Weißenborner hinterfragt Glyphosat-Einsatz auf Maisfeld

Auf dem Areal nahe der Kleingärten und eines Wohngebietes in Weißenborn setzen Landwirte das umstrittene Herbizid ein. Muss das sein?, fragt Hans-Lutz Erler. Ja, sagt die Agrargenossenschaft.

Weißenborn.

Es war im April, als sich das Grün auf dem Feld innerhalb kurzer Zeit in ein Graubraun verwandelt hatte, schilderte Hans-Lutz Erler. Er wohnt in Weißenborn nicht weit entfernt von dem Feld oberhalb des Wohngebietes Am Kirschberg. Weil er Gemeinderat (Freie Wählervereinigung) ist, haben ihn mehrere Kleingärtner angesprochen, ob er nicht im Rat eine Diskussion dazu anregen könne, ob und warum glyphosathaltiges Pflanzenschutzmittel eingesetzt werde.

Bestellt wird das Feld von der Agrargenossenschaft Bobritzschtal. Deren Vorsitzender Lars Furkert folgte der Einladung von Bürgermeister Udo Eckert in die jüngste Gemeinderatssitzung und erklärte: "Wir setzen auf klassisch-konventionelle Milchwirtschaft und bauen Getreide und Raps als Futter und zur Vermarktung an." Der Betrieb bewirtschaftet Felder in Oberbobritzsch, Sohra und Weißenborn. "Die Bestände schützen wir mit Herbiziden und Fungiziden", so Furkert. Mit Herbiziden werden unerwünschte Pflanzen, mit Fungiziden Pilze und Sporen bekämpft. "Wir bringen keine Gifte, sondern zugelassene Pflanzenschutzmittel aus, weil wir nachhaltig produzieren wollen", betonte er.


Dieses Jahr wächst Mais auf dem Feld am Hang. Um Erosion vorzubeugen, wurde eine Zwischenfrucht angebaut. Nachdem die Früchte im Frühjahr abgeerntet wurden, wurden die Pflanzen mit einem glyphosathaltigem Mittel benetzt, damit sie absterben und das Feld frei für den Mais wird. Beim Einsatz von Glyphosat gelte es, so Vorstandsmitglied Jan Rudolph, zum Rand des Ackers eigentlich drei bis fünf Meter Abstand zu halten, "Wir lassen sogar ringsum 15Meter Abstand", so Rudolph. Furkert ergänzte: "Indem wir den Abstand um das Dreifache erhöhen, zeigen wir guten Willen. Wir büßen damit zwar Ertrag ein, aber wir nehmen Rücksicht auf Befindlichkeiten." Sein Ziel sei, mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren.

Erler fürchtete, dass bei vermehrtem Regen dass Glyphosat in den Boden eindringt und mit dem Wasser in die unterhalb des Hanges liegenden Gärten sickert. Jan Rudolph erklärte, dass das Pflanzenschutzmittel nur auf Blätter und Stengel der Pflanzen aufgebracht werde. "Es kann somit gar nicht ins Grundwasser gelangen", sagte er. Aus dem sächsischen Umweltministerium heißt es dazu auf Nachfrage: "Bei einem sachgerechten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (kein Einsatz bei Regen, Abstände) ist eine Betroffenheit angrenzender Grundstücke nicht zu erwarten."

Gemeinderätin Ingeborg Bartzsch (FWG) wollte von den Landwirten wissen, ob sich die verwendete Menge des Herbizids an der Mindest- oder der Maximalgrenze orientiere. Furkert: "Die Agrargenossenschaft hat neben dem ökologischen auch ein ökonomisches Interesse. Dennoch versuchen wir, an der Unterkante zu fahren." Zwei bis vier Liter Pflanzenschutzmittel werden verdünnt und auf einer Fläche von einem Hektar versprüht.

Erler wollte schließlich wissen, ob es möglich ist, auf diesem Feld auf Glyphosat zu verzichten. Das lehnte Furkert ab: "Da sind wir in 50Jahren wieder beim Miriquidi-Wald! Wir machen das ja nicht zum Spaß, sondern um uns zu versorgen." Wenn er kein Glyphosat nutzen würde, erklärte er später auf Nachfrage der "Freien Presse", hätte die Zwischenfrucht wieder aufgetrieben und er hätte die Maispflanzen mit anderen Mitteln besprühen müssen.

