Alle Jahre wieder - FSV Zwickau kämpft ums Überleben

Wie schon 2016 und 2017 wird der DFB dem Verein ein Finanzloch im laufenden Etat bescheinigen. 555.000 Euro fehlen aktuell. Nun soll die Stadt helfen.

Zwickau.

Dem FSV Zwickau droht die Insolvenz - wieder mal. Das sagt Tobias Leege, der Vorstandssprecher des Vereins. Die entstandene Lücke im laufenden Saisonetat bezifferte der FSV am Dienstagabend auf 555.000 Euro ("Freie Presse" berichtete). Mögliche Fehlbeträge aus der Nachlizenzierung, über die der DFB in den nächsten Tagen informieren will, sind dabei nicht berücksichtigt. Neu bei den neuerlichen Turbulenzen um die drohende Zahlungsunfähigkeit ist: Erstmals ist die Führungsriege des FSV bewusst ein Risiko eingegangen und hat den Etat für die erste Mannschaft von geplanten 2,0 auf 2,6 Millionen Euro erhöht.

Bisher lautete die Devise des Fußball-Drittligisten, der 1999 und 2010 zwei Insolvenzen überlebte, nur das auszugeben, was man auch in der Kasse hat. "Aufgrund der Stärke der 3. Liga und der Tatsache, dass erstmals vier Teams absteigen, haben wir uns entschieden, dieses Risiko einzugehen. Es gab keinen anderen Weg. Es sei denn, wir hätten den Laden im April zugeschlossen und wären so kontrolliert abgestiegen", erklärt Sportdirektor David Wagner: "Das wollten wir aber nicht, weil wir die 3. Liga in Zwickau als ein hohes Gut ansehen, um das wir gemeinsam kämpfen. Und bisher haben wir es auch immer geschafft."

Sportlich ging der Plan mit bis dato 19 Zählern und Tabellenrang 12 auf. Wirtschaftlich ist es allerdings nicht das erste Mal, dass der FSV seit seiner Drittligazugehörigkeit - nun in der dritten Saison - in Schwierigkeiten gerät. So wurde erst im Dezember 2016 eine Lücke von 411.000 Euro im laufenden Etat vom DFB festgestellt. Laut FSV sei das Geld damals durch Spendenaufrufe an die Fans, diverse Sparmaßnahmen, Mehreinnahmen von Sponsoren sowie sogenannte Retterspiele - u. a. gegen Dynamo Dresden oder die Bundesligisten Dortmund sowie Stuttgart - aufgetrieben worden.

Nun also fehlen 555.000 Euro. Wird das Geld nicht aufgetrieben, drohen Punktabzüge, so wie sie vergangene Saison Aalen, Erfurt oder dem CFC (je 9 Zähler) auferlegt worden sind. Leege weist in der Mitteilung daraufhin, dass der FSV mit 2,6 Millionen Euro im Vergleich zu den aktuellen Konkurrenten immer noch im unteren Drittel der Etats angesiedelt ist. Sollte der FSV die Lücke wie in den vergangenen Jahren diesmal nicht bis zum Stichtag Ende Januar schließen können, stelle sich die generelle Frage, ob "sich das Umfeld um den FSV einen wettbewerbsfähigen Drittligisten leisten kann und will", wie es in der Mitteilung heißt.

Und es bleibt noch eine Frage offen: Warum hat der Verein seine im Mai eingereichten Unterlagen nicht gleich mit 2,6 Millionen Euro als Etat für die Profimannschaft eingereicht, obwohl die Stärke der 3. Liga zu diesem Zeitpunkt und auch der zusätzliche vierte Absteiger in dieser Saison bereits bekannt waren? Eine klare Antwort darauf kann David Wagner nicht geben: "Es war ein laufender Prozess. Am Ende stand die Erkenntnis: Wir brauchen einen konkurrenzfähigen Kader."

In diese Zeit fällt jedenfalls auch die Absage von Trainer Torsten Ziegner, der seinen Vertrag - eben wegen jenen wirtschaftlichen Zwängen - in Zwickau nicht mehr verlängern wollte. Der FSV brauchte also einen neuen Coach. Und diesen lockt man natürlich nicht mit einem Kader, der dem Abstieg geweiht ist. Augenscheinlich hätte der DFB aber auch so bei einem Etat von 2,6 Millionen Euro in der Planung abgewunken. Denn zu den im März eingereichten Lizenzunterlagen stellte der Verband im April ein Defizit von 1,4 Millionen Euro in der Bilanz (geplante Einnahmen und Ausgaben) fest. Dieses konnte der FSV - laut Aussage des damaligen Geschäftsführers Frank Fischer - ausgleichen, "weil wir kurzfristig weitere Sponsorengelder generieren konnten".

