Tauziehen um Smartphones an Schulen

Über die Hausordnung haben viele Schulen im Vogtland den Umgang mit Handys geregelt. Vordergründig sind das Verbote. Das bietet Stoff für Konflikte.

Plauen.

Das Thema Smartphonenutzung an Schulen scheidet die Geister. Mütter berichten im Gespräch mit der "Freien Presse" vom Gruppendruck, Mobbing, von zombiähnlichen Zuständen und unlösbaren Konflikten mit ihren Sprösslingen - spätestens ab Ende der Grundschulzeit. Eine Sportlehrerin spricht seufzend über gebeugte Gestalten in der Hofpause an ihrer Schule. Fußballspielen war gestern.

Die meisten Schulen im Vogtland lösen potenzielle Konflikte in Sachen Smartphones mit Verboten. Über die Hausordnungen ist das geregelt. Teilweise sind die Geräte aber in der großen Pause erlaubt, etwa am Plauener Lessing-Gymnasium - Jungs zocken, Mädchen checken Whatsapp oder Instagram. Selbst einer 13-Jährigen wird das manchmal zu viel: "Ich fände es besser, wenn Handys in den Pausen verboten wären, weil man da mal runterkommen sollte", sagt sie. Auf Elternabenden wird das Problem gewälzt, auch der Kreiselternrat setzt das Thema jetzt für die Vollversammlung im Juni auf die Agenda. "Wir sollten Smartphones nicht verteufeln", sagt Vorstandsvorsitzender René Brückmann aus Oelsnitz. "Vielmehr muss überlegt werden, wie ein sinnvoller Einsatz im Unterricht ab der Sekundarstufe gestaltet werden könnte." Dieses Ziel deckt sich mit der Intention des sächsischen Kultusministeriums. Minister Christian Piwarz (CDU) sprach sich vorigen Sommer gegen ein generelles Verbot aus.


Der Begriff "Handyverbot" stamme noch aus der Zeit, als Mobiltelefone fürs Lernen ungeeignet waren. Im Ministeriums-Blog empfiehlt Piwarz, das Gerät in der Frühstückspause in der Tasche zu lassen, im Unterricht für bestimmte Zwecke aber zu nutzen.

Problem dabei ist im Vogtland vielerorts fehlende technische Ausstattung. An Plauener Schulen wird es vorerst kein Pilotprojekt für den Wandel zur digitalen Schule geben. Das entschied zuletzt der Stadtrat mit großer Mehrheit. Zur Erklärung hieß es, dass zu vieles unklar sei, etwa Details zu digitalen Lehrplänen. Auch die Glasfasererschließung geht nur schleppend voran.

Das Medienpädagogische Zentrum in Plauen verleiht 20 Tablets und bietet Projekte zur Medienkompetenz an. "Die Nachfrage nach den Geräten und der Bedarf ist viel größer, als wir ihn bedienen können", sagt Koordinatorin Diana Neufeld-Sturm, die selbst Lehrerin ist.

Das Reichenbacher Goethe-Gymnasium gehört zu den digital besser ausgestatteten Bildungseinrichtungen im Vogtland. Dort nutzen Lehrer unter anderem interaktive Ultra-HD-Bildschirme. "Wir merken, dass heute mehr Eltern vor der Wahl der Schule gezielt nach der technischen Ausstattung fragen", sagt Schulleiter Lutz Niepold. "Es ist aber noch so viel unklar, auch zum Digitalpakt. Aus Dresden gibt es keine Vorgaben, wie und ob wir digitale Geräte im Unterricht einsetzen. Einerseits ist das gut. Etwas mehr Handreichung wäre manchmal aber schon wünschenswert."

Eine Sammlung mit Klick-Tipps für Kinder, Eltern und Pädagogen rund ums Thema hat das Medienpädagogische Zentrum Plauen für "Freie Presse"-Leser zusammengestellt. www.freiepresse.de/klicks


Studien zur Mediennutzung

Einen Überblick über Studien zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen bietet die Initiative "Schau hin", an der unter anderem das Bundesfamilienministerium beteiligt ist: www.schau-hin.info


"Weg mit Fragezeichen"

Lutz Niepold, Schulleiter am Goethe-Gymnasium Reichenbach: "Bis Klasse 9 sind die Geräte untersagt. Wer erwischt wird, gibt das Handy ab. Bei Wiederholung behalten wir es ein paar Tage. Schülern ab Klasse 10 ist freigestellt, ihr Handy in den Pausen zu nutzen. Ab und zu kommt es im Unterricht zum Einsatz. Ich verwende für den Physikunterricht eine App, mit der man physikalische Größen wie die Stärke eines Magnetfelds berechnen kann. Es ist ein Weg mit vielen Fragezeichen. Im Kollegium wird das Thema kontrovers diskutiert." (nij)


