Mauerfall-Festakt: Seehofer lässt Berlin sausen und würdigt Plauen

Mauerfall 89 Die Festveranstaltung im Vogtland-Theater kam leicht daher und traf den Nerv der Gäste. Als sich die Chance bot, schickte Plauen Applaus nach Leipzig zu Thomas Küttler.

Plauen.

Zur Grundausstattung bayerischer Politiker gehört eine Portion Hemdsärmeligkeit, um auch Bierzelte rocken zu können. Bem Festakt der Städte Plauen und Hof sowie des Freistaates Sachsen "Herbst 1989 - Freiheit durch Bürgermut" am Samstagabend im Vogtland-Theater Plauen haben maßgeblich Bundesinnenminister Horst Seehofer, Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein (beide CSU) und der ehemalige Hofer Oberbürgermeister Dieter Döhla (SPD) dem Abend Ironie, Witz und Leichtigkeit verliehen. Selbst als am Ende 150 Musiker des Symphonischen Blasorchesters Hof und der Clara-Schumann-Philharmonie Plauen-Zwickau mit vielen der gut 400 Gäste im proppevollen Theater die Nationalhymne sangen, drohte der Festakt nicht ins Pathetische abzugleiten.

Schon Seehofers Einmarsch ins überfüllte Theater-Foyer ließ einiges erwarten. Neben den Offiziellen - Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) und Hofs OB Harald Fichtner (CSU) - bereiteten ihm viele Gäste einen triumphalen Empfang. Sie nutzten die seltene Gelegenheit, sprachen mit den Polit-Promis auf Augenhöhe, machten Selfies und ließen sich die Hände schütteln.

Ursprünglich war Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eingeplant, während die Teilnahme des Bundesinnenministers am 9. November beim Fest in Berlin erwartet worden war. "Mit ihrer Anwesenheit", so warf OB Ralf Oberdorfer als Gastgeber dem Gast einen Ball zu, "rücken sie Plauen ins Licht und die Veranstaltung am Brandenburger Tor etwas in den Schatten." Seehofer spielte den Ball zur Freude des Publikums ironisch zurück. Es dürfte schwierig werden, sagte der Innenminister, Bundeskanzlerin Merkel davon zu überzeugen, "dass ich diese Aussage nicht bestellt habe".

In einer Liveschaltung nach Hof gab Horst Seehofer zugleich den offiziellen Startschuss für das im Internet übertragene "Längste Gespräch Deutschlands": einen Veranstaltungsmarathon entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Als die sekundengenaue Zuschaltung nach Hof MDR-Moderator Sven Böttger sichtlich Stress bereitete, merkte Seehofer zurückgelehnt an, wenn er sich derart vom Zeitplan hetzen lasse, "dann haben sie keine hohe Lebenserwartung".

Er konnte und wollte aber auch ernsthaft. "Vor dem Mut und der Veränderungsbereitschaft der Menschen in der ehemaligen DDR kann ich mich nur tief verneigen", betonte er. Festredner Günther Beckstein bescheinigte den Ostdeutschen, ein Wunder geschaffen zu haben. Hofs damaliger OB Dieter Döhla sagte angesichts der Plauener Ereignisse im Frühjahr 1989, der Mauerfall habe die Hofer "nicht total überrascht".

Der emotionale Höhepunkt des Abends ergab sich während einer Laser-Video-Präsentation, die Plauen im Zeitraffer darstellte. Als die Ansprache von Superintendent Thomas Küttler am 7. Oktober 1989 dargestellt wurde, brandete spontaner Beifall auf. Mit seinem Mut und viel Verhandlungsgeschick gilt er als Schlüssel für den gewaltfreien Verlauf jener ersten Demo, bei der die DDR-Staatsmacht 1989 vor dem Bürgerprotest zurückgewichen war. Der 82-jährige Küttler lebt heute in Leipzig und konnte krankheitsbedingt nicht nach Plauen kommen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) verbeugte sich vor "unglaublich mutigen Menschen, die im Herbst 1989 durch ihren ganz persönlichen Einsatz die Freiheit erkämpft und die Mauer zum Einsturz gebracht haben". Auch Kretschmer wurde mit großem Applaus und Sympathie empfangen. Sein im Vergleich zu Vorgänger Stanislaw Tillich ungleich größerer Einsatz am Randes des Freistaates wird sehr wohl zur Kenntnis genommen, wie es in Gesprächen rund um den Festakt zu hören war.

Nach Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung standen Gäste und Akteure zufrieden zusammen. Das Lob reichte von der reibungslosen Organisation über die spannenden Zeitzeugenberichte bis zur fein auf den Anlass abgestimmten musikalischen Umrahmung. Unter den vielen druckreifen Zitaten des Abends spiegelte eines am besten die Stimmung im Saal wider. Der Prager Botschaftsflüchtling Jens Hase sagte: "Ich wünsche mir, dass Ost und West irgendwann nur noch Himmelsrichtungen sind."

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