Von der US-Metropole Chicago ins beschauliche Reinsdorf

Highschool-Schüler erleben derzeit den Alltag von deutschen Jugendlichen. Ein Projekt, dass erst zu laufen anfängt.

Reinsdorf.

Wu Jingwen wusste, worauf sie sich einlässt. "Dass es hier aber so schön ist, hätte ich nicht gedacht", sagt die Highschool-Schülerin aus Chicago. Die 17-Jährige gehört zu einer 15-köpfigen Schülergruppe der Mansueto-Highschool, die künftig mit den Internationalen Schulen in Reinsdorf diverse Projekte umsetzen will. Dazu gehört vor allem ein reger Schüleraustausch.

Neben Exkursionen und der Teilnahme am Unterricht verbrachte die junge US-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln wie ihre Mitschüler viel Zeit mit den Gastfamilien. So kam Wu Jingwen bei der 14-jährigen Lucia Fichtner unter, die nur einen Steinwurf entfernt vom Reinsdorfer Schulkomplex wohnt. In dem Mehrfamilienhaus am Mittleren Schulweg hatte sie ihr eigenes Zimmer. "Wir haben viel Platz", sagt Cliff Fichtner, der sich seit Längerem zusammen mit seiner Ehefrau Anja und seiner zweiten Tochter Emilia intensiv auf den jungen Gast vorbereitet hat. Dass sein Englisch längst nicht mehr ganz so perfekt wie vor Jahren noch rüberkam, störte weniger. Dafür glänzte Lucia mit ihren Sprachkenntnissen, die sich selbst als absoluten Amerika-Fan beschreibt. "Ich könnte mir sogar vorstellen, eines Tages auszuwandern, in dem großen Land zu arbeiten und zu leben", sagt die Gymnasiastin, die sich vor allem für Kunst und Kultur begeistert und auf Anhieb mit Wu Jingwen verstand. Das geht den Eltern Anja und Cliff Fichtner nicht anders. "Sie ist ein bodenständiges, freundliches und weltoffenes Mädchen", sagt der Immobilien-Fachmann, der nicht zuletzt seiner Tochter zuliebe die deutsch-amerikanische Freundschaft ein wenig auf die Spitze trieb: So wehen die Flaggen der beiden Länder schon während des Frühstücks auf der Terrasse. "Ich glaube, Deutsche und Amerikaner sind sich viel ähnlicher als wir wahrhaben wollen", fügt die Reinsdorfer Schülerin an.


Wu Jingwen, die in einer der größten Städte in den USA zuhause ist, mag aber auch das viele Grün und die fein sanierten Häuser in Reinsdorf. "Es gibt hier so viele historische Gebäude", sagt die US-Amerikanerin, der ein Teil der deutschen Geschichte im Unterricht vermittelt wird. "Zum Lehrplan gehören unter anderem der Zweite Weltkrieg und die Judenverfolgung", erklärt Wu Jingwen, die deshalb mit den Mitschülern in der Vorwoche die Gedenkstätte Buchenwald besichtigte - inklusive englischsprachiger Führung. "Das war erschreckend", formuliert sie nach dem Besuch des Konzentrationslagers. Es sei wichtig, Geschichte zu verstehen. Auch werde über die aktuelle Politik in ihrem Land diskutiert. So sei sie mit der Flüchtlingspolitik von Präsident Trump wenig zufrieden. "Amerika wird immer als Land der Träume bezeichnet. Auch mein Großvater durfte damals nach Amerika einreisen, seinen Traum verwirklichen", sagt die Highschool-Schülerin, die gern Schnitzel isst und tanzt. Im nächsten Jahr wird sie 18. Dann dürfe sie zum ersten Mal wählen gehen. So wünscht sie sich Politiker, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Daher verwundert es wenig, dass Wu Jingwen später als Wissenschaftlerin arbeiten will.

Dass die 15 Schüler und drei Betreuer aus Chicago überhaupt nach Westsachsen reisen konnten, ist einer 50.000-Dollar-Spende zu verdanken, sagt Sportlehrer Michael Klose, der zusammen mit Kollegin Nadine Fiedler das Programm für den Aufenthalt der US-Schüler in Reinsdorf auf die Beine stellte. Auslöser für diese neue Partnerschaft sei aber ein anderer gewesen - und zwar Thomas Evans, der an der Mansueto-Highschool in Chicago Wissen in den Fächern Geschichte und Philosophie vermittelt. Evans hatte zuvor vier Jahre lang in Reinsdorf unterrichtet - auf Englisch. Er brachte schließlich den Schüleraustausch in Gang. So wollen Klose und Fiedler mit ihren Schülern am 17. September in den Flieger steigen: Ziel: Chicago.


18 Kitas und 15 Schulen

Zum Verbund der Gesellschaft zur ganzheitlichen Bildung (GGB) und Saxony International School (SIS) gehören 18 Fremdsprachenkindertagesstätten sowie 15 Grund-, Oberschulen und Gymnasien in Südwestsachsen. Rüdiger School und Melissa Blankenship-Küttner führen die beiden Gesellschaften gemeinsam. GGB und SIS bilden eigenen Angaben nach derzeit den einzigen Trägerverbund in Sachsen, der ein bilinguales, wirtschaftsnahes, international ausgerichtetes und durchgängiges Bildungskonzept anbietet. Erst im März ist die Internationale Oberschule Meerane als Leuchtturm der digitalen Bildung (Smart School) ausgezeichnet worden. (jwa)

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