Diskussion um Wendezentrum: Brandschutz bereitet Sorgen

Das leerstehende Gebäude am Oberen Graben ist eine Alternative in der aktuellen Diskussion um einen Standort für das geplante Informations- und Dokumentationszentrum. Die "Freie Presse" hat sich jetzt darin umgeschaut.

Plauen.

Die Uhr ist stehen geblieben. 10.10 Uhr zeigt sie an, keinen Zentimeter bewegt sich der Zeiger vorwärts. Nicht nur diese Uhr ist stehen geblieben im früheren Brandschutzamt am Oberen Graben - die Zeit ist es auch in dem gut 100 Jahre alten Gebäude. Je höher man kommt, desto älter die Tapeten.

Seit Ende der 1990er-Jahre steht das einstige Wohn- und Gerätehaus leer. Es bietet eine Fläche von etwa 1000 Quadratmetern, verteilt auf Keller, Erdgeschoss, zwei Obergeschosse und das Dachgeschoss. "Lesungen könnte man hier oben veranstalten oder Tagungen", sagt Baubürgermeisterin Kerstin Wolf zwischen alten Dielen und so manchem Unrat, der sich angesammelt hat.

Einige Räume nutzt das Vogtlandmuseum. Alte Baupläne für den Chrieschwitzer Hang finden sich dort. Oder ein Ausstellungsplakat. "50 Jahre Freundschaft zur Sowjet-Union", steht darauf geschrieben. Imi-Starkreiniger. Riwa-Grobwaschmittel. Wer in den Kisten stöbert, auf den warten kleine Schätze und eine Reise in die Vergangenheit.

Das Gebäude, das jetzt als möglicher Standort für das geplante Informations- und Dokumentationszentrum (IDZ) zur Friedlichen Revolution im Herbst 1989 in Frage kommt, befindet sich in einem guten baulichen Zustand. Zu dieser Einschätzung kommt die Plauener Denkmalschutzbehörde: "Die Gebäudestrukturen im Inneren sind im Wesentlichen erhalten geblieben. Sorge bereitet die Eindeckung des Daches mit Pappschindeldeckung, deren Haltbarkeit bereits überschritten ist." Eine neue Dacheindeckung müsste also her, neue Fenster, mehrere Balken müssten erneuert, Wände herausgerissen werden. "Kein Hexenwerk", sagt Kerstin Wolf. In den oberen Etagen sind die einst eingerichteten Wohnungen in ihrer Struktur erhalten geblieben, viele kleine Räume sind es, verwinkelt. Barrierefrei ist das Gebäude nicht. Würde es zum Museum umgebaut, müsste ein Fahrstuhl her.

Kerstin Wolf zeigt auf eine braune Tür. Sie gehört zum Vogtlandmuseum. "Von dort sind es nur wenige Meter bis hier, man könnte Synergien schaffen", sagt sie. Diese Synergien standen vor Jahren schon einmal im Mittelpunkt - damals gab es die Überlegung, das Spitzenzentrum im Brandschutzamt einzurichten, inklusive modernem Anbau. Rund fünf Millionen Euro waren für das Vorhaben veranschlagt. Doch es wurde nicht umgesetzt, die Stadträte entschieden sich nach langer Debatte für das Weisbachsche Haus.

Ein Schlussstrich sollte am kommenden Dienstag im Stadtrat auch unter die Debatte zum IDZ-Standort - Neubau an der Melanchthonstraße oder Nutzung des früheren Brandschutzamtes - gesetzt werden. Doch daraus wird wohl nichts: Auf der Tagesordnung taucht das Thema nicht mehr auf. Warum Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) den Beschluss vertagt hat, das ließ die Rathaus-Pressestelle am Donnerstag unbeantwortet.


PRO: Geschichte in einem Neubau erleben? Niemals. Jetzt bietet sich die einmalige Chance, das Brandschutzamt aus dem Dornröschenschlaf zu küssen, sagt Nancy Dietrich.

Stadtbaudirektor Wilhelm Goette würde sich wohl im Grabe umdrehen. Welche Prachtbauten sind vor 100 Jahren unter seiner Leitung in Plauen entstanden! Die Sparkasse, das Stadtbad, das Rathaus. Alle sind saniert, alle in Ordnung gebracht worden. Nur eines nicht: das frühere Brandschutzamt.

