Die Erzgebirgscard wird eingestampft

Mehr als 5300 dieser Vorteilskarten für Museen, Ausstellungen und Attraktionen sind 2017 verkauft worden. Das EU-Pauschalreiserecht macht dem Modell nun einen Strich durch die Rechnung.

Freiberg.

Helmar Haupt ist sauer. "Wir haben das Angebot der Erzgebirgscard jedes Jahr genutzt, weil wir bequem mit Bus und Bahn unsere Ziele im Erzgebirge erreichen konnten", sagt der "Freie Presse"-Leser aus Augustusburg. "Nun wird das Angebot zum Jahresende eingestellt. Wo bleibt da die Tourismusförderung?"

Die Vier-Tageskarte (Motto: 100-mal Freizeitspaß erleben) ermöglicht es einem Erwachsenen zum Preis von 37 Euro, an vier frei wählbaren Tagen im Jahr je einen Ausflug zu unternehmen. Für Kinder von 6 bis 14 Jahren kostet dieses Angebot 23 Euro. "Der Tagesausflug etwa mit Erzgebirgsbahn, Dampfzug nach Oberwiesenthal und Fichtelberg-Schwebebahn schlug mit 9,25Euro pro Erwachsenem zu Buche", so Helmar Haupt. Auch Warmbad und das August-Horch-Museum Zwickau habe er besucht. Seine Frau und er kauften jährlich je eine Card. Für ein Enkelkind bis 6Jahre gibt es die Zwergencard gratis. Nicht nur Ziele im Erzgebirge können mit dieser Kaufkarte kostengünstig angesteuert werden. Freien Eintritt gibt es damit auch im Museum in Oederan, im Augustusburger Freizeitzentrum und im Schloss Lichtenwalde.

"Der Vorstand des Tourismusverbandes Erzgebirge hat nach eingehender Diskussion entschieden, die Erzgebirgscard zum 31. Dezember 2018 einzustellen", bestätigt Doreen Burgold, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Verband. "Nach 15 Jahren Projektlaufzeit ist das für alle Beteiligten eine sehr schwere Entscheidung. Der Verkauf der Karte funktioniert nur mit den zahlreichen Verkaufsstellen." Circa 150 Partner bieten die Karte an, darunter Touristinformationen, Fremdenverkehrsämter, Akzeptanzstellen und Hotels. Hintergrund der Einstellung ist das am 1. Juli 2018 in Kraft getretene neue EU-Pauschalreiserecht. "Dies besagt, dass bei Kombination von mindestens zwei verschiedenen Reiseleistungen eine Pauschalreise vorliegt", so Burgold. "Die Erzgebirgscard kombiniert die kostenfreien Eintrittsleistungen mit einer Transportleistung in Form der kostenfreien Nutzung des ÖPNV. Damit ist die Erzgebirgscard automatisch ein Pauschalangebot." Dies wäre nur zu umgehen, würde man den ÖPNV als Leistung herausstreichen. "Das würde jedoch aus Gastsicht einen enormen Rückschritt bedeuten und die Attraktivität der Karte erheblich senken", so der Verband.

Die Erzgebirgscard verstoße nicht gegen das EU-Pauschalreiserecht. Doch dieses mache den Verkauf schwieriger und bürokratischer. So müsste der Veranstalter, also der Tourismusverband, pro Card auch einen Sicherungsschein sowie ein Formular ausgeben. Um rechtskonform zu arbeiten, bekamen alle Verkaufsstellen Ende Juni die entsprechenden Papiere. "Jedoch haben uns viele Partner bereits signalisiert, dass sie die Karte nicht mehr verkaufen wollen", so Burgold. Gründe seien der mit der Richtlinie verbundene Mehraufwand sowie eine gefühlte rechtliche Unsicherheit infolge des neuen Reiserechts. Es zeichne sich ab, dass der Kartenverkauf stark rückläufig sein werde und damit die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist, sagt Doreen Burgold.

"Die Erzgebirgscard wurde bei uns sehr selten verkauft", sagt Petra Schilling, Mitarbeiterin in der Terra mineralia in Freiberg. Genaue Zahlen konnte sie gestern nicht sagen. Bis Dezember können Inhaber der Erzgebirgscard noch kostenfrei die Dauerausstellung besuchen. Ohne Card kostet der Eintritt inklusive Sonderausstellung 10 Euro.

In Nussknackermuseum und Alter Stuhlfabrik in Neuhausen sparen sich Gäste mit Erzgebirgscard bislang 4 Euro Eintritt. "Die Card ist keine schlechte Sache. Wir konnten durch die Eintrittseinnahmen unseren Anteil an den Werbekosten für die Karte decken", sagt Museumschef Uwe Löschner: "Es ist schade um die Karte, aber nicht die Beteiligung ist das Problem, sondern die rechtlichen Schwierigkeiten." Auch Thomas Maruschke, Leiter des Brand-Erbisdorfer Heimatmuseums Huthaus Einigkeit, findet es schade, "dass es die Card nicht weiter gibt." Zwar haben nach seinen Worten im Jahr nur etwa 20 Besucher bzw. Familien damit den vergünstigten Eintritt ins Museum genutzt, "aber für uns war es zugleich kostenlose Werbung". Die Card wurde im Haus auch verkauft. Die eher geringe Resonanz in der Region ist laut Maruschke der kleineren Angebotsdichte geschuldet. "Im oberen Erzgebirge, gerade um Annaberg, wurde die Card intensiver genutzt."

2017 konnten 5321 Erzgebirgscards an die Frau und den Mann gebracht werden. Bürger nutzten diese 32.602 Mal. Für den Tourismusverband hat die Einstellung keine finanziellen Einbußen zur Folge. "Die Einnahmen aus dem Projekt und die Ausgaben, unter anderem für den Systembetrieb, die Freizeitführer und Marketingmaßnahmen gleichen sich aus", sagt Pressesprecherin Burgold. Bislang hat der Verband nur seine Partner über das Aus der Card informiert. Deren Nutzer erfuhren bis gestern Nachmittag auf der Homepage lediglich, dass ihre Karten nur bis 31. Dezember 2018 gültig seien. "Aus unserer Sicht ist dies als Erstinformation ausreichend", meint Burgold. (mit cor/ar)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 3
    0
    AchimAdams
    16.08.2018

    Die Regelung ist grundsätzlich nicht neu, sondern wurde nur europaweit neu gefasst und konkretisiert. Da nur grundsätzlich die Möglichkeit geboten wird den Nahverkehr nutzen zu können, also ohne konkreten Termin und ohne konkretes Verkehrsmittel, ist das keine Pauschalreise. Ohnehin fallen Angebote unter 500,- nicht unter die Richtlinie.
    Hier wird eher versucht einen Grund vorzuschieben um diese lästige Touristen-Karte elegant verschwinden zu lassen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...