Geschafft!

Der FSV Zwickau erreichte körperlich auf der letzten Rille das rettende Ufer. Durch das 0:0 in Mannheim können die Erben der Sachsenring-Kicker eine fünfte Spielzeit in der 3. Fußball-Liga planen.

Mannheim/Zwickau.

Der scheidende Mannheim-Trainer Bernhard Trares hielt kurz inne, als er eine Stunde nach Abpfiff an der Reservebank der Zwickauer Spieler vorbeiging. Die frischgebackenen Nicht-Absteiger genossen in gemütlicher Runde den ersten erfrischenden Gerstensaft nach dieser nervenaufreibenden Saison. "Jungs, lasst es krachen. Für Euch ist das wie ein Aufstieg", zollte Trares den Zwickauern Respekt. 0:0 endete der Abstiegskrimi beim SV Waldhof. Bezeichnend für die dramatischen Partien nach der Coronapause kassierte die Elf von Trainer Joe Enochs erstmals seit dem Re-Start kein Gegentor. Und das war letztlich auch zwingend nötig, sonst wäre Zwickau in der vierten Spielzeit nach dem Aufstieg 2016 wieder in die 4. Liga abgestürzt.

Doch nun heißen zum Saisonstart vermutlich ab Mitte September 1. FC Kaiserslautern oder 1860 München die Gegner und nicht SV Lichtenberg oder ZFC Meuselwitz. Kein Wunder, dass sich die Anspannung im Carl-Benz-Stadion entlud, als von der Tribüne das CFC-Ergebnis gegen Rostock mit erlösenden Schreien durchgestellt wurde. Dem Jubel der Spieler folgten Umarmungen und eine Hüpfrunde im Kreis, bevor Enochs die Party freigab. Abwehrchef Davy Frick wirkte wie alle Beteiligten geschafft, aber überglücklich, nachdem sich die Mannschaft - körperlich auf der letzten Rille - ins Ziel gerettet hatte. "Ich hoffe, dass der Bus ankommt", grinste der dienstälteste FSV-Profi auf die Frage, ob genügend Getränke für die Heimfahrt vorrätig seien. Wie auch immer, der Mannschaftsbus erreichte kurz vor halb Zwölf in der Nacht die Zwickauer Stadionallee, wo rund 1500 Fans ihre Nicht-Absteiger mit Sprechchören und bengalischem Feuer empfingen. Leon Jensen testete im Überschwang die Huckepack-Qualitäten von Vorstandssprecher Tobias Leege, bevor beim Mannschaftsabend die Post richtig abging.

Jensen hatte zuvor in der 36. Minute mit seiner 14. Gelben Karte (dazu einmal Rot) in dieser Saison für zusätzliche Anspannung gesorgt. In Unterzahl wäre das Remis wohl noch schwerer zu halten gewesen, wobei der SV Waldheim mit nur einer Riesentorchance durch den gefährlichen Valmir Sulejmani offensiv nicht mehr allzu viel zu bieten hatte. Aber alles ging gut. Die Zwickauer hatten in der Schlussphase von der zwischenzeitlichen 4:1-Führung des CFC gegen Rostock erfahren. Ein Tor mehr für den Rivalen und weiter kein eigener Treffer in Mannheim hätten den Abstieg bedeutet: "Als ich das Ergebnis gehört habe, ist mir erst mal die Spucke weggeblieben", sagte Frick und ergänzte mit Blick auf den Saisonendspurt: "Wahnsinn. Wir waren schon zweimal tot nach Münster und in der 90. Minute gegen Braunschweig. Doch wir sind wieder aufgestanden, weil wir die Charaktere haben. Klar hatten wir zum Schluss sicher auch etwas Glück, aber das haben wir uns auch erarbeitet."

Teamkollege Morris Schröter sah es ähnlich. "Ich will nicht sagen, dass wir zurecht überm Strich stehen. Aber man hat gesehen, dass wir es wollten", schätzte der Flügelstürmer ein. Auch im Überschwang des der Gefühle wagte er einen Blick voraus: "Wir sind noch nie so knapp am Abstieg vorbeigeschrammt. Das müssen wir analysieren, aber nicht heute", sagte Schröter, der nach elf Spielen in fünf Wochen auf dem Zahnfleisch die Saison beendete. Kaum besser fühlte sich Frick: "Nochmal so ein Jahr darf es nicht geben, dann gehen wir runter."

