Zwigge at night

Die Kulturkolumne von Gastautor Klaus Fischer

Ist man erst mal vom Flecken übers Dorf zur Stadt gereift, dann verfügt man auch als Metropole light über hinreichend Fläche und Laufwege, darüber hinaus über Gebäude, Denkmäler und eine qualitativ solide bis hochwertige Chronik an Events. Außerdem hat sich ein kommunaler Stapel von historisch verbürgten C-Promis und zumindest zwei echten A-Celebrities angehäuft. Somit wäre die erste fundamentale Anforderung für Halbwichtigkeit übererfüllt.

Die zweite, noch wesentlichere Voraussetzung: Damit die Stadt beachtenswert, ja profitabel denkwürdig wird, benötigt sie in regelmäßiger Wiederkehr Durchreisende, echte Besucher und viele geneigte Gefolgsleute. Jedwede Stadt ist besucherspezifisch halt nur gelegentlich und partiell schön, wenn sie nicht gerade Quedlinburg oder Tübingen heißt.

Stadthungrige kommen bei Zwigge aber absolut auf ihre Kosten. Nach 900 Jahren kann man ein echt riesiges Fass aufmachen mit bemerkenswerter Komplett-Historie, sagenhaften Histörchen und Anekdoten innen drinne. So weit so gut. Es fehlt noch etwas Drittes, das ein Ort zum Toll-Sein braucht. Was nützt schon eine quicklebendige Stadt dem gewogenen Stadtnovizen und Besucherstrom, wenn ihn nicht ein selbst höchst wissbegieriger, leidenschaftlicher Berichterstatter an die Hand nimmt.

Kompetente Stadtführer mit rhetorischer Finesse reichen den Erzählstoff weiter an den unerbittlich mittrabenden Tourikonvoi. Fehlt noch ein Motto: Straßennamen, Träumerei mit Schumann, Zeitreise ins Mittelalter, Gänsehautgeschichten, Katharina von Bora ... Die Touristinfo hat den ganzen Themenkatalog parat. "Zwickau bei Nacht" hat auch mir die dunklen Seiten der Stadt zu Tage gebracht. Sprichwörtlich um die Laterne kreisend, eingefangen von einem hellebardenbewaffneten Nachtwächter, der nach 140 Jahren erstmals wieder diesen düsteren Job anfasst, folgten an einem warmen Juliabend (der mit dem in Zwigge nie aufgetauchten Blutmond) 50 Nachtschwärmer der anekdotisch-kurzweiligen Stadtführung. Nun wissen wir, wo und wann die Lichter anno dazumal ausgingen, wie hochreglementiert das Alltagsleben der Vorfahren war, und dass Schweine damals (mäusemäßig) mehr zählten als Frau und Kind.

Heute ist es Gott sei Dank irgendwie anders. Als Traumjob jedenfalls galt die stündlich ruhestörende Nachtwächterei nicht. Nicht nur Zwickau-Besucher sollten die Gelegenheit einer Führung ergreifen, besonders Einheimische sind prädestiniert, sich Zwickauer Geschichte(n) erzählen zu lassen oder mit dem Spezialgefährt Segway eine Stadt- erfahrung proaktiv zu erfahren. Ich geh' besonders proaktiv zu Fuß und gönne mir eine nachhaltige Privat-Tour von Eisdiele zu Eisdiele.

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