"Wir haben keine Probleme"

Undine Schneider, Schulleiterin der Grundschule "Karl Marx" in Plauen und damit Chefin der größten Grundschule des Vogtlandes, 330 Kinder lernen dort in 14 Klassen - ohne Smartphone: "Bei uns ist das Handy verboten. In der Hausordnung heißt es dazu: 'Handys sind nur aus dringenden Gründen mitzubringen. Der Schüler ist dafür selbst verantwortlich. Es muss in der Schule ausgeschalten werden und im Ranzen verbleiben.' Wir haben damit bisher in der Schule keine Probleme, die Kinder halten sich gut daran." ( nij)


"Lernen ja, Zocken nein"

Katja Diedenhofen, dreifache Mutter aus Plauen: "Ich bin gegen die unkontrollierte Nutzung privater Handys während der Schulzeit, weil es Ablenkung mit sich bringt. Ich bin aber für den Einsatz digitaler Geräte. Digitales Lernen ja, Zocken in den Pausen nein! Der Umgang mit den Geräten, Inhalten und Tools wird ein wichtiger Teil des Handwerkszeugs, das sie in Zukunft brauchen. Schulen müssen sich dieser Lebensrealität stellen, das Zeitalter von Polylux und Plakate kleben ist vorbei. Die Schulen brauchen dringend bessere Ausstattung." (nij)


"Ein Eingriff in die Freizeit"

Lisa-Marie Rannacher, Kreisschülersprecherin aus Auerbach: "Ich kann es nachvollziehen, wenn im Unterricht Handys verboten sind. Ältere Schüler sollten sie aber in Pausen nutzen dürfen. Was wir als Kreisschülerrat nicht in Ordnung finden, ist, wenn Schulen einkassierte Handys über das Unterrichtsende hinaus einbehalten. Das ist ein Eingriff in die Freizeitgestaltung, den wir nicht hinnehmen. Zu dem Thema erreichen uns viele Beschwerden. Wir beraten Schüler, wie sie über die Schulkonferenz ihre Interessen vertreten." (nij)


"Verbote sind schwierig"

Diana Neufeld-Sturm (53) ist Teamleiterin im Medienpädagogischen Zentrum des Kreises und Informatiklehrerin an der Auerbacher Oberschule.

Freie Presse: Was halten Sie von Handyverboten an Schulen?

Diana Neufeld-Sturm: Ein generelles Verbot ist nicht zielführend. Sie wachsen mit den Geräten auf, nutzen sie selbstverständlich. Man sollte Kindern nicht einfach Verbote vor die Nase setzen. Man muss ihnen erklären, warum etwas auf eine bestimmte Weise geregelt ist. Oft ist man überrascht, wie sie dann mitziehen.

Wie ist es in Ihrer Schule geregelt?

Unsere Schüler dürfen während des Unterrichts kein Handy mit sich führen. Schüler der 10. Klassen können sie in großen Pausen nutzen, die anderen während des gesamten Tages nicht. Das finden die Kinder sicherlich blöd. Aber gerade für die Kleineren sind Hofpausen als Kopf- und Bewegungspausen noch sehr wichtig. Dass es gut tut, das Gerät mal zur Seite zu legen, sehen erst die Größeren.

Was thematisieren Sie im Unterricht?

Über unser Projekt sprechen wir in 4. und 5. Klassen häufige Probleme wie Cybermobbing, den Schutz der eigenen Daten, das Enttarnen von Fake News an. Auch eine sachgerechte Informationssuche muss erst eingeübt werden. Für die jüngere Zielgruppe ist Google einfach nicht geeignet.

Was raten Sie Eltern?

Im Arbeitsleben brauchen sie auch Fähigkeiten für eine digitalisierte Welt. Die Anforderungen dahingehend nehmen zu, ob uns das gefällt oder nicht. Gut informierte Eltern sind der beste Kinder- und Jugendmedienschutz. Medienkompetenz wird Kindern per se unterstellt. Die muss aber geschult werden. Eltern sollten Kinder bei der Nutzung von digitalen Medien und sozialen Netzwerken begleiten. Einblick gewinnen, nicht helikoptern, Regeln aufstellen, Vertrauen aufbauen, einen Ausgleich zum Medienkonsum finden, das eigene Medienverhalten und die Vorbildfunktion prüfen. Wenn Sie am Esstisch auf ihr Smartphone starren, zur Selbstdarstellung im Netz neigen und Fotos von jeder Lebenssituation teilen, dann können Sie nicht von ihren Kindern verlangen, dass sie es nicht tun. Die Argumentation geht nicht auf.

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