Die Wahrheit über den Schokoriegel

Entwicklungsminister Müller fordert mehr Engagement gegen Kinderarbeit.

Ach, wär das schön: mit dem Griff ins richtige Regal das absolut Richtige tun. Die Welt sogar ein bisschen besser machen mit dem Biss in den nebenbei gekauften Schokoriegel. Diesen Traum träumen viele im wohlhabenden Teil der Welt - dass sich mit bewusstem Konsum die Umstände entscheidend und dauerhaft ändern lassen, unter denen Menschen in ärmeren Regionen leiden. Es ist ja auch wirklich so: Wenn man beim Kakaotrinken den anständig bezahlten Landwirt in Ghana vor Augen hat, schmeckt's gleich viel besser. Immer wieder unterstützt wird dieses Wunschdenken von den Verantwortlichen in der Politik. Seit es beim Thema Essen in der öffentlichen Debatte um mehr geht als ums Sattwerden, kommt kein zuständiger Minister ohne den Appell an "den Verbraucher" aus.

Auch Entwicklungsminister Gerd Müller stimmt wieder dieses Lied an, wenn er auf der Grünen Woche über die Kinderarbeit spricht, die hinter importierten Produkten wie Baumwolle, Kaffee oder eben Kakao steckt. Richtig ist: Der Kauf von Schokolade etwa mit einem Fair-Trade- Siegel oder einer anderen Zertifizierung ist in der Regel besser als der Griff zu einem x-beliebigen Produkt in den Regalen mit Süßkram. Aber auch der CSU-Politiker weiß, dass sich der Alltag vieler ausgebeuteter Arbeiter in den Anbauländern schwerer verbessern lässt, als ein Zertifikat glauben macht.

Entscheidend ist nicht, was in Europa auf die Verpackung gedruckt wird. Entscheidend ist, was vor Ort passiert. Nichtregierungsorganisationen berichten seit Jahren übereinstimmend, dass bis heute bei vielen Kakaobauern schlicht zu wenig Geld ankommt. Von umgerechnet sechs Cent pro Tafel Schokolade, die wir im Laden kaufen, ist die Rede. Angemessene Löhne für Erntehelfer lassen sich damit nicht bezahlen. Die Rechnung dafür bekommen oft entweder Arbeiter aus noch ärmeren Ländern, die für einen Hungerlohn auf den Plantagen schuften. Oder eben die Kinder.

Ja, Verantwortung dafür tragen auch wir Schokoladenesser. Vor einigen Jahren wurde öffentlich, dass Ferrero-Zulieferer ihre Nüsse in der Türkei auch von Kinderhänden ernten ließen. Wie viele Nutella-Fans haben deshalb auf ihren Lieblings-brotaufstrich verzichtet? Am längsten Hebel sitzt aber die Industrie. Weder von den Kunden noch vom Staat kann ernsthaft verlangt werden, dass sie kontrollieren, unter welchen Umständen Kakao geerntet und verarbeitet wird. Das müssen schon die Unternehmen prüfen. Sie müssen transparente Strukturen schaffen, die es der Politik ermöglichen, ein Produkt als einwandfrei einzuordnen. Und sie müssen anständig bezahlen.

Viel Papier ist in den vergangenen Jahren unterschrieben worden, Selbstverpflichtungen der Kakaoverwerter gibt es zuhauf. Dennoch schuften weiter Kinder auf den Plantagen. Bis alles passt, also keine Schokolade mehr essen? Auch Quatsch. Dann käme nämlich noch weniger Geld in den Anbauländern an. Es ist kompliziert. Das ist die Wahrheit über den Schokoriegel. Aber das darf keine Ausrede sein.

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