Zwickau zeigt, was Westsachsen zu bieten hat

Zwickau.

Mit der Westsachsenschau im Jahre 1991 schloss die Stadt Zwickau an alte Traditionen an, denn es fanden hier auch früher schon Ausstellungen statt.

Die erste Gewerbeausstellung, über die nur sehr wenig überliefert ist, fand Anfang Mai 1830 im Gewandhaus statt. Die Ausstellung wurde vom Polytechnischen Verein organisiert, der sich erst einige Jahre vorher gegründet hatte. Sicherlich würde heute jeder Zeitgenosse über eine solch bescheidene Ausstellung lächeln, aber der Anfang war gemacht.

Mehr ist über die nächste Gewerbeausstellung bekannt. Sie fand vom 15. August bis zum 22. September 1847 ebenfalls im Gewandhaus statt. Initiator der Ausstellung war der Gewerbeverein. 110 Aussteller boten ihre Waren und Leistungen an. Besonders erwähnenswert sind die Erzeugnisse der Chemischen und Glasfabrik von Friedrich Christian Fikentscher, die Guss- und Eisenprodukte der Königin-Marienhütte Cainsdorf und das Porzellan von Karl Christian Fischer. Am 25. August weilte der sächsische König Friedrich August II. mit seiner Gattin in Zwickau. Wohl fast alle Zwickauer drängten sich in den Straßen der Stadt, als das Königspaar die Ausstellung besuchte. Ein der- artiger Besuch kündete von der Bedeutung der Ausstellung, zumal die hohen Gäste auch neugegründete Firmen besuchten. Industrie und Gewerbe im Land sollten gefördert werden. Das Lob der Gäste und der Erfolg der Schau (die Ausstellung musste wegen des Andranges um eine Woche verlängert werden) beflügelten die Organisatoren in ihrem Tun.

So beherbergte bereits sieben Jahre später, vom 20. August bis zum 10. September 1854, das "Deutsche Haus" an der Oberen Vorstadt die Osterländische Ausstellung. Hierzu ist zweierlei zu bemerken: Das "Deutsche Haus" in der Schneeberger Straße ist vielen Bürgern noch als Kino unter dem Namen "Tivoli" bekannt. Heute befinden sich darin hauptsächlich Vorlesungssäle der Westsächsischen Hochschule. Zum anderen wird als "Osterland" als das Land östlich der Saale und der Burg Wettin verstanden. Der Begriff stammt noch aus der Frühzeit der Besiedlung dieser Gegend. Über die Zahl der Aussteller ist leider nichts überliefert. Die Organisatoren sprachen von einem Erfolg, da viele interessante Erzeugnisse präsentiert wurden: ein 1,2 Tonnen schwerer Geldschrank der Firma Braun aus Reichenbach, Herrenkleidung der Geschäfte Hassinger und Seidel, Hüte der Firma Hößler, die ersten beiden Adressbücher Zwickaus und neuerdings die Keramikprodukte der Fikentscherschen Fabrik (alle aus Zwickau).

Die nächste Gewerbeausstellung öffnete ihre Pforten am 7. Juli 1861 im Gesellschaftshaus "Harmonie" an der Bahnhofstraße (heute Grundstück Nr. 19). Leider war diese Schau, der "die echten richtungs- weisenden Höhepunkte fehlten", wie ein Zeitgenosse vermerkte, nicht so erfolgreich wie die beiden Vorgänger. Das Interesse war gedämpft, und nur jeder zehnte Besucher stammte aus Zwickau. Als attraktive Ausstellungsstücke betrachtete man damals "ein gußeisernes Hirschgeweih von großer Naturwahrheit und Schwere", Stroh- deckelarbeiten und Holzpantinen der Königlichen Strafanstalt Schloss Osterstein sowie gestochen scharfe Fotografien.

