Eisenbahnreparaturen: Ein Auf und Ab

Zwickau.

Die Zwickau-Lengenfeld-Falkensteiner Eisenbahn-Gesellschaft hatte sich mit dem Bau dieser Eisenbahnstrecke (ZF-Linie) finanziell übernommen. Am 15. Juli 1876 wurde der komplette Verkauf der Strecke und des Maschinenparks an das sächsische Finanzministerium rechtskräftig. Da der an der späteren Werkstättenstraße in Zwickau separat liegende Lengenfelder Bahnhof für Reisende zum Umsteigen sehr unpraktisch war, begannen sofort Bauarbeiten, um die ZF-Linie von Stenn über eine Lückenschließung und die Gleise der Dresden-Werdauer Linie an den Zwickauer Bahnhof zu führen.

Im Jahr 1877 erteilten die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen für das Areal des Lengenfelder Bahnhofs die Genehmigung zur Einrichtung eines Werkstättenbahnhofs, dessen Herzstück die Wagenreparaturhalle bildete. Einige Neubauten, so zum Beispiel die Schmiede und das Kesselhaus, ergänzten die vorhandene Bausubstanz (Güterschuppen, Wasserstation, Rampe, Kohlelager). Im Jahre 1878 wurden in den Werkstätten die Reparaturarbeiten aufgenommen.

Das Gelände war für den Zweck des sehr beengt liegenden Werkstättenbahnhofs allerdings wenig geeignet, denn der unterirdische Abbau der Steinkohle verursachte beträchtliche Senkungen an der Erdoberfläche. Deshalb setzte sich das Finanzministerium in einem Schreiben vom 25. April 1898 an die Direktion der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen für den Bau neuer Eisenbahnwerkstätten in Zwickau ein. Von 1897 bis 1904 wurden für die geplanten neuen Anlagen im Westen Zwickaus 315.000 Quadratmeter Land auf Marienthaler Flur erworben. Am 22. August 1903 wurde schließlich mit dem Bau der neuen Eisenbahnwerkstätten begonnen. Nach und nach entstand in schwerer Erdarbeit (sechs Meter Höhenunterschied) eine 1800 Meter lange und nur 260 Meter breite Werkanlage. In den Jahren 1904 bis 1908 wurden dann die Hochbauten aufgeführt, sodass am 1. April 1908 in Zwickau-Marienthal die offizielle Aufnahme der Arbeiten in den Eisenbahnwerkstätten erfolgen konnte. Es wurden Güter-, Pack- und Personenwagen sowie Normalspur- und Schmalspurlokomotiven repariert, gewartet und abgenommen.

Am 15. Dezember 1924 benannte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft die Eisenbahnhauptwerkstätten, so auch in Zwickau, in Eisenbahnausbesserungswerke (EAW) um. Erst 1937 erhielten diese Werke die Bezeichnung Reichsbahnausbesserungswerk (RAW). Während im Jahre 1920 die Belegschaft des Werkes etwa 2000 Beschäftigte umfasste, ging diese Zahl während der Weltwirtschaftskrise bis Ende 1932 auf 840 zurück. Dem Werk drohte die Schließung. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten (1933) kam die Entwicklung des EAW wieder in Gang. Unter Losungen, wie "Räder müssen rollen für den Sieg!" wurde das Werk modernisiert und die Arbeitszeit während des Krieges auf zehn Stunden täglich ausgedehnt. 885 freiwillige und dienstverpflichtete Italiener und Holländer, 554 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Frankreich und Polen nahmen die Arbeitsplätze der deutschen Kollegen ein, die zur Wehrmacht eingezogen wurden. Nach dem Eintreffen von Mitarbeitern aus dem RAW Breslau erhöhte sich die Zahl der Werksangehörigen von 3478 auf 5171.

Am 13. Mai 1944 fielen erstmals amerikanische Bomben auf das RAW. Die Belegschaft musste die ersten Todesopfer beklagen, darunter auch Ausländer. Am 7. Oktober 1944 traf eine Bombe den nordwestlichen Teil der Wagenwerkstatthalle und einen Teil zum Einsturz. Am 11. April 1945 kam es zum letzten Luftangriff mit erheblichen Schäden an der Wagenwerkstatt, an Kran- und Gleisanlagen und an der Gleiswaage (Zerstörungsgrad des RAW: 87 Prozent). Nach der Beseitigung von Trümmern begann die Belegschaft am 1. Juni 1945 mit der Reparatur dringend benötigter Lokomotiven und Güterwagen. Bis zum Ende des Jahres 1945 wurden von 3048 Beschäftigten 358 Lokomotiven und 4818 Güterwagen instand gesetzt. Am 13. Oktober 1950 wurde dem RAW Zwickau "wegen guter Arbeitsleistungen und auf Antrag der Belegschaft" vom Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der Name "7. Oktober" (Gründungstag der DDR) verliehen.

