Schrankenloser Weihnachtsmarkt: Stadt hält Barrieren für nutzlos

Dieses Jahr schützen keine Betonelemente die Zugänge zum Zwickauer Weihnachtsmarkt. Solche Sperren würden nichts bringen, glaubt man im Rathaus. Stattdessen hat der Durchgangsverkehr freie Bahn.

Zwickau.

Nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016, der zwölf Todesopfer forderte, waren viele solcher Märkte, auch der Zwickauer, an den Zufahrten mit Betonbarrieren gesichert worden. Dieses Jahr gibt es keine in der Muldestadt. Und während an etlichen Zufahrten Vollsperrscheiben aufgestellt wurden, ist der Weg von der Marienstraße über den Marienplatz und die Münzstraße zum Weihnachtsmarkt auf dem Kornmarkt durchgängig befahrbar. "Wer jetzt wirklich einen Anschlag planen sollte, kann dort ungehindert unzählige Menschen überfahren. Ich persönlich finde das erschreckend und beängstigend", schreibt Leser Mike Triemer und fragt, ob es eine Begründung dafür gibt, dass "sooo wenig Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden".

Barrieren: Ob es mit den früheren Betonbarrieren sicherer auf dem Weihnachtsmarkt war, bezweifelt Lars Zschieschang, Sachgebietsleiter Stadtordnungsdienst. "Gefährlich ist, was wir glauben zu wissen", sagt er und fügt hinzu, dass improvisierter Schutz wie Betonpoller nur potenziellen Tätern nutzen würde. Zschieschang berichtet, dass er an einer Fachtagung zu dem Thema teilgenommen hat. Dort habe Christian Schröder, Geschäftsführer der Initiative Breitscheidplatz, die nach dem Terroranschlag gegründet wurde, über wissenschaftliche Untersuchungen zum Anfahrtschutz informierte. Ein Versuch zeigte, dass ein 40 Tonner, der mit 61 km/h auf einen 3,6 Tonnen schweren Betonblock (160x120x80) stößt, nicht etwa ausgebremst wird, sondern diesen 194Meter vor sich her schiebt. Ein als Barriere aufgestellter T5-Bus (1,7 Tonnen) würde von einem 7,5Tonner bei 48 km/h 35 Meter in die Massen geschoben werden. "Solche Barrieren bringen also keineswegs Sicherheit", sagt er. Wirksamer seien zertifizierte Barrieren, beispielsweise in der Straße fest eingebaute Betonplatten mit aufklappbaren Schikanen. Auch Poller, die zwei Meter in den Boden eingelassen werden müssen. Doch dafür müssten meist auch Medien in der Straße umverlegt werden. Es dürften aber keine Rettungswege blockiert werden. So sei auch in den vergangenen Jahren immer mit dem Drehleiterfahrzeug der Feuerwehr probiert worden, ob sich das Auto im Ernstfall zwischen den Betonelementen hindurchschlängeln kann.

Schutzkonzept: Ordnungsamtsleiter Rainer Kallweit betont: "100-prozentige Sicherheit wird es nie geben." Aber die in Zwickau 2017 gegründete AG Sicherheit, in der Vertreter von Ordnungsamt, Feuerwehr, Polizei, Kultour Z., Kulturamt und Rettungszweckverband wirken, arbeite derzeit an einer Schutzkonzeption. Ob und welche zertifizierten Schikanen wann wo zum Einsatz kommen, darüber sei noch nicht entschieden worden. Die AG beschäftigt sich nicht nur mit der Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt, sondern auch mit der beim Stadtfest, dem Fackelzauber und Veranstaltungen auf dem Flugplatz. Sicherheit: Zur Sicherheit der Weihnachtsmarktbesucher würden derzeit verstärkt Polizisten und der Stadtordnungsdienst Streife laufen. Auf Anfrage informierte Matthias Rose, Märkte-Chef der Kultour Z., dass insgesamt acht Kameras (vier auf dem Hauptmarkt und je zwei auf dem Kornmarkt und dem Domhof) installiert worden sind. So habe man dass Geschehen dort Tag und Nacht im Blick.

Offene Zufahrt: Zwickauer kritisieren darüber hinaus, dass der Verkehr von der Marienstraße über den Marienplatz und die Münzstraße bis zum Kornmarkt ungehindert rollen kann, obwohl der Bereich von jeder Menge Weihnachtsmarktbesuchern bevölkert ist, die zwischen Haupt- und Kornmarkt sowie Domhof flanieren. Rathaussprecher Mathias Merz sagt, dass es sich bei der Marienstraße um die sogenannte Hauptandienungsstraße im Stadtzentrum handle. Eine Befahrung einschließlich Münzstraße, Kornmarkt und Klosterstraße müsse deshalb auch während des Weihnachtsmarktes gewährleistet sein. Da das gesamte Weihnachtsmarktgelände als verkehrsberuhigte Zone ausgewiesen ist, gilt dort zumindest theoretisch Schrittgeschwindigkeit, wodurch ein Zugewinn an Sicherheit erzielt werde. Laut Polizei hat es in dem Bereich während des Weihnachtsmarktes bisher noch keinen Unfall mit Personenschaden gegeben.

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