Aus dem Nebel der Geschichte hinein in den Kreuzgang

Kammerkonzert bildet Lackmustest für die historischen Gemäuer - Instrumente können hier flüstern

Es war nicht das erste Konzert, das am Sonntag im Kreuzgang des Freiberger Doms St. Marien stattfand. Auch nicht das erste nach der Eröffnung des nun endlich fertig sanierten zweiten Teiles des Bauwerks. Denn zu eben jener Eröffnung im September wurde bereits Musik in der "Schönbergschen Kapelle" gemacht, die sozusagen das Gelenk der beiden Gänge bildet und ausreichend Fläche bietet, um solche Darbietungen zu gestatten. Doch es war das erste Kammerkonzert nach der Vollendung, und dieses bildete durchaus einen Lackmustest für die Akustik des Kreuzgangs.

Um es vorweg zu sagen: Die vier Musiker boten eine fabelhafte Leistung. Lilia Jatscheva am Violoncello, Sergey Tsoy an der Violine, Daniel Rothe an der Klarinette und Jan Michael Horstmann am Flügel präsentierten ihr Können mit größtenteils anspruchsvollsten Kompositionen. Solche waren durchaus zu erwarten, denn diese Instrumentierung eines Quartetts ist überaus selten, weshalb nicht viele Werke existieren, die dafür geschaffen wurden. Das berühmteste ist wohl das "Quartuor pour la fin du temps" von Olivier Messiaen, welches das Quartett bereits vor einigen Jahren spielte. Diesmal griff man auf andere Komponisten zurück. So auf ein Trio von Ulrich Leyendecker, das von den Zuhörern hohe Konzentration forderte, ebenso das Quartett von Paul Hindemith.

Eine Entdeckung war jedoch das Quartett Es-Dur op. 1 des Österreichers Walter Rabl. "Wir verdanken es vor allem Daniel Rothe, der es uns aus dem Nebel der Geschichte herausgeholt hat", sagte Jan Michael Horstmann. "Es ist ungewöhnlich, dass bereits 1896 Musik für solch ein Quartett geschrieben wurde." Als erstes Stück gespielt, zeigte es gleich die Möglichkeiten und Grenzen des Kreuzgangs auf. Verlangt die Komposition einen kraftvollen Einsatz, gehen selbst perfekt gespielte Töne ins allzu Grelle über, drängen sich die Instrumente gegenseitig ab. Anders in den ruhigen Passagen. Die ganze Sanftheit der Klarinette, die tragenden Wogen des Cellos, die kitzelnde Fröhlichkeit der Violine und die konsequente Verspieltheit des Klaviers sind hier perlentropfenklar zu hören. Doch für voluminösere Teile will der Kreuzgang offenbar nicht groß genug sein. Die Klarinette driftet regelrecht durch den Raum und die Wände lassen manchen Geigenton schneidend zurückprallen. Ein Besucher, der das ähnlich erlebte, sagte zutreffend: "Der Kreuzgang hat die Möglichkeit, Instrumente flüstern zu lassen." Darauf sollte man setzen.

Es war spannend, dass sich das historische Gemäuer am besten für die beiden modernen Stücke eignete. Jeder Ton konnte sich einprägen und dank der Fähigkeiten der Musiker durchaus Glücksgefühle erzeugen. Im Mai findet das nächste Kammerkonzert im Kreuzgang statt. Man darf gespannt sein.

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