Kommt nicht in die Tüte?

Auch das noch: Der Zwickauer Stadtrat streitet sich eine knappe Stunde darüber, ob Kinder eine Zuckertütenfabrik besuchen dürfen.

Zwickau.

Auf Antrag der AfD hat der Stadtrat am Donnerstag über eine Angelegenheit diskutiert, über die nach dem Schulanfang fast schon wieder Gras gewachsen war: das von der Stadtverwaltung ausgesprochene Verbot an städtische Kindergärten, mit den Vorschülern die Zuckertütenfabrik Roth im benachbarten Stenn zu besuchen. AfD-Fraktionschef Sven Itzek forderte den Rat dazu auf, man möge einen gemeinsamen Antrag finden, um das Verbot rückgängig zu machen. Er argumentierte einerseits damit, dass der Besuch regionaler Unternehmen durchaus als Wirtschaftsförderung zu verstehen ist. Zum anderen bemühte er den Gleichbehandlungsgrundsatz und sieht Zwickauer Kindergartenkinder um ihre Rechte gebracht.

Um ihr Recht gebracht sieht sich allerdings auch die Verwaltungschefin. Nämlich um das Recht, Weisungen zu erteilen. "Sie haben dort nichts mitzubestimmen", sagte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) dem Rat im Allgemeinen und Itzek im Besonderen. Einer der Gründe, warum sie diese Besuche den insgesamt sechs Einrichtungen, die das bisher angeboten hatten, untersagte, sind die Preise der Firma Roth: Nicht jede Familie könne sich eine Glitzer-Zuckertüte für 150 Euro leisten, sagte sie - und bekam aus dem Rat gleich doppelt Erziehungstipps. Während AfD-Vertreter Alexander Schwarz deutlich machte, dass Diskussionen über den Preis einer Tüte (und deren Ergebnis) reine Erziehungsfrage sind, empfahl Irina Teichert Hilfe zur Selbsthilfe. Die Linken-Politikerin hat die Firma mit Enkeltochter besucht, die teuren Exemplare links liegen lassen und eine preiswertere Schultüte mit dem Mädchen gemeinsam aufgeglitzert.

Mit diesen Ratschlägen allein ließen es die Bürgervertreter aber nicht bewenden. Es ging auch um die Frage, ob der Rat wirklich eine Stunde lang über dieses Thema diskutieren muss. SPD-Fraktionsvorsitzender Jens Heinzig jedenfalls hatte seine Zweifel. "Wenn wir nichts anderes zu tun haben, geht es uns doch gut", sagte er. Doch einiges, so schien es, musste unbedingt noch gesagt werden. Gerald Otto beispielsweise betonte: "Das hier ist eine öffentliche Vorführung der Verwaltung, die mir nicht gefällt." Er neige inzwischen dazu, die Entscheidung der Verwaltung zu akzeptieren, zumal er im sächsischen Innenministerium nachgefragt hat. Dort habe man keine rechtlichen Bedenken gegen das Vorgehen der Verwaltung - zumal die Oberbürgermeisterin betonte, dass sie nichts dagegen habe, wenn Schulklassen eine Exkursion nach Stenn unternehmen.

Einen Kompromissvorschlag unterbreiteten Thomas Beierlein (CDU) und Carol Forster (FDP): Sie fänden es schick, wenn die Verwaltung die Firma Roth dazu gewinnen könnte, einen der leerstehenden Läden an der Zwickauer Hauptstraße zu nutzen, um ihre Produkte dort auszustellen. Das belebe auch die einstige Flaniermeile.

Merke: Wenn das Kind nicht zur Tüte kommt, kommt die Tüte zum Kind.

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