Mit Blick auf den aufwendigen Austausch schwermetallbelasteten Bodens im Außengelände der Kita meinte Erler: "Ich will nicht, dass wir in 10, 15 Jahren wieder anfangen, Erdreich auszutauschen. Wer übernimmt denn dann die Kosten?" Furkert sagte, er verstehe die Sorge und sei offen für einen fairen Dialog. "Wir setzen ein staatlich zugelassenes Mittel ein, das strengen Kontrollen unterliegt. Was in fünf oder zehn Jahren damit ist, wissen wir allerdings nicht."

Eine Woche nach der Sitzung kam prompt die Antwort: Die Bundesregierung hat Glyphosat ab Ende 2023 komplett verboten. Auf Nachfrage, was sein Plan B ist, meinte Furkert: "Ich bin an Alternativen interessiert, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass innerhalb so kurzer Zeit alles auf Bio umschwenkt. Die Industrie schläft nicht."


Glyphosat in Deutschland: Nach 49 Jahren soll Schluss sein

Der Stoff: Glyphosat ist ein Unkrautvernichter (Herbizid), der durch alle grünen Pflanzenteile aufgenommen wird, sich in der Pflanze verteilt und diese gänzlich verwelken lässt. Glyphosat ist auch für den privaten Gebrauch in Gärten zugelassen.

Das Problem: Durch das Herbizid werden auch Pflanzen abgetötet, auf die Insektenarten als Nahrung angewiesen sind. Zudem steht Glyphosat im Verdacht, krebserregend zu sein.

Laut Bundeslandwirtschaftsministerium wurden im Rahmen der Risikobewertung mehr als 1000 Studien allein zu den gesundheitlichen Wirkungen von Glyphosat ausgewertet. "Bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung des Wirkstoffs Glyphosat bestehen keine Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit", heißt es.

https://bit.ly/2lLEBPu

Die Politik: Seit 1974 ist in Deutschland Glyphosat in Pflanzenschutzmitteln zugelassen. Im November 2018 hat die EU-Kommission die Zulassung nach monatelangem Streit um fünf Jahre verlängert. Vorige Woche hat das Bundeskabinett nun beschlossen, den Einsatz glyphosathaltiger und wirkungsgleicher Pflanzenschutzmittel ab 2020 deutlich einzuschränken. Ab Ende 2023 soll in Deutschland der Einsatz von Glyphosat (Landwirtschaft, Gärten, öffentliche Grünflächen) verboten sein, heißt es im "Aktionsprogramm Insektenschutz". (cor)

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7Kommentare
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  • 2
    0
    Evilin84
    11.09.2019

    Okay. Das würde mich jetzt genauer interessieren lieber Tauchsieder. Ich lese oft diese allgemeine Aussage, dass Biobauern auch Gifte einsetzten. Die meisten PMs sind aber nicht zugelassen. Kupfersulfat ist das übliche Beispiel ist aber nur bei einigen Kulturen zugelassen. Soweit ich weiß im Weinbau (ohne nicht vorstellbar wegen Falschem Mehltau) und bei den Kartoffeln (Phytophthora, bei „Gefahrenlage“ - in trockenen Jahren nicht). Spargel fällt mir noch ein? Weitere? Und welche Mittel gibt es noch? Beizen (also die chemischen) sind generell nicht zugelassen, aber es gibt wohl Ausnahmen? Ich frag das aus echtem Interesse.
    Biobauern können sich durch eine breitere Fruchtfolge, höheren Reihenabstand, geringere Düngung (Überschuss gefällt so einigen pilzlichen Erregern)u.a. schon eine Menge vom Leib halten. Geht halt nur mit Subventionen, weil der Ertrag natürlich geringer ist.Muss man halt überlegen, ob es einem das Wert ist. Ich halte eine besser gesteuerte Subventionsverteilung im konventionellen Anbau für eine gute Idee.

