Münchner Studenten tüfteln an Ideen für Adorfs Sorgenkinder

Ab April bringen junge Leute den Blick von außen in ausgewählte Häuser der Stadt. Ein erfahrener Architekt ist Partner. Was das Ziel des Projekts ist.

Adorf.

Viele Jahre ist es her, seit die Wolfsschlucht am Adorfer Markt bessere Zeiten sah: Hotel, Gaststätte, Geschäft - doch schon die gut sichtbaren Einschüsse vom Ende des Krieges im Mai 1945 markieren das Riesenhaus als ungelöstes Problem. Ab April rückt es in den Fokus eines Projekts von Masterstudenten der TU München, das sich mit Konzepten für neue Wohnformen und Nutzungen beschäftigt. "Das Haus ist architektonisch interessant. Es ist auf jeden Fall dabei", betont der Münchner Architekt Florian Nagler. Der Experte speziell für Planen und Bauen im ländliches Raum ist Partner der Stadt Adorf, die im Sommersemester 2020 Forschungsthema an Naglers Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren wird.

Das Seminar wird sich nicht im Abstrakten verlieren. "Die Studierenden sollen sich am konkreten Ort mit konkreten Beispielen beschäftigen. Das Interesse ist nicht, fertige Baupläne zu haben", erklärt Nagler, der mit seiner Frau Barbara ein Architekturbüro mit 25 Mitarbeitern führt. Es geht vielmehr um Denkanstöße, Impulse, die dann in der Diskussion mit den Adorfern und mit Blick auf Fördermöglichkeiten zu konkreten Vorhaben werden können. Befragungen der Adorfer, ein öffentlicher Workshop, eine Vorstellung der Studienarbeiten - große Hausmodelle inklusive - und eine Publikation sind Teile des Projekts. Nagler rechnet mit 20 bis 25 Seminarteilnehmern, die voraussichtlich nach Ostern nach Adorf kommen.

Als Beispiel-Bauten für das Seminar steht die Wolfsschlucht auf einer Liste mit Häusern an der Lessingstraße gegenüber der Zentralschule. Aber auch genutzte Gebäude wie ein Wohnblock an der Schillerstraße oder die Innenstadtzeile Freiberger Straße 1-5 gehören dazu. Studierende werden mehrere Ideen zu einzelnen Häusern erarbeiten, so der Plan. Das Architektur-Seminar fügt der Demografiewerkstatt Kommunen (DWK), in der Adorf seit 2016 mit Bundesförderung dabei ist, einen Ansatz zu Bau und Stadtentwicklung hinzu. "Wir gehen gern neue Wege. Da passt das perfekt rein", so Bürgermeister Rico Schmidt (SPD). Die städtische Wohnungsgesellschaft hat die Fühler ebenfalls ausgestreckt. "Wir haben eine Nachfrage nach Vier-Raum-Wohnungen. Aber die Leute wollen nicht in den Plattenbau", erklärt Geschäftsführer Kay Burmeister. Hinzu kommt der Umstand, dass Adorf seit 1990 in der Einwohnerzahl von 8000 auf knapp unter 5000 gesunken ist. "Wir haben mehr Zu- als Wegzüge, aber die Geburtenrate gleicht die Sterbefälle nicht aus", so Schmidt. Ideen, wie Adorf auf Nachfrage nach sanierten Wohnungen in zentraler Lage antworten kann, stehen hoch im Kurs.

Für Nagler und die TU ist das alles nicht neu. Bei einer Pressekonferenz im Rathaus zeigte der Architekt drei Projekte aus Bayern und brach eine Lanze für Bauen auf dem Land. "Ich habe ein Faible dafür. Das Land kommt an Hochschulen oft zu kurz. Viel fokussiert sich auf die Stadt", sagt der mit vielen Branchenpreisen ausgezeichnete 52-Jährige. Den Kontakt zu Nagler stellte Adorfs DWK-Berater Klaus Zeitler her - und es ist dafür gesorgt, dass die Münchner Studierenden in ihrer Praxis-Zeit in Adorf auch gut unterkommen, selbst wenn die Wolfsschlucht wohl nie wieder ein Hotel wird.


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