Würdevoll durch die schlimme Phase: Friseurmeisterin hilft

Wegbegleiter für Schwerstkranke und Sterbende sind nicht nur Ärzte, Schwestern und Hospizdienste. Auch Friseure können auf besondere Weise nah dran sein am Schicksal der Betroffenen. Eine von ihnen ist Christine Hunger.

Zwickau.

Ihre Freundin war die allererste. "Ihre Haare begannen auszufallen. Sie wollte sie sich selbst abrasieren, hatte dabei aber Schmerzen und bat mich um Hilfe. Mir zitterten die Knie, und ich habe geheult. Da schrie sie mich an: Hör auf, es sind doch meine Haare!" erinnert sich Christine Hunger an die erste Kahlrasur einer Krebspatientin. Heute befreit die Zwickauer Friseurmeisterin im Jahr durchschnittlich 350 Frauen, denen wegen einer Chemotherapie die Haare ausgehen, von ihrem Schopf. "Ich sage mir einfach: Du kannst die Frauen nicht alleine lassen. Du musst ihnen helfen."

Am 1. Februar 1983 machte sich Friseurmeisterin Christine Hunger selbstständig, arbeitete zunächst allein, später stieg ihre Tochter Sandra Frommelt mit ein. 1992 verlegten sie das Haarstudio an den Sandweg. Ende der 1990er-Jahre fragte eine Vertreterin der Haarkunst die gebürtige Ebersbrunnerin, ob sie nicht ein Perückenstudio eröffnen wolle. Hunger hatte den Platz und bekam die Option, nach einem Jahr wieder aussteigen zu können. "Ich habe viele Lehrgänge besucht und Schulungen gemacht. Es ist gar nicht so einfach, man muss Wuchsrichtung oder auch Kopfform beachten. Ich fand Spaß daran", erinnert sie sich. Der zweite Radikalschnitt ging ohne eigene Tränen über die Bühne. "Bei fremden Leuten gelingt das mit den Emotionen besser. Bei Freunden oder Bekannten haut es mich schon um", gesteht Christine Hunger. Sechs Angehörige hatten Krebsleiden, einige hat sie bis zum bitteren Ende begleitet, zwei haben die Krankheit besiegen können. Daran, aber auch an ihrem Glauben richtet sich die 68-Jährige wieder auf. Die Kunden - meist Brustkrebspatientinnen - reagieren verschieden auf diesen doch radikalen Eingriff. "Wir hatten schon Frauen, die sind beim Blick in den Spiegel zusammengebrochen. Andere bringen Freundinnen mit und stoßen mit Sekt an. Wir arrangieren es so, wie es die Kranken mögen." Hunger zufolge ist wichtig, dass man sich bei einer Chemotherapie gut fühlt. "Wenn nicht, trägt das nicht zur Genesung bei."

Torsten Kleditzsch

Die Nachrichten des Tages:Der „Freie Presse“-Newsletter von Chefredakteur Torsten Kleditzsch

kostenlos bestellen

Seit fünf Jahren lässt sich Christine Hunger nur noch höchst selten im Friseursalon ihrer 46-jährigen Tochter sehen. "Ich schaffe nicht mehr Beides, würde mich auch freuen, wenn wir eine Fachkraft finden würden, die sich das zutraut." Die 16-jährige Enkelin zeigt kein Interesse. Neben fachlichem Können ist Zuhören das Wichtigste für die große Rasur und die noch größeren Ängste. "Die meisten sagen aber: Ich hab's mir schlimmer vorgestellt." Manche Brustkrebspatientin lässt sich trösten, wenn sie hört, dass die Haare bei dieser Diagnose fast immer wieder nachwachsen. Manche nimmt auch dankbar einen Tipp an, der die Finger- und Fußnägel schützt, die von der Chemo ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden. "Während der Infusion sollte man Gelhandschuhe oder auch -Füßlinge tragen", empfiehlt die Friseurmeisterin. Über die Jahre hat sie sich viel mit Krebs beschäftigt. Ein halber Mediziner sei sie aber noch lange nicht, sagt sie lachend.

Hunger zufolge gibt es bei den Perücken eine riesige Auswahl und immer wieder Neues, das der Natur immer näher kommt. Wenigstens 200 Euro muss man bezahlen, Echthaar geht bei 1000 Euro los. Die Krankenkassen beteiligen sich verschieden an diesen Kosten, manche zahlen alles.

Wenn es soweit ist, dass die Haare ausfallen, hat Christine Hunger die bestellten Perücken bereits da. Sie werden individuell angepasst. Keine Frau muss kahl das Studio verlassen. Weil die Friseurmeisterin weiß, dass sich Haarausfall nicht nach Ladenöffnungszeiten richtet, gibt sie den Kranken ihre Handynummer mit. "Egal ob Heiligabend oder Ostersonntag, wir sind immer erreichbar, wenn gehandelt werden muss." Im Vorjahr ist es das erste Mal passiert, dass Weihnachten keiner anrief. "Manchen ist das auch peinlich. Das ist aber Quatsch. Weihnachten ist auch nächstes Jahr wieder. Und wenn sich eine Kundin freut und dankbar ist, ist das für mich ein schöneres Geschenk als alles andere", versichert Christine Hunger.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...