Auf Spurensuche im Mittelalter

Vor etwa 500 Jahren haben Holzkünstler wertvolle Objekte geschaffen. Experten erforschen jetzt ihre Geheimnisse.

Freiberg.

So intensiv sie ihn auch im UV-Licht betrachten, alle Dokumente über ihn in Archiven suchen, Fakt um Fakt zusammentragen, studieren, auswerten und in einer Datenbank festhalten - seine letzten Geheimnisse wird "Christus in der Rast" vielleicht nicht preisgeben.

Gemeint ist jene um 1500 entstandene knapp etwa meterhohe Holzskulptur aus der Werkstatt des Zwickauer Holzbildhauers Peter Breuer (um 1472 bis 1541), die zu den wertvollsten Stücken des Freiberger Stadt- und Bergbaumuseums gehört. Die rastende Christusfigur - geschaffen als Momentaufnahme unmittelbar vor der Kreuzigung - ist ab April in der 4. Sächsischen Landesausstellung in Zwickau zu sehen. Vielleicht können Betrachter dann mehr als bisher bekannt über das einzigartige Kunstwerk erfahren - vor allem dank der Forschungen zweier Experten der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.

Die Skulptur gehört zu 200 Objekten herausragender spätgotischer Sakralkunst im Freiberger Raum, die Kunsthistorikerin Lia Bertram und Restaurator Tino Simon genauer untersuchen. Beide sind quasi auf wissenschaftlicher Spurensuche unterwegs - und tauchen dabei ein bis ins Spätmittelalter. "Die Christusfigur stand einst in der Freiberger Nikolaikirche", erklärt Lia Bertram. Unklar sei aber, wie und warum sie aus der Werkstatt des Zwickauer Holzbildhauers nach Freiberg kam. Freiberg hatte selbst bedeutende Werkstätten, in denen Kunstwerke, beispielsweise für den Dom, geschaffen wurden. Waren es familiäre Verbindungen oder Handelsbeziehungen? Bekanntschaften über Kirchenkreise? Wissen um den Zwickauer Meister? "Ganz lässt sich das vermutlich nie herausfinden, wenn wir nicht noch auf Zollunterlagen, eine Rechnung oder ähnliches stoßen", sagt die Kunsthistorikerin. Sisyphusarbeit? Keine Seltenheit.

Aus Archivmaterial ist jedoch bekannt, dass die Figur seit 1860 im Stadt- und Bergbaumuseum steht und die Inventarnummer 4 trägt. "Der Altertumsverein hat sie von der Nikolaikirche für die entstehende Museumssammlung erworben - sie war der erste Ankauf überhaupt dafür", erklärt Lia Bertram. Auch die weitere Objektgeschichte lässt sich weitgehend nachlesen. Für den Christus wie für jedes der zu untersuchenden Holzkunstwerke aus der Zeit zwischen 1450 und 1550 wird nun in einer von beiden Fachleuten entwickelten Datenbank jedes wichtige Detail festgehalten. Die Objekte sind kunstgeschichtlich und kunsttechnologisch zu erfassen, wie es Lia Bertram beschreibt. "Formulare für Zustand, Herkunft, Geschichte, Herstellungstechnik, Beschreibung jedes Objektes sind entstanden", so Tino Simon. Für ihn und seine Kollegin ist das sächsische Pilotprojekt, bei dem erstmals seit den 1950er-Jahren in Freiberg wieder Forschung zu spätmittelalterlicher Skulptur in Sachsen stattfindet, wegen der unmittelbaren Arbeit am Kunstwerken besonders spannend.

"Mit seiner bedeutenden Sammlung sakraler Skulpturen im Stadt- und Bergbaumuseum und im Dom ist Freiberg vom Fachbeirat als Pilotprojekt in Sachsen auserkoren worden", heißt es dazu aus der Freiberger Stadtverwaltung. Die Bergstadt bildet demnach den Auftakt der Forschungen an den originalen Skulpturen - perspektivisch sollen diese in ganz Sachsen untersucht und in einer interaktiven Karte die Fülle der spätgotischen Kunst im Projektgebiet visualisiert werden. Nach ersten Untersuchungen im Freiberger Dom ist das Projektteam noch bis Monatsende im Museum tätig. Bei ihrer Forschung lassen sich die Experten über die Schulter schauen.

Das dreijährige deutsch-tschechische Kooperationsprojekt wird über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert. Die Sächsische Aufbaubank stellt rund 970.000 Euro zur Verfügung. Als Projektgebiet wird sowohl der sächsische Teil als auch der böhmische der Erzgebirgsregion betrachtet, die zum Unesco-Welterbe zählt.

Doch zurück zur Christusfigur: "Warum hat die Nikolaikirche sie einst verkauft?", fragt Lia Bertram. Tino Simon setzt die Reihe der Fragen fort: "Der Christus ist aus einem Stück geschnitzt, in seinen Knien aber sind Holznägel eingearbeitet - warum?" Mithilfe von UV-Licht, Röntgenaufnahmen und Mikroskop-Untersuchungen kann er den Werkprozess der Bildhauer und Maler auch nach Jahrhunderten nachvollziehen. Das Rätsel der Holznägel aber bleibt ebenso noch bestehen wie ein weiteres: Die Christusfigur wurde komplett übermalt. "Breuer war es nicht, aber bisher wissen wir aber nicht, welcher Künstler es getan hat. Wir haben noch keinen Hinweis gefunden", sagt Lia Bertram. Die Spurensuche hält also an.


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