Theatermacher: Wo gesägt und geschweißt wird

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die "Freie Presse" stellt Menschen vor, die dafür sorgen, dass Leben auf die Bühne kommt. Teil 2: Tischlerei und Schlosserei

Zwickau.

"Im Anfang war das Wort", lässt Goethe seinen Faust im Studierzimmer aus der Bibel zitieren. Das trifft auch auf jede Theaterinszenierung zu. Am Anfang gibt es immer erst eine Bühnenbildbesprechung - mit den Vertretern aller Gewerke. Dort wird diskutiert, ob und wie die Vorstellungen aus technischer und finanzieller Sicht im vorhandenen Zeitrahmen umsetzbar sind. Es wird unter anderem entschieden, was aus Aluminium, Stahl oder Holz gebaut wird. Die vom Produktionsleiter abgesegneten Baupläne landen in der Tischlerei und Schlosserei, die sich ein flaches Gebäude im Theaterhof teilen. Das wurde noch nicht saniert.

"Das hat noch den alten Charme", sagt Oelschlägel lachend. Er kam einst auf Empfehlung eines ehemaligen Sachsenring-Kollegen zum Theater, wo man damals einen Tischler suchte. "Ich bin jetzt 25 Jahre dabei und finde es immer wieder spannend. Ich gehe gern auf Arbeit. Es ist stets Abwechslung da, nichts von der Stange." Der 56-Jährige fertigt mit seinem Kollegen Sebastian Hofmann (37) alle größeren Holzkonstruktionen an, die für ein Bühnenbild benötigt werden: Podien, Treppen, Brücken. Auch spezielle Türen und Tische mit Sollbruchstellen, die in der jeweiligen Szene beim Dagegentreten oder Drauffallen kaputt gehen sollen, ohne dass der Darsteller Schaden nimmt.

Ihre Werkzeugpalette reicht von der wandfüllenden modernen Formatsäge aus der Schweiz, um die großformatigen Platten aufzuteilen, bis hin zur kampferprobten Bandsäge aus Bulgarien. "Als ich reinkam, ging meist das Blatt kaputt", scherzt Heinrich (Puppen-)Schulze, der gerade seine früheren Kollegen besucht. Das Obergeschoss steht voll mit Regalen. "Das sind unsere heiligen Hallen", erklärt Bernd Oelschlägel. "Alles, was mal übrig geblieben ist - von irgendwelchen Zierleisten über Kugeln, Geländer. Aber das wird oft gebraucht. Vieles muss ja alt aussehen, und da ist man froh, wenn wir hier noch ein paar Altlasten haben." Die fertigen Teile werden in den Malsaal transportiert und dort mit Farbe versehen. "Zur technischen Einrichtung schafft die Bühnentechnik das Zeug auf die Bühne, da wird geguckt, ob alles passt."

Könnte man nicht Dinge von vornherein so anfertigen, dass sie auch in einem folgenden Stück Verwendung finden? "Das funktioniert nicht. Die Bühnenbildner sind wie Architekten. Die nehmen nichts vom Vorgänger", begründet Oelschlägel. "Die sind da sehr eitel, sie wollen ihre eigenen Ideen verwirklichen. Es ist ganz selten, dass mal etwas übernommen wird."

Die Schlosserei nebenan ist nicht so geräumig, aber ebenfalls ordentlich ausgestattet. "Es ist alles da, was wir brauchen", sagt Uwe Gärtner. Stangen, Vierkantrohre, Schweißgeräte, Sägen, Bohrmaschinen. "Ich mache alles, was aus Aluminium und Stahl für die Kulissen und Dekorationen gebraucht wird", erzählt der Schlosser, der seine Lehre in der Zwickauer Maschinenfabrik absolvierte und seit 31 Jahren am Theater arbeitet. "Damals waren wir noch zwei Mitarbeiter. Mein Kollege ist 2001 in Rente gegangen, seitdem bin ich hier Einzelkämpfer."

Der 49-Jährige fühlt sich wohl in seiner Werkstatt. Kreativität ist gefragt. "Man muss sich oft was einfallen lassen. Die Bühnenbildner haben oft Wünsche, aber keine Ideen, wie das umgesetzt werden soll", meint Gärtner. Er findet stets eine Lösung. Zu beachten gilt: "Wir müssen immer so bauen, dass wir es in den Lkw kriegen und wieder auf die Bühne, damit es transportfähig ist." Die Größe der Türen, der Fahrstühle und die Lkw-Ausmaße geben also den Rahmen vor. Der Schlosser hat selbst erfahren, was passiert, wenn man dies nicht bedenkt. "In meinen Anfangsjahren habe ich in der Schlosserei eine Pyramide gebaut. Als ich fertig war, habe ich festgestellt, dass es zu groß geraten war für die Tür. Also musste ich alles wieder auseinandernehmen."

Da momentan nichts zur Aufführung kommt, übernehmen die Werkstätten auch Arbeiten, die mit dem Hausumbau zu tun haben. Angefertigt werden vor allem Regale, Halterungen für Scheinwerfer oder für die Tonabteilung ein stabiler Tisch, auf den das Mischpult gestellt wird. In Grau, passend zum Fußboden im Gewandhaus. "Jede Abteilung, die wieder einzieht, braucht irgendwas. Die halten uns auf Trab", sagt Bernd Oelschlägel. Und ist damit wieder bei Faust, der in der eingangs erwähnten Szene zur Einsicht kommt: Im Anfang war die Tat!

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.