Ein Weltstar und Otto Normalverbraucher

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 35: Gert Fröbe in Berlin und Bayern.

Zwickau.

Gert Fröbes erste große Kinorolle war die Figur "Otto Normalverbraucher" in der Filmsatire "Berliner Ballade" (1948). Der noch schlanke Zwickauer verkörperte den Kriegsheimkehrer, der sich in den Nachkriegswirren zurechtfinden muss. Gedreht wurde unter anderem in den Studios der Union-Film in Berlin-Tempelhof. Die Bezeichnung Otto Normalverbrau- cher als Synonym für den deut- schen Durchschnittskonsumenten zog in den allgemeinen Sprach- gebrauch ein.

Der Film beginnt mit einer Vi- sion vom Berlin des Jahres 2048. Eine Hintergrundstimme berichtet von kürzlich vorgenommenen Eingemeindungen der "Vororte" Küstrin und Magdeburg sowie von regem Betrieb auf dem Hauptstadtflughafen. O-Ton: "Unaufhörlich starten und landen auf dem neuen Berliner Großflugplatz die Düsenmaschinen der Weltluftlinie New York-Moskau. Er erhebt sich an der Stelle, wo einst der sogenannte Grunewald gestanden haben soll." Angesichts des Debakels um den neuen Berliner Hauptstadtflughafen BER besitzt diese fast 70 Jahre alte Sequenz beinahe prophetischen Charakter: Vielleicht klappt's ja bis 2048. Der von Heinz Rühmann produzierte Film wurde bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet und erhielt eine Nominierung für den British Academy Film Award.

Gert Fröbes privater Wohn- und Rückzugsort hieß rund 20 Jahre lang Icking. In dieser repräsentativen Gegend unweit des Starnberger Sees kaufte der Weltstar Mitte der 1960er-Jahre - als Bond-Wider- sacher "Goldfinger" stand er gerade auf dem Zenit seines Ruhms - ein Anwesen mit 29 Zimmern, parkähnlichem Garten und Blick aufs Isartal. Fröbe kannte die Villa namens "Burg Sonnensturm" bereits seit 1945, weil er hier als Sanitäts- soldat stationiert war. "Das Haus war seine Insel", zitierte der "Münchner Merkur" Adoptivtochter Beate anlässlich der Weihe eines Gert-Fröbe-Weges. 2013 wäre er 100 Jahre alt geworden, weswegen Icking die Zufahrt zur "Burg Sonnensturm" nach dem Schauspieler benannte.

Die renovierungsbedürftige Immobilie stellte für Gert Fröbe, der eine Durststrecke mit weniger attraktiven Rollenangeboten durchlebte, eine finanzielle Hypothek dar und wurde in den 80er-Jahren verkauft. Der Karriereknick beflügelte die Fantasie der Boulevard- presse, schreibt Michael Strauven in der Fröbe-Biografie "Jedermanns Lieblingsschurke". Demnach habe der Künstler nach dem Olympia-Attentat von 1972 den damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher aus Gründen des Personenschutzes beherbergt. "So unwahrscheinlich diese Geschichte auch klingt, beweist sie doch, dass die Fröbe-Burg in Icking gern als Objekt publikumswirksamer Spekulationen genutzt wurde", stellt Strauven fest.

Am 5. September 1988 ist der Sachse 75-jährig im Klinikum München-Großhadern an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Gert Fröbe wurde auf dem Waldfriedhof in Icking beigesetzt . Das Begräbnis sei eine "hektische, unwürdige Angelegenheit" gewesen, schreibt Strauven. Pressevertreter seien rückwärts vor dem Trauerzug hergestolpert und Lebensbäume, die das Grab abschirmen sollten, im Gedränge umgefallen. Der Pfarrer habe unterbrechen und um mehr Respekt bitten müssen. Nur wenige von Fröbes ehemaligen Freunden und Kollegen sind laut Strauven überhaupt gekommen. Als nach der Trauerfeier Ruhe eingekehrt war, sei aber Heinz Rühmann - "sein fast lebenslanger Maßstab für Erfolg, sein Förderer und ewiger Rivale" - erschienen und habe eine Blume aufs Grab gelegt. Fröbe hatte immer auf Rühmanns lustige Rollen geschielt, während dieser gern eine internationale Karriere à la "Goldfinger" gemacht hätte.

Gert Fröbes letzte Rolle war die des eigensinnigen 100-jährigen Patienten Theodor Katz in der "Schwarzwaldklinik". Die zugleich letzte Folge der ZDF-Erfolgsserie wurde ein halbes Jahr nach seinem Tod erstmals ausgestrahlt.

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