Altes Gasthaus erfindet sich neu

Weil ein zweiter Rettungsweg fehlte, der Einbau aber Sitzplätze im Restaurant gekostet hätte, musste eine Idee her. Die Lösung? Ein Anbau.

Zwickau.

Eines der ältesten Bürgerhäuser Zwickaus, das Haus Marienstraße 50, besser bekannt als Gasthaus "1470", wird größer. An der Rückseite des Gebäudes, das in seiner ursprünglichen Bausubstanz erhalten ist und tatsächlich nachweislich 1470 errichtet wurde, wächst ein Anbau in die Höhe. "Notwendig war das, um die Anforderungen an den Brandschutz zu erfüllen", sagte Inhaber Andreas Saller. Das Problem: Im Gasthaus gab es keinen zweiten Rettungsweg, der jedoch zwingend vorgeschrieben ist. Das Fehlen führte zu langen Diskussionen mit den Verantwortlichen. Wegen des Denkmalschutzes lässt sich das Gebäude auch nicht so ohne Weiteres umbauen.

Ein weiteres Dilemma: Beim Einbau einer Fluchttreppe in den Altbau wären von den 47 Plätzen 15verloren gegangen. Damit wäre ein wirtschaftliches Betreiben der Gaststätte zumindest ernsthaft infrage gestellt. "Ich habe gemeinsam mit dem Eigentümer des Hauses überlegt, was wir jetzt machen", sagte Saller. Um eine Schließung zu vermeiden, wurde die Idee eines Anbaus entwickelt, in den die benötigte zusätzliche Treppe eingebaut wird. "Die Idee dazu haben wir uns von einem neutralen Architekten aus Stuttgart geholt", sagte der Gastwirt. Inzwischen ist der Rohbau weitgehend fertiggestellt. Davon konnten sich Besucher bereits anlässlich des Tages der Architektur am Samstag überzeugen.

Der Anbau ermöglicht zwei neue Gasträume. Damit kann das Gast- haus "1470" künftig bis zu 60 Gäste gleichzeitig bewirten. Außerdem verfügt das Lokal dann über eine doppelt so große Küche. Das wiederum ist nicht nur für die beiden Köche interessant, sondern auch für die Besucher. Gastwirt Saller kann künftig einen weiteren Teil seines Konzeptes umsetzen und Räume öffnen, die Gäste sonst nicht zu sehen bekommen. "Sie können künftig zusehen, wie ihre Mahlzeiten zubereitet werden", sagte Saller. Das Stichwort heißt offene Küche, und - so viel sei schon verraten - der Blick wird darin auf anthrazitfarbene Fliesen fallen.

Für den Zwickauer Architekten André Leischner stellte nicht nur der Einbau der Fluchttreppe eine Herausforderung dar. "Es war wichtig, einen architektonischen Kontrast zu schaffen, der gleichzeitig in Harmonie zum bestehenden Gebäudeensemble steht und so eine Neugier weckende Einheit zwischen Alt und Neu bildet", sagte er. Im Gasthaus selbst wird es mit Ausnahme von zwei Durchgängen zum Neubau keine Veränderungen geben. Komplett neu gebaut wird auch die Toilettenanlage, die sich künftig im Anbau befinden wird. Dem Neubau fällt allerdings der Rosengarten zum Opfer, der erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Ganz verschwinden wird er jedoch nicht. Das kleine Freiluftrestaurant steht künftig quasi auf Stelzen und wird in den ersten Stock verlagert.

Spätestens Mitte September sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein und die ersten Gäste im größeren Gasthaus "1470" begrüßt werden. Seit Montag wird auch die Fassade an der Marienstraße neu "belebt". Der Graffitikünstler Tasso aus Meerane gestaltet neben dem Eingang zum Gasthaus einen Teil der Geschichte des traditionsreichen Hauses nach. "Die Idee hatten wir, nachdem wir eine alte Postkarte gesehen hatten", sagte Andreas Saller. Früher wurde dort eine Altstoffannahme betrieben. "Wir haben noch einen Zeitzeugen gefunden, der sich an das ausgestopfte Reh im Schaufenster erinnerte." Jetzt wird das Fenster samt Reh als Kunstwerk an der Hauswand wieder aufleben. Davor ist ein alter Mann mit seinem Bollerwagen zu sehen, der Altstoffe und Felle abliefert. Wie Saller sagte, findet auch die Denkmalschutzbehörde diese Idee sehr gut.

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