Viel Arbeit also für Sportdirektor Toni Wachsmuth und Joe Enochs, die jetzt am Kader für die neue Drittligasaison basteln können. Nach der feierlichen "Nacht der Nicht-Absteiger" wollte Wachsmuth am Sonntag mit jedem Spieler - unabhängig von der Vertragssituation - reden. U. a. sind die Verträge von Kapitän Johannes Brinkies, René Lange, Nils Miatke oder Ali Odabas ausgelaufen. Ronny König hat indes einen Anschlussvertrag beim FSV. Ob seine Profilaufbahn am Samstag in Mannheim tatsächlich endete, werden die Gespräche der nächsten Tage und Wochen ergeben. "Ich hätte noch Lust, ein Jahr dranzuhängen", sagte der älteste Spieler der Liga.

Auch wenn der 37-Jährige bereits viel erlebt hat. Diese Coronasaison mit dem Klassenverbleib in allerletzter Sekunde war so ziemlich einmalig. Genauso einmalig, wie so mancher Fan beim FSV tickt. Carsten Hertel aus Neukirchen bei Crimmitschau hatte sich jedenfalls nach dem 2:1-Sieg gegen den CFC Mittwochnacht spontan dazu entschieden, am Morgen danach auf seinem Moped Marke Schwalbe über Landstraßen nach Mannheim zu reisen. Nachdem er mit fünf Fans vor den Stadiontoren die Nervenschlacht im Liveticker verfolgt hatte, durften die Anhänger mit Überredungskünsten gut eine Stunde nach Abpfiff sogar noch zu den Spielern auf den Rasen. Das geschah mit Beifall für die Profis. Und wie steht es um die eigene Motivation für die Mopedfahrt über 450 Kilometer von Sachsen in die Kurpfalz? Hertel: "Es heißt doch, der Weg ist das Ziel." Zwickau-like eben.

Huth, Huth, Huth nimmt seinen Hut 

Elias Huth war mit 14 Treffern der beste FSV-Torjäger der Saison. Mit dem 23-Jähren sprach Thomas Prenzel nach der Partie in Mannheim. 

Freie Presse: Glückwunsch zum Klassenerhalt! Können Sie Ihre Gefühle schon in Worte fassen.

Elias Huth: Erst mal muss ich sagen, dass wir wieder 90 Minuten gekämpft haben und gelaufen sind, gerade, als es zum Schluss wieder eng wurde. Wir wussten, wie es in Chemnitz steht.

Was ging Ihnen vor, als Sie von der Tribüne erfahren haben, dass in Chemnitz Schluss ist?

Da läuft so bisschen das ganze Jahr Arbeit an einem vorbei. Es ist in dem Moment wahnsinnig viel Druck abgefallen. Wir freuen uns einfach alle.

Sie freuen sich im Trikot des Schiedsrichters. Planen Sie eine zweite Karriere?

Nein, das ist auch das Trikot des Linienrichters. Aber die Sache behalte ich mal für mich.

Dann sprechen Sie vielleicht über Ihr zweites Trikot, das Sie gerade bekommen haben.

Das von Ronny König? Okay, ich habe ihm gedankt und gesagt, dass es für mich eine riesengroße Ehre war, dass ich mit ihm in einer Mannschaft spielen durfte. Ich habe davon profitiert und natürlich auch die Mannschaft.

Ist das Ende Ihrer Leihgabe vom 1. FC Kaiserslautern endgültig?

Mit mir persönlich hat noch keiner vom FCK gesprochen. Ich weiß nur von meinem Berater, dass der Club mich planmäßig gern zurückhaben möchte. Das ist so zu akzeptieren.

Was hat Ihnen diese Saison in Zwickau gebracht?

Ich habe sehr viel gelernt. Defensivarbeit, Laufwege im Strafraum, Abschlüsse und auch im physischen Bereich bin ich vorangekommen. Ich bin sehr dankbar, dass die Verantwortlichen in Zwickau an meine Fähigkeiten geglaubt haben. Das war beim FCK nicht immer der Fall.

Die Huth, Huth, Huth-Rufe der Fans werden Sie bestimmt vermissen?

Das war stets ein tolles Gefühl. Daran werde ich mich immer erinnern.

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