  • 1
    3
    Distelblüte
    11.09.2019

    Es ist gut, dass immer wieder nachgehakt wird, ob der Einsatz von Glyphosat tatsächlich ohne Alternative ist. Ein Ersatzstoff ist derzeit noch nicht in Sicht, allerdings gab es beim Deutschlandfunk im Frühjahr eine Reportage über eine sehr vielversprechende Entdeckung (Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/alternative-zu-glyphosat-ein-simpler-zucker-stoppt-das.676.de.html?dram:article_id=443257). Bis sich daraus jedoch ein einsatzfähiges Mittel entwickeln lässt, werden noch Jahre vergehen.
    Das Unterpflügen nach dem Abernten ist eine "mechanische" Alternative und sehr viel gebräuchlicher.

  • 3
    3
    Tauchsieder
    11.09.2019

    Vollkommen richtig "Evel...."! Das sogenannte Bio-Bauern auch Gifte einsetzen wird hier geflissentlich verschwiegen. Kupfersulfat z.B. ist ein Schwermetall und tötet Bienen und dies ist nicht das einzige Gift, dass Bio-Bauern einsetzen. Der Nachweis, dass dies auch Glyphosat tut, ist nicht erbracht.
    Eine Bio-Ideologie die falsche Angst und Hysterie verbreitet. Wenn das eine Mittel bei Biobauern erlaubt ist, dann hat das andere genauso seine Daseinsberechtigung. In diesem Sinn - Alles Bio oder was ?

  • 6
    4
    Evilin84
    11.09.2019

    Ich denke ja, es ist den Leuten nicht wirklich klar, dass konventionelle Landwirtschaft nun mal so funktioniert. Ohne Herbizide geht da nichts oder wie soll der Bauer z.B. die tolle Insektenblühmischung nach einer Saison wieder loskriegen? Und dem Landwirt kann man wenig Vorwürfe machen, denn er muss ja wirtschaftlich arbeiten. Wenn es zu Ertragsausfällen kommt, weil zu wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurde - wer bezahlt ihm das? Hier sind Politik und Forschung gefragt - denn nur Glyphosat durch die nächste Chemikalie zu ersetzen kann nicht die Lösung sein.

  • 5
    4
    Juri
    10.09.2019

    Das ging aber schnell, lieber Tauchsieder. Ich bin immer "dankbar" wenn mir Menschen über den Weg laufen, die sofort die richtige Antwort aus dem Heft ziehen. Natürlich, Sie haben recht. Erklären kann man alles. Nur besser wird es in diesem speziellen Fall mit Ihren Argumenten nicht.
    Klar es ist "besser und hilft uns allen," immer sofort drauf zu hauen. Eventuell mal andere Meinungen zu hören und auch mal unvoreingenommen nachdenken, könnte ja auch ein Weg sein oder??
    Vielleicht hilft es, wenn Sie einfach mal für einen Moment Ihren Stecker mal aus der Dose ziehen. Sie sind offensichtlich ziemlich aufgeheizt.

  • 3
    5
    Tauchsieder
    10.09.2019

    Doch, kann man, aber ideologisch verblendeten und mit Vorurteilen behaftete Menschen wahrscheinlich nicht.

  • 9
    5
    Juri
    10.09.2019

    "Wir setzen auf klassisch-konventionelle Milchwirtschaft und bauen Getreide und Raps als Futter und zur Vermarktung an." So der Vorsitzende der Genossenschaft.

    "Wir halten Untergrenzen ein, halten 15 m Abstand zu den Nachbarn, wir erhöhen den Abstand sogar um das Dreifache, alles wird sachgerecht eingesetzt, wir versuchen an Unterkannte zu fahren."
    Wir machen alles richtig und was wir machen ist notwendig!!???
    Für wen? Für die Menschen, die Tiere, die Umwelt oder den Kontostand der Genossenschaft?
    Also dann weiter so und immer schön an der Unterkannte bleiben. Damit lässt sichs gut ruhen und man muss nicht kurzfristig was verändern. Schließlich haben wir ja viel Arbeit auf den Feldern und da bleibt kein Raum für`s Nachdenken und verändern.
    Das ist die Arroganz von Führung, die man keinem vernünftigen Menschen erklären kann. Schade.
    Aber mutig von denen, die wenigstens mal nachfragen.



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