Entlang der Zwickauer Mulde ist Geschichte hautnah erlebbar

Straßen und Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Dresdner Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht eine Auswahl der Berichte. Teil 20: eine Radtour entlang des Flusses.

Zwickau.

Die Zukunft der Bahn- linien im Vogtland und Erzgebirge ist wegen gekürzter Bundeszuschüsse ungewiss. Eine gute Auslastung der Züge könnte zu ihrem langfristigen Erhalt beitragen. So lässt sich eine Tour auf dem Mulderadweg bequem mit einer Bahnfahrt kombinieren. Die Vogtlandbahn bringt Radler vom Zwickauer Zentrum und Hauptbahnhof ohne Umstieg bis zur Muldequelle bei Schöneck.

Im Verlauf der fast 170 Kilometer langen Zwickauer Mulde durchfährt man Orte, die in Zusammenhang mit Schlaglichtern deutscher Geschichte stehen. Nach der Talsperre Muldenberg, die die längste Mauerkrone aller Staumauern Sachsens aufweist (525 Meter), erreicht man Muldenhammer. Aus dem Ortsteil Morgenröthe-Rautenkranz stammt Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All. Hier lohnt ein Besuch der Deutschen Raumfahrtausstellung.

Die Route führt weiter auf dem Schlangenweg, durch Eibenstock und den ehemaligen Bockauer Bahntunnel nach Aue, wo man erstmals in die Erzgebirgsbahn zurück nach Zwickau umsteigen kann. Auch in Bad Schlema, an der Burg Stein, in Fährbrücke, Wiesenburg, Silberstraße und Wilkau-Haßlau gibt es radwegnahe Haltepunkte.

Nach der Unterquerung der A-72-Brücke in Wilkau-Haßlau (671 Meter lang, 55 Meter hoch) entdeckt man in Cainsdorf die Überbleibsel eines Wildwasserkanals, den DDR-Funktionäre im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 errichten ließen. Das frühzeitige Training der DDR-Kanuten auf dieser Kopie der Münchner Anlage zahlte sich aus: Die "Diplomaten im Trainingsanzug", die dem Westen die vermeintliche Überlegenheit des Sozialismus beweisen sollten, gewannen sechs Medaillen, darunter vier goldene.

Im Frühjahr 1945 markierte die Zwickauer Mulde kurzzeitig die Grenze zwischen den amerikanisch und sowjetisch besetzten Gebieten. Auch die Stadt Zwickau war zwei- geteilt - die Paradiesbrücke diente quasi als Grenzübergang zwischen Ost- und West-Zwickau. Erst als die Amerikaner im Juli 1945 Richtung Westen abrückten, normalisierte sich der Alltag.

Erste Stationen der zweiten Etappe sind der Zwickauer Norden mit dem VW-Werk, der Bahnhof Glauchau, die A-4-Unterquerung, Remse, Waldenburg, Wolkenburg, die 710 Meter lange A-72-Brücke bei Penig und der Peniger Ortsteil Amerika mit eigenem Bahnhof. Während der Industrialisierung entstand hier eine Textilfabrik, die nur per Kahn oder über Steine im Wasser zu erreichen war. Sie lag - wie Amerika - "über dem großen Wasser", weswegen dieser Ortsname sich einbürgerte. Die Muldentalbahn stellte ihren Betrieb nach dem Jahrhunderthochwasser von 2002 ein - für den Ausflugsverkehr in diesem Flussabschnitt war das ein Rückschritt.

Nun reiht sich ein Postkartenmotiv ans nächste: Schloss Rochsburg bei Lunzenau, das Göhrener Viadukt bei Wechselburg (381 Meter lang, 68 Meter hoch), die Altstadt von Rochlitz und das legendäre Schloss Colditz. In Großbritannien hält sich bis heute der "Mythos Colditz", da das Schloss im Dritten Reich als Gefangenenlager für alliierte Offiziere diente. Obwohl die Festung als ausbruchssicher galt, gab es zahlreiche Fluchtversuche. Die Gefangenen verkleideten sich, gruben Tunnel und bauten sogar ein Segelflugzeug ("Colditz Glider").

Aus Colditz stammt der 1977 im Jemen erschossene Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann. Sein Flugzeug, die Boeing 737-200 "Landshut", war von palästinensischen Terroristen entführt worden, um in Deutschland inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen. Der fließende Zeitstrahl endet im Colditzer Ortsteil Sermuth, wo sich Zwickauer und Freiberger Mulde vereinen. Ein Wetterpilz in Fliegenpilz-Optik bietet hier eine Rastgelegenheit nach zwei eindrucksvollen Radel-Tagen. Bis zum nächsten Bahnhof nach Großbothen sind es nun noch knapp fünf Kilometer.www.zwickautopia.de

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