Vor dieser Herausforderung steht man nun erneut. Laut David Wagner sind Spielerverkäufe in der Winterpause aktuell kein Thema. Der Verein hat ein Konzept entwickelt: 70.000 Euro sollen durch ein noch zu vereinbarendes Freundschaftsspiel aufs Konto wandern, 200.000 durch weitere Sponsoreneinnahmen hinzukommen. 80.000 sind durch Sonderumlagen der FSV-Mitglieder eingeplant. 50.000 könnten durch sogenanntes Mikrosponsoring der Fans, das gerade ins Leben gerufen wurde, gesammelt werden. Und auf 200.000 Euro Erlass hofft der Verein bei der jährlichen Stadionmiete von 400.000 Euro, die der FSV an die kommunale Stadionbetriebsgesellschaft zahlt. Zum Thema hatten sich Stadtratsmitglieder am Mittwoch geäußert. Einige Politiker zeigten sich überrascht über die kritische Finanzlage beim FSV. Für David Wagner ist das unverständlich: "Wir haben mit jeder Fraktion des Stadtrats zuvor Gespräche geführt und unsere Situation klargemacht. Aus den meisten Gesprächen bin ich auch mit einem guten Gefühl herausgegangen." Das war im Frühjahr. Für den DFB vorzeigbare Ergebnisse gab es allerdings nicht.

Daran hat sich bis jetzt nichts geändert. Anders verhält es sich mit der Zustimmung des FSV und aller Drittligisten gegenüber dem DFB, dass es vier Absteiger auch über diese Saison hinaus geben soll. "Da werden wir nicht mehr mitmachen. Dies hatten wir auch nur zugesagt für den Fall, dass es künftig vier feste Aufsteiger aus vier Regionalligen gibt", so Wagner. Die Reform allerdings lässt weiter auf sich warten.

Schlimmstenfalls steht der FSV am Saisonende auf dem viertletzten Platz. Ein Szenario, welchem die Profis schon morgen vor ausverkauftem Haus bei 1860 München entgegentreten wollen. Die Löwen planten übrigens laut Medienberichten ihren ersten Drittliga-Etat in der Vereinsgeschichte mit 3,0 Millionen Euro für die Profimannschaft - wichtiger Zusatz dabei: ohne Fremdkapital. Was das heißt bei einem jordanischen Investor namens Hasan Ismaik? Eine der letzten Meldungen aus München lautete jedenfalls: Die Löwen warten auf 2,0 Millionen Euro vom Unternehmer ...


Kommentar: Dilemma 3. Liga 

Es gehört sicher nicht zu den neuen Erkenntnissen, dass es Fußballvereine aus dem Osten wirtschaftlich besonders schwer haben. Stellt man allein die Sponsorensumme, die VW in den Verein nahe des Firmenimperiums in Wolfsburg investiert und jene, die aus Mosel zum FSV fließt, einmal gegenüber, benötigt es keiner großen Fantasie, um die unterschiedlichen Voraussetzungen zu erkennen.

Klar, Wolfsburg spielt Bundesliga und Zwickau in der dritten. Genau da liegt das Problem. Trotz leicht erhöhter Fernseheinnahmen, die Drittligisten seit dieser Saison generieren, stimmen die Rahmenbedingungen in der 3. Profiliga nicht. Das Gezerre um eine sinnvolle Auf- und Abstiegsreform nervt nur noch. Ein hausgemachtes Problem stellt allerdings dar, in welchem Maße Vereine ihren Spielern Gehälter zahlen - vielleicht sogar an den ausgewiesenen Lizenzierungsvorgaben vorbei. Dies ist vom DFB schwer kontrollierbar. Und wer in Lohn- oder Transfersummen nicht mitbietet, fliegt eben raus. In Chemnitz, Erfurt, Jena, Zwickau oder Rostock sind klamme Kassen jedenfalls chronischer Natur. Die Klubs müssen Jahr für Jahr abwägen, wie risikovoll sie in ihre Kader investieren, - oder eben sehenden Auges absteigen.

Ein Teufelskreis, genauso wie der öffentliche Umgang mit dem Dilemma. Hätte der FSV seine Sorgen im Frühjahr transparent gemacht, wäre womöglich die Lizenz für die Spielzeit in Gefahr geraten. Nun aber stellt sich für den einen oder anderen Bürger die Frage: Warum wirtschaftet ein Profiverein erst ins Blaue und fordert im Anschluss die Hilfe des Stadtrats ein? Motto: Entweder ihr packt mit an und helft, die 3. Liga zu erhalten; oder aber es gehen die Lichter in Zwickau aus. Das kommt sicher nicht überall gut an.

Steuergelder sind nicht zum Löcherstopfen im Profifußball gedacht. In allen anderen Belangen sollte die Stadt allerdings den FSV weiter tatkräftig unterstützen, vor allem im Marketing. Dass das "Stadion Zwickau" seit zwei Jahren genauso heißt, wo anderenorts die tollkühnsten Namen wie Schauinsland-Reisen-Arena entstehen, kann nicht sein. Der FSV selbst muss den Weg der kleinen Schritte gehen, alles für ein zufriedenes Stadionerlebnis der Familie tun. Dass die Zuschauerzahlen trotz steigender Preise verbessert wurden und den Etat aktuell entlasten, kann nur ein Anfang sein.

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