Was das Volk am liebsten hört

Zum Konzert #wirsindmehr: Zehntausende protestieren mit Popkultur gegen Fremdenfeindlichkeit.

Es scheint leicht, Zehntausende Menschen zu mobilisieren, wenn man einige der erfolgreichsten Popkünstler des Landes gratis aufbietet. Immerhin entsprach die Programmfolge des gestrigen "Wir sind mehr"-Konzerts der eines Sommerfestivals, für dass eine ähnlich Menschenmenge heutzutage ohne mit der Wimper zu zucken bereit ist, pro Nase zwischen 50 und 100 Euro zu bezahlen. Nur: Man muss auch erst einmal die entsprechenden Künstler haben.

Popmusiker sind wesentlich sensiblere Gesellschaftsseismographen, als ihnen der offizielle Kulturbetrieb gemeinhin zugesteht: Da sie ohne steuerliche Förderung ihr Geld nur innerhalb von Marktmechanismen verdienen können, sind sie darauf angewiesen, gut anzukommen - bei einem Publikum, dass einerseits die eigenen Befindlichkeiten gekitzelt haben will, dabei aber immer auch Individualität und Originalität verlangt. Bedeutet: Popmusik ist immer nur dann erfolgreich, wenn sie Herzen wie Köpfe einer ausreichend großen Menge erreicht. Politiker sind auch als "geringeres Übel" eine Option - man wählt sie im Zweifel mit knirschenden Zähnen, um Schlimmeres zu verhindern. Aber kein Mensch hört sich im Auto Musik an, die ihn nicht wirklich anspricht.

Pop-Publikum gilt oft als hedonistisch; vermeintlich nur an Unterhaltung und Party interessiert. Doch längst hat sich im Pop-Mainstream ein hohes Reflexionspotenzial eingestellt: Dort werden alle wesentliche Inhalte des Lebens und vor allem des Zusammenlebens einer globalen Welt verhandelt, werden Ideen gegen Gefühle aufgewogen. Alle nennenswerten Protestbewegungen, alle wichtigen gesellschaftlichen Umwälzungen der Pop-Jahrzehnte von Abrüstung über Ökologie bis zur Schwulenemanzipation hatten ihren eigenen Soundtrack, der Stimmungen und Ideale in Musik verschmolz, Gedanken mitentwickelte und ins Rollen gekommene Steine machtvoll mit antrieb. Vielleicht schäumt der Hass von der rechten Seite gegen Konzerte wie "Wir sind mehr" vor allem deswegen so gallig hoch, weil man dort schlicht nicht in der Lage wäre, dem eindrucksvollen Konzert, dass der Kraftklub-Freundeskreis mal eben in ein paar Tagen auf die Straße gestellt hat, irgendetwas Adäquates entgegenzusetzen. Wer sollte dort auch auftreten? Man mag von den Böhsen Onkelz ja halten, was man will - aber gegen Fremdenhass und feindselig-giftigen Nationalismus im Sinne von Höcke und Bachmann hat die Band sich in den letzten Jahren stets lautstark geäußert. Und Freiwild-Sänger Philipp Burger hat die rechten Ausschreitungen in Chemnitz wesentlich deutlicher verurteilt als die meisten sächsischen CDU-Politiker.

Man darf es daher als gutes Zeichen ansehen, dass der Beitrag des rechten Randes zur Popkultur bisher nur marginal ist: Allenfalls haben Nazi-Ideologen versucht, dort einige Erfolgsmodelle abzukupfern. Das ist Marketing. Was dagegen gestern in Chemnitz zu hören war, darf als populär im Wortsinn bezeichnen: Beliebt bei Volksmassen!

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