Europas einseitiges Interesse an Afrika

Zum EU-Afrika-Gipfel

Als der große Franzose Robert Schuman 1950 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl auf den Weg brachte, den Vorläufer der EU, war in seiner Erklärung nicht nur vom Frieden in der Welt die Rede, sondern auch davon, dass Europa dann mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichen Aufgaben verfolgen könnte: die Entwicklung des afrikanischen Kontinents. Dieser Teil der berühmten Schuman-Erklärung wird meist unter den eurozentrierten Teppich gekehrt.

Nun aber kommt der Problemfall Afrika über das Mittelmeer nach Europa - in hunderttausendfacher Gestalt: mit den Flüchtlingen in ihren Gummibooten. Seitdem ist das Interesse an Afrika wieder gewachsen. Die Menschen sollen gar nicht erst in die Boote steigen. Dafür geht Europa einen fragwürdigen Handel mit Despoten und anderen zwielichtigen Gestalten ein. Hilflosigkeit und der Wunsch nach einer kurzfristigen Lösung sind die Väter des Deals, bei dem aber die europäischen Werte keine Rolle spielen.

Die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Herkunftsländern soll in Angriff genommen werden. Es war eine der wohlfeilsten Plattitüden im zurückliegenden Wahlkampf. Jede Partei wusste, dass das eine Aufgabe für Jahrzehnte sein wird. Ein Konzept fernab der traditionellen Entwicklungshilfe hat aber bislang noch niemand entwickelt. Es ist die Frage, ob der politische Wille, in Afrika eigenständige Gesellschaften zu entwickeln, in denen die Jugend Lebensperspektiven sieht, überhaupt vorhanden ist. Dafür müsste Europa über den eigenen Schatten springen. Die EU gibt zwar viel Geld für Projekte, aber das reicht nicht. Zumal viel von dem, was aus Brüssel kommt, direkt oder indirekt in die Taschen von korrupten Regimes in Afrika fließt.

"Ich bin all hier", sagen die Igel dem armen Hasen im Märchen von den Brüdern Grimm. In Afrika spielen China oder Russland die Rolle der Igel. Nur dass Europa nicht rennt, sondern das koloniale Erbe verwaltet. Die Chinesen haben riesigen Bodenbesitz gekauft, um mit den landwirtschaftlichen Produkten ihren heimischen Markt zu bedienen. Die Chinesen sind pragmatischer und skrupelloser. Europa wird bald an Einfluss in Afrika verlieren.

Am Frieitag endet die einjährige G-20-Präsidentschaft Deutschlands. Afrika sollte ein Schwerpunkt der Arbeit sein. Hamburg-Krawalle hin, Bundestagswahl her, die Bilanz dieses Jahres ist ernüchternd: Mit Libyen wurde ein dreckiger Flüchtlingsdeal geschlossen. Sonst noch was? Ja, es gibt eine deutsche Initiative, mit der die Rahmenbedingungen für private Investoren in Afrika verbessert werden sollen. Das steckt aber alles noch in den Kinderschuhen. Auch was die Betroffenen vor Ort davon haben, ist unklar. Im Kampf gegen die Hungerkrisen verstärkten die Staaten ihr humanitäres Engagement. Für eine Gruppe der 20, die 80 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft vereint, eine eher traurige Bilanz, an der auch der Gipfel in Abidjan nichts ändern wird. Afrika scheint doch immer noch weit weg zu sein.

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