Geht den erneuerbaren Energien im Landkreis die Puste aus?

Über Klimawandel und Energiewende wird viel diskutiert. Es mangelt jedoch an Konzepten. Auch im Erzgebirgskreis gibt es kaum Bewegung auf diesem Gebiet.

Marienberg/Zschopau.

Mehr als 2700 Anlagen produzieren im Erzgebirgskreis erneuerbare Energien. Das besagen aktuelle Zahlen der Mitteldeutschen Netzgesellschaft Strom (Mitnetz) - einem Tochterunternehmen des Energieversorgers Envia. Den größten Anteil daran trägt Solarenergie mit reichlich 2500 Anlagen. Es folgen die Sparten Wasser (74 Anlagen), Wind (62) und Biomasse (34). An diesen Zahlen hat sich seit 2014 kaum etwas geändert.

Eine Ursache für diese Stagnation sieht der Leiter der Netzregion Südsachsen, Jens-Uwe Schäfer, in der fehlenden Akzeptanz für erneuerbare Energien - im Erzgebirge wie in ganz Sachsen. Es gebe zwar ein Energiewirtschaftsgesetz, aber kein schlüssiges Konzept zum Thema erneuerbare Energien.

Thomas Freitag sieht es ähnlich: "Uns fehlt ein Masterplan." Der Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Energie- und Umwelttechnik in Oelsnitz engagiert sich ehrenamtlich im Erzgebirgischen Netzwerk für Erneuerbare Energien mit Sitz in Annaberg-Buchholz. Nahezu täglich spürt er die Ablehnung, die erneuerbaren Energien entgegenschlägt. Windkraftanlagen und Biogasanlagen wolle niemand in seiner Nähe haben. Wasserkraftanlagen würden grundsätzlich kritisch betrachtet. Auch deshalb ist Freitag überzeugt, dass die von der Bundesregierung gesteckten Klimaziele auf allen Ebenen weit verfehlt werden.

Der Leiter des Netzwerkes, Uwe Hochberger, vermisst insbesondere bei Lokalpolitikern das Interesse an erneuerbaren Energien. "Das Thema hat im Erzgebirge kaum eine Kommune auf der Agenda." Dabei könnten sie durch geeignete Maßnahmen langfristig richtig Geld sparen.

Auch Mike Päßler stimmt in diesen Kanon ein. "Die erneuerbaren Energien spielen im Erzgebirgskreis eine untergeordnete Rolle", sagt der Sprecher der Stadtwerke Annaberg-Buchholz, kommunaler Stromversorger und Netzbetreiber im Erzgebirgskreis. Im Netzgebiet des Unternehmens gebe es 311 Anlagen, die erneuerbare Energie einspeisen. Deren installierte Leistung beträgt 14,8 Megawatt. Zum Vergleich: Der leistungsstärkste Energielieferant im Erzgebirge - die Fotovoltaik-Anlage in Auerbach - bringt es allein schon auf 6,4 Megawatt. Offensichtlich wird dieser Art, Energie zu erzeugen, in der Region noch die größte Akzeptanz entgegengebracht. Denn derzeit befinden sich nach Angaben von Mitnetz schätzungsweise mehr als 20 Fotovoltaik-Anlagen im Erzgebirgskreis in Planung - mit Leistungen zwischen 0,5 und 1 Megawatt. (mit mik)


Landwirte setzen auf Biogas

Bei der Nutzung von Biogas ist die GroßolbersdorferBauernland AG Vorreiter im mittleren Erzgebirge. 2001 nahm an den Feldgütern in Krumhermersdorf die erste Anlage im Altkreis den Betrieb auf. Jährliche elektrischen Einspeiseleistung: 2,1 Millionen Kilowattstunden. Die Abwärme dient vor allem während der Ernte zur Getreidetrocknung und im Winter zum Beheizen von Schweinemastställen. Über mehr als die doppelte elektrische Einspeiseleistung verfügt die Biogasanlage am Milchgut Heinzebank. Die 1,5-Millionen-Euro-Investition ging 2005 ans Netz. Mit dem von beiden Anlagen erzeugten Strom könnten laut Unternehmensangaben 2300 Haushalte das ganze Jahr mit Elektroenergie versorgt werden.

