Kleines Dorf macht Schlagzeilen

Original Westsachse(n): "Freie Presse" stellt vor, was typisch ist für den Landkreis Zwickau. Heute: das witzigste Dorf Westsachsens.

Mülsen.

Noch ist der Titel nicht verloren: Der Guinnessbuch-der-Rekorde-Verlag will jetzt die exakten Daten des vielleicht größten, teuersten und schwersten Schwibbogens der Welt wissen. Aus einem Jux ist mittlerweile richtig Arbeit geworden. Doch die Ortmannsdorfer, allen voran das Urgestein Dieter Unger, werden liefern.

Der überdimensionierte Schwibbogen, mit dem die Bewohner des Mülsener Ortsteils einen Weltrekordversuch wagen, ist eigentlich eine Stützmauer. Aber was für eine! Der Landkreis Zwickau hat diese bauen lassen, weil der Hang an der Neuschönburger Straße beim Hochwasser 2013 gänzlich abzurutschen drohte. Rund anderthalb Jahre war die Neuschönburger Straße wegen dieser Baustelle größtenteils voll gesperrt gewesen. Die Ortmannsdorfer murrten wegen der Umleitungsstrecke, hielten aber tapfer durch, weil die ja nicht von Dauer sein konnte. Wohl aber die Mauer, die von Monat zu Monat höher und höher wuchs. Letztlich hat sie 6,30 luftige Meter erreicht, ist 125 Meter lang und rund 2,3 Millionen Euro teuer. Und mehr als 2000 Kubikmeter Beton sollen dort verbaut worden sein. Ein Bollwerk gegen die Himmelsfluten! Das muss inszeniert werden, sagten sich einige Spaßvögel bei einem geselligen Beisammensein im Reiterstübel auf Landwirt Dieter Ungers Hof. Es ist nicht überliefert, wem die Erleuchtung kam. Ein kleines Grüppchen "Verrückter", wie Unger verrät, machte sich jedoch an die Arbeit und schmückte die Mauer mit mehr als 30 Lampen. Mit einem kleinen Volksfest, bei dem das halbe Dorf auf den Beinen war, wurde der Mega-Schwibbogen am ersten Advent angeschaltet.

Dass in Mülsens Osten ein humorvolles Völkchen wohnt, ist nicht erst seit Weihnachten bekannt. Unger selbst, der für die Wählervereinigung Impuls im Gemeinderat sitzt, sorgt seit Jahren mit seinen spontanen Einwürfen bei den Ratssitzungen für Gelächter.

Im Vorjahr, zur 800-Jahr-Feier des Ortsteils, erheiterte ein Urahn die Gäste. Anwohner hatten ein Gerippe als Festpuppe an die Straße gestellt, das sich bedankte, dass das Pflaster im Ort, zu dem auch das vor Jahren eingemeindete Neuschönburg gehört, 800 Jahre nahezu unberührt geblieben ist. Eine Kritik, die angesichts des Flickenteppichs, mit dem die Ortmannsdorfer und Neuschönburger seit Jahrzehnten vor ihren Häusern leben, berechtigt ist. Seit Jahren fordert die Gemeinde die Ausgleichszahlungen vom Freistaat für den Reparaturstau. Noch immer fehlen positive Signale aus Dresden. "Wir hoffen, mit der neuen Landesregierung zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen", sagte Bürgermeister Hendric Freund (parteilos) vor wenigen Tagen.

Liegt es am Wasser, dass die Ortmannsdorfer so voller Humor durchs Leben gehen? Immerhin sollen sich im Neuschönburger Wald drei Quellen des Mülsenbaches befinden, der sich durch die Großgemeinde schlängelt. Macht das die Muttermilch besonders? Was haben die Bewohner, was andere nicht haben? Der aus Neuschönburg stammende Karikaturist Veit Schenderlein lacht. "Humor kann extrem entwaffnend sein", sagt Schenderlein und zitiert Joachim Ringelnatz: "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt."

Der 50-jährige Schenderlein sorgt seit Jahrzehnten mit seinen Bildern knollennasiger Figuren für Humor in heimischen Wohnzimmern, Büros und Arztpraxen, neuerdings mit bedruckten Taschen auch für unterwegs. Er ist selbst in einem Haus aufgewachsen, in dem man die kleinen Ärgernisse des Alltags mit Wortwitz und Selbstironie überspielte. Als Nachzügler sei er durchaus autoritär erzogen worden. Allerdings pflegten die Eltern, die beide sehr humorvoll sind, zwischen den Zeilen Dinge zu benennen. Und sie lehrten ihn, zwischen den Zeilen zu lesen. Der Handwerksmeister, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, überträgt diese Kunst nun auf seine Zeichnungen.

Dass die Ortmannsdorfer wirklich anders als andere sind, daran glaubt er aber nicht. Hier wie dort finde man Menschen, die keine Lust darauf haben, das Leben so bierernst zu betrachten. Schenderlein: "Die Ortmannsdorfer teilen ihre Sicht auf die Dinge nur gern mit der Öffentlichkeit." Und warum auch nicht, wenn Lachen doch gesund sein soll? Die Schwibbogenaktion hat ihn selbst mehr als amüsiert. "Ich hab mich bald kaputtgelacht, als ich gehört habe, was die mit diesem Wahnsinnsbau vorhaben", sagt er.

Wird Ortmannsdorf nun Weltruhm erlangen? Noch wartet Dieter Unger auf die Antwort. Sollte es länger dauern, ist wohl damit zu rechnen, dass die Ortmannsdorfer erneut etwas aushecken. An der nächsten Steilvorlage wird gerade gebaut: Sie haben die Schmutzlerbrücke, die gerade inklusive der Stützwände an der Straße neu errichtet wird, direkt vor der Nase.

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