Wenn der Ton rauer wird

Volksverhetzende Beiträge im Internet, Fremdenfeindlichkeit auf der Straße und eine Region, die im Vergleich zu anderen Gegenden schlecht dasteht. Freiberg im Zeichen von Bestandsaufnahme und Zukunftsdiskussion.

Freiberg.

"Warum Sachsen?" - So lautet die Leitfrage eines Buches, das rund 70 Zuhörer am Mittwochabend im Städtischen Festsaal kennenlernten. Herausgeber sind Matthias Meisner, Redakteur beim "Tagesspiegel", und Heike Kleffner, Journalistin und Fachreferentin für die NSU-Untersuchungsausschüsse im Bundestag für Die Linke.

Im Buch "Unter Sachsen" untersuchen 29 Autoren, warum Rassismus im Freistaat besonders hervortritt. Die anschließende Diskussion drehte sich um die Frage "Warum Freiberg?" Warum ist Freiberg in den Schlagzeilen als die Stadt, die keine Flüchtlinge mehr will?

Einer der Autoren ist Oliver Hach, Redakteur der "Freien Presse". Er las aus seinem Beitrag über Clausnitz, wo Anfang 2016 ein Mob die Ankunft eines Flüchtlingsbusses blockiert hatte. Hach, der in Freiberg lebt, eröffnete die Diskussion: "Ich bin überrascht von der Wendung unseres Oberbürgermeisters." Als die Flüchtlingswelle begann, sei er noch besonnen aufgetreten.

Felix Schilk vom Verein "Freiberg Grenzenlos" warf Oberbürgermeister Sven Krüger (SPD) vor, ein Bild der Stadt zu erzeugen, das "überhaupt nicht der Realität entspricht". Das Bündnis hatte zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen zu der Veranstaltung eingeladen. Schilk kritisierte zudem die CDU vor Ort, die eine Koalition mit der AfD nicht ausschließen wolle. Auch bei der Landes-CDU fehle eine klare Abgrenzung zur AfD, sagte Petra Zais, Landtagsabgeordnete der Grünen. Stephan Meyer, für die Christdemokraten im Landtag, erwiderte: "Jeglicher Extremismus ist abzulehnen, von rechts oder links." Dafür erntete er Zustimmung von Teilen des Publikums. Ein Zuhörer betonte: "Der AfD darf nicht das Recht abgesprochen werden, ihre Meinung zu äußern." CDU-Vertreter Meyer betonte, Deutschland müsse Menschen helfen, die vor Krieg und Terror geflüchtet sind. Es sei aber verständlich, wenn Bürger, die vom Mindestlohn leben, "einen anderen Blick auf die Ressourcenverteilung" hätten. Herausgeberin Heike Kleffner allerdings wandte sich dagegen, sozial schwache Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen.

Das Publikum lenkte die kontroverse, aber sachliche Diskussion immer wieder auf Freiberg. Ein Zuhörer erinnerte an die vielen Initiativen, die in der Stadt ausländische Menschen unterstützen: "Wir sollten uns gegenseitig stärken." Eindringlich die Worte der Stadträtin und Landtagsabgeordneten Jana Pinka (Linke): Sie habe ihre Heimatstadt immer als weltoffen erlebt, doch die Lage spitze sich zu. Ihre Mitbürger forderte sie auf, gegen Fremdenfeindlichkeit aufzustehen und zu sagen: "Das ist nicht unsere Stadt!"

Buchtipp Heike Kleffner und Matthias Meisner (Hg.), "Unter Sachsen", Christoph Links Verlag, 312 Seiten, Preis: 18 Euro.

Reden, reden, reden 

Wie werden wir uns austauschen? Bei der Suche nach dem richtigen Rezept stehen die Freiberger am Anfang, wie sich zeigte. 

Mit dem Reden ist es so eine Sache. Diese Erfahrung machte Moderator Cornelius Pollmer ("Süddeutsche Zeitung") beim Auftakt zur fünfteiligen Zukunftsreihe am Mittwochabend. Im mit mehr als 50 Zuhörern brechend vollen SIZ Campus Café in Freiberg diskutierten OB Sven Krüger (SPD), Christian Mädler vom Fairkauf-Ladencafé sowie Youtube-Star Mirko Drotschmann, wie Dialog im Alltag und in der Gesellschaft respektvoll, offen und ehrlich ablaufen kann. Dabei debattierten sie so angeregt, dass Besucher auf den dichtgefüllten Stuhlreihen fürchteten, gar nicht selbst zu Wort zu kommen bei der neuen Reihe der Friedrich-Ebert-Stiftung. "Wir wollen auch mal Fragen stellen", mahnte etwa ein älterer Mann an.

