Globetrotter aus Oberhohndorf

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 51: auf Hiddensee und in Rom.

Zwickau.

Die außergewöhnliche Weihnachtskrippe im Domhof zählt seit ihrer Einweihung 2003 zu den Glanzlichtern der Weihnachtszeit in Zwickau. Der Bildhauer Jo Harbort hat die lebensgroßen Figuren aus rund 160 Jahre altem Eichenholz gearbeitet. Der 1951 in Oschersleben geborene Oberhohndorfer schloss 1969 seine Lehre zum Holzbildhauer ab. Von 1970 bis 1975 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Harbort, seit 1976 freischaffend tätig, arbeitet vorwiegend mit Holz, aber auch mit Stein und Eis.

Die Kunst des Wahl-Zwickauers prägt das Stadtbild. Seine geschickten Hände haben bekannte Verweilorte geformt: das Rosa-Luxemburg-Denkmal auf dem Platz der Deutschen Einheit (1979), den Bier- brauerbrunnen an der Katharinenstraße (1984), den Brunnen der Freundschaft auf dem Schumannplatz (1986) und das Bergarbeiter-Denkmal "Erinnerung - es ist Feierabend - Schicht im Schacht" (2014) im Muldeparadies. Dazu gestaltete er ein "Schumannorchester" sowie Freiflächen vor der Sparkassenzentrale und auf dem Gelände des Heinrich-Braun-Klinikums. Wenn Harbort beim weihnachtlichen Handwerkermarkt im Domhof Eisskulpturen schnitzt, zieht er staunende Blicke auf sich.

Jo Harbort gehört zu den Organisatoren des Internationalen Bildhauersymposiums, das 2014 vom Windberg am Rande des Weißenborner Waldes in den Museums- garten der Kunstsammlungen Zwickau umgezogen ist. Ziel des Ortswechsels war es, das Symposium, die Künstler und die entstehenden Werke mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. 2011 zeichnete die Stadt Zwickau den Künstler mit der Martin-Römer-Ehrenmedaille aus: "Neben zahlreichen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen etwa in Kanada, Italien, Großbri- tannien, Japan und den USA kann Jo Harbort auf eine lange Liste an Auszeichnungen und Preisen verweisen. Er trug somit den Namen Zwickaus in viele Länder der Welt und engagierte sich weiterhin in der und für die Stadt. Seine Ausstellungen waren auch in Schweden, Finnland, Chile, Argentinien, Frankreich und Österreich zu sehen.

Man muss nicht in die Ferne oder nach Zwickau reisen, um die Werke des kunstbesessenen Globetrotters in Augenschein zu nehmen. Eine Kopie des Bierbrauerbrunnens schmückt den Westfalenpark in Zwickaus Partnerstadt Dortmund. Den Marktbrunnen im vogtländischen Reichenbach schuf er ebenso wie Skulpturen auf Hiddensee. Die nahezu autofreie Ostseeinsel ist Harborts zweite Heimat, wohin er sich jedes Jahr von Frühjahr bis Anfang November zurückzieht. Der Künstler gestaltete dort unter anderem Spielplätze ("Jona und der Wal" in Kloster, "Fischer un sin Fru" in Neuendorf, "Vom Wind" in Vitte), Sandsteinskulpturen an der Tourist-Information in Kloster sowie eine Sonnenuhr am Leuchtturm Dornbusch.

Harbort hält Hiddensee für die "schönste Insel Deutschlands". Dort arbeitet er meistens unter freiem Himmel, häufig unter Beobachtung vieler Raben. So wurden die intelligenten, von Mythen und Sagen umgebenen Vögel sein Thema. Über einen Zeitraum von drei Jahren schuf der Holzbildhauer an die Hundert Tiere. Unter dem Motto "Rabenzeit" zeigt die Zwickauer Galerie am Domhof diese Kunstwerke bis 29. Januar 2017 in der Ausstellung "Route 66 - Lebenswege". Jo Harbort und Siegfried Otto (S. O.) Hüttengrund, die 2017 ihren 66. Geburtstag feiern, präsentieren dort Objekte und Grafiken.

Zurück zur höchsten Krippe Sachsens: Zum Jahreswechsel 2010/11 stand sie unter der größten nicht verstärkten Zementkuppel der Welt - im Pantheon in Rom. Per Sattelschlepper wurde das Figuren-Ensemble in die "ewige Stadt" am Tiber transportiert. Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) und der Sachsen-Vermarkter TMGS zeigten sich damals hocherfreut über diesen PR-Coup für Zwickau und das Erzgebirge. "Die Krippe von Jo Harbort, die sonst auf unserem Weihnachtsmarkt steht, bringt nicht nur zum Ausdruck, dass wir in der Tradition des 'Weihnachtslandes Erzgebirge' stehen. Sie belegt exemplarisch, dass wir eine - oft verkannte - Kulturstadt sind, deren reichhaltige Geschichte von Robert Schumann über Max Pechstein und Fritz Bleyl bis in die Gegenwart reicht", sagte Findeiß.

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www.zwickautopia.de

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