Nach dem Misserfolg dauerte es jetzt 16 Jahre, bis wieder eine Ausstellung stattfand. Sie nannte sich diesmal Gewerbe- und Industrieausstellung. Die meisten Ausstellungsräume befanden sich im Hotel "Deutscher Kaiser". Das inzwischen abgebrochene Gebäude befand sich unweit des Fußgängertunnels an der Bahnhofstraße, hieß in den ersten Jahren der DDR "Volkshaus" und beherbergte später ein Internat. Erstmals erbauten die Organisatoren extra noch eine Halle ("ein Bretterbau mit Dachpappbedachung") auf der Ziegelwiese am Schwanenteich. Die Schau war vom 24. Juni bis 22. Juli 1877 geöffnet. Über die Zahl der Aussteller ist nichts überliefert, aber mehr als 35.000 Besucher passierten immerhin den Einlass. Der Schmiedemeister Einsiedel aus Neudörfel erhielt für seine Dengel- maschine den ersten Preis - eine wertvolle Tabakpfeife. Die Möbelfirma Burger & Heinert bekam einen Becher für ihre beiden ausgestellten Zimmer (ein Arbeitszimmer für den Herrn und ein Boudoir für die Damen). Einen Spezialpreis inForm eines Ringes erhielt der Schuhmacher Ziller für die Herstellung von Schuhen für nicht normal gebildete Füße. Diese kleinen Auszeichnungen bildeten den gelungenen Abschluss.

Zum ersten Mal fand eine Ausstellung im Jahr 1882 auf dem Schießanger (heute "Platz der Völkerfreundschaft"). statt. Die Landwirtschaftliche Landesausstellung war vom 7. bis 12. September 1882 geöffnet. Bereits am zweiten Ausstellungstag weilte die Königliche Familie in Zwickau und besuchte die erfolgreiche Schau. Leider sind auch hier keine konkreten Zahlen überliefert.

Danach sollten 18 Jahre vergehen, bis in Zwickau wieder eine Ausstellung stattfand. Vom 22. September bis zum 7. Oktober 1900 fand in zwei Hallen und in kleineren Gebäuden auf der Ziegelwiese die Allgemeine Erzgebirgsausstellung für Nahrungsmittel, Volksernährung, Gewerbe, Industrie und Sport statt. Ein zugegebenermaßen sehr langer Titel. 263 Aussteller präsentierten 37.605 zahlenden Besuchern ihre Erzeugnisse. Eine Attraktion der Schau war eine Schachtanlagen- kopie, der sogenannte "Ziegelteich-Schacht". Modelle der Seilbahn, des Füllortes und des Streckenausbaus in Form eines nachgebauten Stollns rundeten diesen Ausstellungsteil ab. Abschließend seien noch einige Aussteller genannt, deren Namen heute noch einen guten Klang haben: Alippi (Bandagist und Orthopädist), Aschenborn (Holzzement, Dachpappen und Asphalt), Hering (Kraftfutter, Dünge- und Saatmittel), Linn (Gummiwaren) und Dünnebier (Liköre). Insgesamt 195 zufriedene Aussteller wurden mit Medaillen ausgezeichnet.

Die Gewerbe- und Industrieausstellung 1906 sollte dann alles in den Schatten stellen, was bisher diesbezüglich geboten wurde. Sie fand vom 31. Mai bis zum 30. September 1906 statt, und 912 Aussteller fanden den Weg in die Hallen und Pavillons auf der Ziegelwiese am Schwanenteich. Es war schon eine großartige Leistung, auf feuchten Wiesen eine derartige Ausstellung mit eigener elektrischen Energie- erzeugung zu organisieren. Dem Landschaftsgärtner, Stadtrat Paul Lorenz, wurde "ein architektonisch überaus wirksamer Eindruck" bescheinigt. Zahlreiche Hallen und Pavillons, ein Varietè, Gaststätten und eine Burganlage am Eingang fügten sich zu einem harmonischen Ganzen. Ein Unikum war der "Klöppelsack", ein Stehbier- und Schnapsausschank in der Form des Klöppelsackes. Der Sächsische König fungierte als Schirmherr und eröffnete die Schau mit dem Zwickauer Oberbürgermeister Karl Keil. Eingebunden waren Veranstaltungen wie die Rosenschau, ein historisches Trachtenfest und das Bergmannsfest. Einen etwas merkwürdigen Geschmack bewiesen die Organisatoren, als sie etwa 60 Abessinier (heute Äthiopien) in einem Hüttendorf unterbrachten. Da konnten die Deutschen dann gegen ein zusätzliches Entgelt zuschauen, wie die Menschen in Afrika leben und arbeiten. Diese Ausstellung von überregionaler Bedeutung hatte einen großen Zulauf.