Dabei hatte doch Krüger immer wieder geworben, dass die Zukunft im Zuhören und im fairen Dialog besteht. Sprache ist mächtig, darin waren sich die Teilnehmer einig. Das Internet, warnte Drotschmann, dürfe kein rechtsfreier Raum werden. Der Youtuber, dem als MrWissen2Go auf seinem Kanal zu aktuellen und geschichtlichen Themen 640.000 Nutzer folgen, hat seinen Weg gefunden, um mit den, wie er sagt, wenigen beleidigenden, respektlosen Kommentaren umzugehen: sich gegenseitig zu Wort kommen lassen, Farbe bekennen, reagieren. Und juristisch gegen volksverhetzende Einträge vorgehen.

Auch Krüger sucht das Gespräch mit allen gesellschaftlichen Gruppen und scheut nicht, heiße Themen laut anzusprechen. Der von seiner Verwaltung angeschobene Antrag auf Zuzugsstopp für anerkannte Flüchtlinge war erneut ein Thema. Christian Mädler wünscht sich indes, dass der OB auch an der Basis, beispielsweise bei Flüchtlingsinitiativen, mehr Farbe bekennt. Sachsens, Freibergs Außenwirkung, wurde an diesem Abend mehrfach angesprochen. So sagte etwa eine junge Frau, die aus Duisburg stammt, sinngemäß, dass in Nordrhein-Westfalen durchaus das Vorurteil herrsche, im Osten seien alle rechts. (grit/acr)

Weitere Termine der Zukunftsreihe der Friedrich-Ebert-Stiftung in Freiberg sind am 14. und 21. März sowie am 11. und 25. April.

"Es fehlt der Blick über den Tellerrand" 

IHK-Regionalpräsident fordert mehr Weitsicht 

Von Wieland Josch        

Als Stimmenverstärker, Know-How-Träger und Netzwerker habe sich die mittelsächsische IHK im Landkreis etabliert, schätzte Thomas Kolbe (Foto) zum zweiten Jahresempfang der IHK-Regionalkammer Mittelsachsen am Mittwochabend in der Freiberger Nikolaikirche ein. Man sei zu einer Institution geworden, betonte der Präsident der Regionalkammer, was man nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfe.

Kolbe forderte von den Gästen aus Wirtschaft und Politik ein langfristiges Denken. Es fehle an Visionen, vor allem in der Politik. Den Firmen schrieb er ins Stammbuch, dass sie das Problem der Unternehmensnachfolge nicht zu lange vor sich herschieben dürften: "Dafür braucht es Weitblick." Man sei in einem Landkreis des Mittelstandes beheimatet. Was das bedeutet, führte der Festredner des Jahrestreffens, Markus H. Michalow, Geschäftsführer der Bürgschaftsbank Sachsen/Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Sachsen, aus. Man sei dadurch sehr kleinteilig organisiert. "90 Prozent der mittelständischen Betriebe sind Kleinstbetriebe mit bis zu neun Mitarbeitern und etwa 2 Millionen Euro Umsatz", so Michalow. "Acht Prozent Kleinbetriebe haben bis zu 49 Mitarbeiter, 1,8 Prozent als Mittelständler bis zu 249 Mitarbeiter und lediglich 0,2 Prozent firmieren als Großbetriebe."

Nicht umsonst, so Thomas Kolbe, liege man im Focus-Money-Ranking an Platz 375 von 381 Kreisen und kreisfreien Städten. Das lese man jedoch vor allem als Ansporn. Mehr Netzwerktätigkeit sei vonnöten, auch zwischen Branchen, die auf unterschiedlichen Gebieten agieren. So seien aktuelle Probleme wie der anhaltende Fachkräftemangel, die daraus resultierenden höheren Kosten und die mangelnde Infrastruktur, wobei besonders der Breitbandausbau im Mittelpunkt stehe, besser anzugehen. "Es gehen Synergieeffekte verloren, und es fehlt der Blick über den Tellerrand", so Kolbe. Auch die Netzwerke zu den beiden Hochschulen im Landkreis seien noch deutlich ausbaufähig.

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1Kommentare
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  • 2
    2
    Tokru
    03.03.2018

    Das wird ein Bestseller.



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