Auch am Widerstand der Bevölkerung ist vor einigen Jahren ein weiteres Bauernland-Projekt gescheitert. Die AG hatte das Vorhaben auf dem alten MZ-Gelände in Hohndorf schon 2013 auf Eis gelegt, nachdem das infrage kommende Grundstück nach der MZ-Insolvenz unter Zwangsverwaltung gestellt worden war. Zwei Jahre später gab Bauernland das Vorhaben ganz auf. Anwohner fürchteten eine mögliche Geruchs- und Lärmbelästigung. Gegen den Bau hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet. Auch in Börnichen gibt es aktuell Widerstand gegen die Pläne eines Landwirts. Der Gemeinderat verwehrt das gemeindliche Einvernehmen zum Bauantrag.


Windkraft - Fall für die Justiz

Windkraftanlagen sorgen oft für Gegenwind. Noch existiert ein neues Gebiet für Windräder nahe der Pfaffrodaer Ortsteile Schönfeld und Dittmannsdorf nur auf dem Plan. Während Windkraftfirmen versuchen, sich Flächen zu sichern, wenden sich Bürger an den Planungsverband Chemnitz, um sich gegen die Pläne zu wehren. Auch Pfaffroda hatte noch vor der Eingemeindung nach Olbernhau davon Gebrauch gemacht. Wann der neue Regionalplan Rechtskraft erlangen könnte, ist noch völlig offen.

Eine einzige Anlage (WKA) kann über Jahre die Gerichte beschäftigten: 2001 erteilte das damalige Landratsamt Marienberg die Baugenehmigung für eine Anlage in Börnichen. Als das Regierungspräsidium (RP) Chemnitz die Genehmigung später kassierte, standen schon die Fundamente der Anlage, die der Investor fertig stellte und in Betrieb nahm. Zugleich klagte er gegen die Entscheidung des RP. Im Kern ging es um die Frage, ob der Bau hätte genehmigt werden dürfen, obwohl Börnichen laut Regionalplan nicht in einem Baugebiet für WKA liegt. Erst 2014 stand fest, dass das RP richtig lag. Dem Betrieb der Anlage stehen laut Chemnitzer Landesdirektion unverändert öffentliche Belange entgegen. Daher bestehe ein öffentliches Interesse, die WKA zurückzubauen. Das dafür zuständige Landratsamt hat eine Abrissverfügung bis heute nicht erteilt.


Akzeptanz für Fotovoltaik

Fotovoltaik besitzt in der Bevölkerung offenbar die meiste Akzeptanz.

In Drebach gibt es seit 2014 eine Energiegenossenschaft. Um die 60 Mitglieder finanzieren mit ihren Anteilen den Bau von Photovoltaikanlagen. Bisher sind in der Gemeinde vier Kraftwerke in Betrieb. Durch die wirtschaftliche Beteiligung der Bürger soll jeder an dieser Entwicklung und am ökonomischen Erfolg teilhaben können. Auch in Lengefeld arbeitet eine Bürgersolaranlage. Elf Einwohner hatten 2010 den Bau auf der örtlichen Grundschule finanziert.

Widerstand von Anwohnern gab es allerdings gegen ein Großprojekt an der B 174 zwischen Gornau und dem Amtsberger Ortsteil Schlößchen, woraufhin sich der Baubeginn erheblich verzögerte. Die 2,7-Megawatt-Anlage mit 12.000 Fotovoltaikmodulen nimmt eine Fläche von etwa elf Fußballfeldern ein. 2011 erfolgte die Inbetriebnahme. Nach 15 Jahren soll sich die sieben Millionen Euro teure Investition amortisiert haben.

Das erste Bürgersolarkraftwerk im mittleren Erzgebirge ging 2008 in Krumhermersdorf in Betrieb. Die Großolbersdorfer Bauernland AG stemmte damals als einer von 14 Gesellschaftern den größten Teil der 100.000-Euro-Investition. Mit der Anlage (Jahresleistung bis zu 25.000 Kilowattstunden) lässt sich in etwa der Bedarf von fünf Haushalten decken.

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