Erst 1924, nach dem überstandenen Ersten Weltkrieg und einer Inflation ungeheuren Ausmaßes, fand in Zwickau wieder eine Ausstellung statt. Die Schau lief unter dem Namen "Ausstellung für das Gastwirtsgewerbe, Heimische Industrie mit der Sonderabteilung für Gas, Wasser und Elektrizität, der Sonderabteilung Kochkunst und der Abteilung des Sächsischen Steinkohlensyndikats" statt. In einer 8000 Quadratmeter großen Halle zeigten 236 Aussteller ihre Erzeugnisse. Es wurde praktisch alles ausgestellt, was ein Gastwirt so brauchte: Bier, Likör, Porzellan, Schokolade, Musikinstrumente und Zigarren. Die Chefköche bekannter Zwickauer Hotels und Gaststätten zeigten in Vorführungen, dass sie Meister ihres Faches waren. Eine der 17 Goldmedaillen erhielt übrigens der Zwickauer Hausfrauenverein, der den "Geburtstagstisch der Hausfrau" gestaltete. Schon am Eröffnungstag strömten 10.000 Besucher in die Schau.


Nach dem Zweiten Weltkrieg: Stände stehen im Zeichen der Umstellung von Rüstungs- auf Konsumgüterproduktion

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - vom 27. Mai bis zum 12. Juni des Jahres 1938 - fand auf dem Hindenburgplatz in Zwickau - heute Platz der Völkerfreundschaft - sowie im König-Albert-Museum eine Westsachsen-Schau statt. Insgesamt 157 Aussteller demonstrierten bei dieser Gelegenheit in zwei Hallen sowie auf der Freifläche den insgesamt mehr als 150.000 Besuchern die Leistungsfähigkeit der westsächsischen Industrie.

Der Weltrekordwagen der Auto Union AG war bei dieser Ausstellung immer dicht umlagert. Die kostenlosen Waren- und Kostproben, beispiels- weise von Coca-Cola und Kaba, waren bei den Besuchern sehr begehrt. Allerdings diente die Schau auch der ideologischen Kriegsvorbereitung, so durch Themen, die der Reichsluftschutzbund (der "die neue Volksgasmaske vorstellte"), der Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht (die "das Zusammenwirken der verschiedenen Waffensysteme" zeigte) gestalteten. Eine Reihe kultureller Veranstaltungen wie das Sängerfest, das Robert-Schumann-Fest und Freilichtaufführungen des Stadttheaters auf dem Hauptmarkt umrahmten die Westsachsen-Schau.

Schon im Hungerjahr 1946 plante die Stadtverwaltung Zwickau wieder eine Westsachsenschau. Zu diesem Zweck fand am 15. Januar des gleichen Jahres im "Volkshaus" (das war das ehemalige Hotel "Zum Deutschen Kaiser") eine sogenannte Vorschau zur Ausstellung "Westsachsen-Industrie-Handel-Gewerbe" statt. Schirmherr war der sächsische Ministerpräsident Dr. Friedrichs. Die 172 Anbieter hatten ihre Stände im Zeichen der Umstellung von Rüstungs- auf Konsumgüterproduktion gestaltet. Das Gerät "Nago" konnte krumme Nägel gerade biegen. Es gab Einkaufstaschen aus Papier, Haushalts- und Gartengeräte (aus Wehrmachtsbeständen umgearbeitet), Herdsparplatten und Holzspielwaren. In einem kleinen Restaurant konnte man sich gegen Abgabe von Lebensmittelmarken stärken. Aus nicht näher bekannten Gründen fiel die eigentliche Schau im Frühjahr dann jedoch aus.

Bis 1991, als vom 15. bis 23. Juni die Präsenta-Messegesellschaft in Zwickau mit 482 Ausstellern die erste von sieben Westsachsenschauen nach der Wiedervereinigung Deutschlands organisierte, fanden 45 Jahre lang keine derartigen Ausstellungen mehr statt. (nope)

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