funktioniert, war beim Einkaufen überfordert", gesteht sie. Elisabeth, ihre Schwester, nahm sich dann zwei Wochen frei, um sie beim Einleben zu unterstützen.

Auch mit den Stolpersteinen der neuen Ordnung musste sie jenseits von Afrika klarkommen. Erstmals in ihrem Leben war Edeltraut Hertel arbeitslos, machte sich schließlich als Hebamme selbstständig. Gut 8000 Familien in der Region hat sie seit 1998 betreut, erhielt für ihr christlich-soziales Engagement 2012 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Schaut Edeltraut Hertel, die nun wieder auf dem Hof ihrer Familie lebt, zurück auf ihre Zeit in Afrika und die Erfahrungen im neuen Deutschland, dann gibt es ein klares Resümee: "Gejammert wird bei uns auf hohem Niveau. In Afrika, wo selbst sauberes Trinkwasser ein Schatz ist, lernt man Demut."

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