Am 21. November 1966 war bei der Reparatur von Güterwagen die Viertelmillion erreicht. Zahlreiche Dampflokomotiven wurden auf die effektivere Kohlenstaubfeuerung umgerüstet. In den Jahren von 1960 bis 1968 wurden 6100 Spurwechselradsätze produziert. Von 1963 bis 1977 stellte das Werk auch etwa 12.000 Drehgestellrahmen her. 1968 erhielt das RAW Zwickau den Auftrag, die Containerproduktion aufzubauen. Der Betrieb wurde alleiniger Hersteller von 20-Fuß-Containern in der DDR. So endete mit der Übergabe der letzten ausgebesserten Dampflok Nr. 58 3031 (der 12.962. seit 1945) am 13. Dezember 1968 die Ära der Reparatur von Dampflokomotiven im Zwickauer RAW. Am 3. Oktober 1969 wurde eine teilautomatisierte Taktstraße in der ehemaligen Kesselschmiede in Betrieb genommen. Schwerpunkt blieb aber die Reparatur von vierachsigen offenen Güterwagen. Am 5. Oktober 1977 wurde die Produktion des neuen vierachsigen, offenen Drehgestellgüterwagens der Gattung Eas aufgenommen (1979 beendet). Etwa 9000 Güterwagen wurden 1983 instand gesetzt und mehr als 7000 Container neu gefertigt beziehungsweise repariert. Am 3. Februar 1986 konnte der erste vierachsige, offene Großraumgüterwagen der Gattung Eas übergeben werden. Der Güterwagen-Neubau endete im Juni 1990.

Ein Betriebsjubiläum - 75 Jahre Ausbesserungswerk in Marienthal - wurde als Anlass genommen, vor dem Verwaltungsgebäude einen Treibradsatz einer Lok der BR 58 als Denkmal aufzustellen und damit an die Dampflokausbesserung im RAW Zwickau zu erinnern. Stillschweigend wurde am 30. April 1990 der Ehrenname "7. Oktober" abgelegt. Die Containerfertigung und -reparatur ging in Zwickau 1992 zu Ende. Zwischen 1968 und 1992 waren etwa 140.000 Groß-Container verschiedener Typen unter dem Markenzeichen "Deracon" gebaut worden. Bis zum 31. Dezember 1992 war die Belegschaft seit 1989 um rund ein Drittel auf 1979 Personen reduziert worden.

Zum 1. Januar 2001 ordnete die Deutsche Bahn die Zugehörigkeit der Ausbesserungswerke neu. Nach einer Vorstandssitzung der DB AG am 26. Juni 2001 wurde in der "Freien Presse" darüber informiert, dass nach Ansicht der Konzernleitung wegen des insgesamt weiter rückläufigen Güterverkehrs Güterwagen zukünftig nur noch in zwei Werken instand gehalten werden sollten, sodass der Standort Zwickau zur Schließung vorgesehen war. Am 26. April 2002 schrieb die Deutsche Bahn AG mehrere Instandsetzungswerke europaweit zum Verkauf aus, so auch das in Zwickau. Am 30. Juni 2003 wurde der letzte Radsatz in der erst modernisierten Radsatzwerkstatt fertiggestellt. Am 19. Dezember 2003 verließen die letzten Mitarbeiter die Wagenrichthalle II des Ausbesserungswerkes Zwickau. Damit ging die Ära der Schwerausbesserung von Schienenfahrzeugen in Zwickau endgültig zu Ende.

Am 1. Januar 2004 verschwand so mit dem ehemaligen RAW Zwickau ein weiteres Ausbesserungswerk aus der "Werke-Landschaft" der Deutschen Bahn AG. Dafür fungierte als Nachfolgebetrieb in der ehemaligen Güterwagen-Neubauhalle die DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH Werk Paderborn, Servicewerkstatt Zwickau mit einer Lok- und Wagenreparatur. Die Servicewerkstatt, die seit 1. Januar 2008 im Rahmen der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH selbständig war, beschäftigte 94 MitarbeiterInnen. Das Werk wurde Ende 2015 geschlossen.

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