Der NSU ist auch unsere Schande

Die Regierungschefin der Bundesrepublik Deutschland hat gestern den Gedenkort für die Opfer einer rechtsextremen Mordserie besucht. In Zwickau sind am Rande des Schwanenteichparks zehn Bäume gepflanzt worden. Gedenktafeln nennen die Namen und klären über das Schicksal der NSU-Opfer auf.

Vor acht Jahren hatte sich die Terrorbande, die sich selbst als "Nationalsozialistischer Untergrund" bezeichnete, selbst enttarnt. Oder war sie enttarnt worden? Oder zur Enttarnung getrieben? Um die Täter ranken sich Geheimnisse, die wohl nie enthüllt werden können. Drei Namen sind bekannt, die einzige Überlebende unter den Tätern sitzt in Chemnitz in lebenslanger Haft. Gab es weitere Mörder? Der Richter im NSU-Verfahren, das fünf Jahre dauerte, hatte nach Indizien zu urteilen. DNA-Spuren fanden sich an keinem der Tatorte, und es ließ sich nicht beweisen, dass Beate Zschäpe bei einer Mordtat zugegen war.

13 Untersuchungsausschüsse, davon zwei auf Ebene des Bundestags, leuchteten Umstände aus, die im Strafprozess nicht zur Sprache kamen. Sie deckten Netzwerke auf und richteten bohrende Fragen an Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz. Die Behörden, vor allem aber der Geheimdienst mit seinen V-Leuten, zeigten wenig Interesse, reinen Tisch zu machen. Auch Zschäpe hat geschwiegen, wo sie hätte reden können, ja müssen. Für Beobachter ist das frustrierend. Wie niederschmetternd muss es für die Angehörigen der Opfer sein?

Ihnen hatte Angela Merkel vor Jahren "lückenlose Aufklärung" versprochen, aber die Handlungsmacht einer Kanzlerin ist begrenzt, selbst wenn sie es ernst meinte. Sie hat zu viel versprochen. Und so bleibt eben offen, warum die Ermittlungsbehörden nach dem abgetauchten Neonazi-Trio fahndeten, dabei eine Mordserie, mehrere Banküberfälle und den Nagelbombenanschlag in Köln untersuchten, alles auf getrennten Wegen, ohne je Zusammenhänge herzustellen. Vom V-Mann-Versagen ganz zu schweigen.

Den Opferfamilien hilft das wenig. Das Dunkel nach der Tat ist wie ein Gift, das schleichend immer weiter wirkt. Diesen Menschen, unseren Nachbarn, sind Untaten widerfahren, weil Deutschland, ihre Heimat, sie nicht hatte schützen können vor solchen, die den niedrigsten Impulsen ihres eigenen, beschädigten Ichs nachgegeben hatten. Vor dem dunklen Erbe unserer animalischen Natur ist niemand sicher.

Angesichts dieser Tragödie und der Fragen, die sie aufwirft, muss ein Gedenkort, muss ein Hain, der ihre Namen nennt, muss eine Geste der Kanzlerin immer zu wenig bleiben. Vielleicht helfen solche Gesten ja vor allem uns selbst, die wir über das Geschehene entsetzt sind und uns hilflos fühlen. Der "Kampf gegen rechts", durchdacht und nicht zur Schablone gemacht, die bei manchen nichts mehr auslöst, ist ein Kampf gegen niedere Instinkte, die in jedem Menschen stecken. Im Grunde wollen Rechtsextremisten, dass wir ihnen ähnlich werden.

Wer von einem Rachefilm nur das Ende sieht, erkennt "die Guten" nicht mehr. Bleiben wir, wenn sie ihren Hass brüllen, in Gedanken bei den Opfern und sorgen mit Festigkeit dafür, dass sich eine Schande wie der NSU nie wiederholt.

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