"Interesse an Stasi-Akten ist ungebrochen"

DDR-Diktatur: Schnüffel-Opfer melden sich oft erst Jahrzehnte später - Der gebürtige Plauener Utz Rachowski: Immer wieder Überraschendes

Vogtländer, die eine Einsicht in ihre Stasi-Akte planen oder einst Opfer von SED-Unrecht waren und deshalb einen Antrag auf Rehabilitierung stellen wollen, sind heute in Treuen und am Donnerstag in Auerbach willkommen. Der Reichenbacher Utz Rachowski lädt im Auftrag des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu Bürgersprechstunden. Susanne Kiwitter hat mit dem früheren DDR-Bürgerrechtler gesprochen.

Freie Presse: Herr Rachowski, Vogtländer, die zu DDR-Zeiten bespitzelt oder politisch verfolgt wurden, können sich diese Woche bei Ihnen Rat holen - wie aktuell ist dieses Thema 27 Jahre nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktatur?

Utz Rachowski: Das Interesse ist ungebrochen. Vor zwei Wochen war ich in Oschatz bei Leipzig. Dort haben sich in fünf Tagen knapp 1000 Leute bei uns erkundigt. Davon stellten 560 Anträge.

Um welche Art von Anträgen handelt es sich dabei?

Ein Teil der Interessierten stellt einen Antrag auf Einsicht in die Stasiunterlagen. Ich gebe die Anträge raus, helfe beim Ausfüllen und zeige das weitere Vorgehen auf - beispielsweise, dass sich jeder Antragsteller noch einen Stempel bei der Meldebehörde abholen und den Antrag an die Stasiunterlagenbehörde in Chemnitz schicken muss. Meine zentrale Aufgabe ist jedoch, bei Rehabilitierungsanträgen zu helfen. Das betrifft beispielsweise Menschen, deren berufliche Karriere aus politischen Gründen zerstört wurde, die als politisch Verfolgte im Gefängnis saßen oder infolge dessen gesundheitlich geschädigt wurden.

Seit wann arbeiten Sie schon für den Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur?

Ich arbeite seit 15 Jahren bei der Behörde.

Wie hat sich die Zahl der Antragsteller seither entwickelt?

Am Anfang waren es 560 Menschen pro Jahr, mit denen ich in diesem Zusammenhang Kontakt hatte. Heute sind es 1100 bis 1300. Dabei zähle ich den aktuellen Ansturm in Oschatz nicht mit. Das war doch eine Ausnahme.

Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Viele entschließen sich erst jetzt beispielsweise einen Antrag auf Stasiunterlageneinsicht zu stellen, weil sie erst jetzt in der Lage dazu sind. Sie wollten sich vorher nicht verletzen lassen. Und manche informieren sich zwar, lassen es dann aber doch. Die Begründung lautet dann häufig: Wer weiß, was wir da erfahren über Familienangehörige, Nachbarn oder ehemalige Arbeitskollegen.

Gibt es auch noch immer richtig schwerwiegende Fälle, die nach so langer Zeit erst ans Licht kommen?

Es kommt immer wieder Überraschendes zutage, beispielsweise im Zusammenhang mit Zwangsadoptionen. Oder kürzlich hatte ich einen Anruf von einer Frau, die die Urne ihrer Schwester sucht. Die Schwester war eines Tages verhaftet und ins ehemalige Frauengefängnis Hohen- eck gebracht worden. Sie tauchte nie wieder auf. Und erst jetzt beginnt die zurückgebliebene Angehörige zu recherchieren ...

Was heißt Rehabilitation? Oder mit welchen finanziellen Entschädigungen können Opfer rechnen?

Nach einer beruflichen Rehabilitierung erfolgt ein Ausgleich in der Altersrente. Frühere politische Häftlinge erhalten einmalig pro Haft-Monat 306 Euro. Wenn sie über 180 Tage in Haft waren, gibt es zusätzlich ab dem Rentenalter eine Opferpension von monatlich 300 Euro. Je nach Einkommenssituation kann diese schon vor dem Rentenalter gezahlt werden. Opfer mit gesundheitlichen Schäden können mit kostenlosen medizinischen Leistungen rechnen.

Die Bürgersprechstunde zu Fragen der Rehabilitierung von SED-Unrecht in Treuen findet heute von 9 bis 18 Uhr statt. Ort: Stadtverwaltung, Markt 7, im Beratungsraum Zimmer 21. Telefonische Rücksprachen sind während dieser Sprechzeit unter 037468 63838 möglich. In Auerbach steht Utz Rachowski am Donnerstag von 9 bis 16 Uhr bereit. Ort: Erdgeschoss im Rathaus, Zimmer 1.8. Telefonische Rücksprachen sind dort unter der Nummer 03744 825146 möglich. Utz Rachowski beantwortet auch Fragen zur SED-Opferpension .


Zur Person

Utz Rachowski, 1954 in Plauen geboren, lebt heute als Schriftsteller in Reichenbach und Berlin. Zu DDR-Zeiten war er selbst politisch verfolgt. Erst flog er von der Erweiterten Oberschule in Reichenbach, 1978 wurde der Medizinstudent exmatrikuliert. Wegen "staatsfeindlicher Hetze in Versform" saß er 1979/80 während 14 Monaten im Gefängnis, von wo aus er schließlich nach Westdeutschland ausgebürgert wurde. Nach dem Mauerfall kehrte er zurück nach Ostdeutschland. Seit 2003 arbeitet er für die Behörde zur Aufarbeitung von SED-Unrecht. (suki)

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