Was für eine Chance: Junge Leute könnten direkt aus der Jugendherberge über den Hinterhof in das frühere Wohn- und Gerätehaus schlüpfen, an einen authentischen Ort. Wer will schon Geschichte in einem geschniegelten Neubau erleben? Das Brandschutzamt bietet so viele Möglichkeiten. Der letzte unsanierte Goette-Bau der City würde endlich einer Nutzung zugeführt, eine Museumsmeile entstünde und vor allem: Plauen könnte seiner Stadtgeschichte ein Kapitel hinzufügen. Das Vogtlandmuseum zeigt die Regionalhistorie vergangener Jahrhunderte, das Spitzenzentrum repräsentiert die Bedeutung der Textilindustrie, das Luftschutzmuseum erzählt die Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau. Und danach? Kommt nichts mehr. Plauen in Zeiten der Teilung, der Weg zur Friedlichen Revolution, der 7. Oktober 1989, die Stadt im neuen, gemeinsamen Deutschland. All das könnte man im Brandschutzamt den nächsten Generationen nahe bringen. Wenn erinnern, dann richtig.


KONTRA: Es gibt keinen besseren Ort als den diskutierten Neubau am Wendedenkmal, weil der mindestens drei Fliegen mit einer Klappe schlägt, meint Uwe Selbmann.

Hat Plauen ein Problem mit öffentlichen Toiletten im Stadtzentrum? Ja, das hat es und seit Jahren wird es diskutiert. Hat die Stadt ein Problem damit, dass ihre Tourist-Info auswärtigen Besucher nicht sofort ins Auge fällt? Ja, auch das. Der Denkmalschutz fürs Rathaus verhindert eine auffälligere Außengestaltung. In der Tourist-Info gibt es nicht einmal einen Raum, in dem Gruppen bei schlechtem Wetter zu einer Führung willkommen geheißen werden können. Und dann ist da noch die Aufgabe, dass an die historische Leistung der Plauener in der Friedlichen Revolution 1989/90 - von der Aufdeckung der Wahlfälschungen bis zur ersten Massendemonstration vom 7. Oktober 1989 - umfassender als nur mit dem Wendedenkmal erinnert werden muss. Der diskutierte Neubau an der Melanchthonstraße schlägt diese drei Fliegen mit einer Klappe. Das Brandschutzamt ist nicht so marode, dass dort dringender Handlungsbedarf besteht. Die städtische Immobilie kann gut für das Vogtlandmuseum in Reserve bleiben. Zwischen Melanchthonstraße, Postplatz und Unterer Graben aber könnte ein würdiger Thomas-Küttler-Platz entstehen. Nicht zuletzt: Der Verein, der den Ort der Erinnerung maßgeblich ins Spiel brachte, spricht sich für den Neubau aus. Worauf also wartet man noch?


Komplex ein Kulturdenkmal

Das frühere Brandschutzamt ist in den 1920er-Jahren entstanden. 1922 hatten nach Angaben der Plauener Denkmalschutzbehörde die Ausschachtungsarbeiten begonnen. Aufgrund knapper Stadtkassen als Folge der Geldentwertung ruhten die Arbeiten lange Zeit, wurden 1924 wieder aufgenommen. 1925 war das Gebäude am Oberen Graben schließlich fertig.

Das Objekt diente damals als Wohn- und Gerätehaus für die Feuerwache. Die Beamten der Berufsfeuerwehr waren verpflichtet, in der Nähe der Feuerwache zu wohnen, um schnell einsatzfähig zu sein. Doch es herrschte Wohnungsnot in Plauen. Deshalb sollte der Neubau Abhilfe schaffen. Zugleich entstanden Räume für Kranken-, Spreng- und Müllkraftwagen sowie Werkstätten.

Die Alte Feuerwache (heute: Jugendherberge), das dazugehörige Wohn- und Gerätehaus sowie Teile der Stadtmauer bilden einen Komplex, der als Kulturdenkmal eingestuft ist. (nd)

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