Der Radlersonntag, der keiner war

Die Absage der Veranstaltung wegen zweier Baustellen hat nicht alle Radfahrer davon abhalten, am Muttertag nach Mülsen zu kommen.

Mülsen.

Dort, wo zum Radlersonntag normalerweise mehrere Tausend Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs sind, sich ortsansässige Vereine und Firmen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren, herrscht diesmal nahezu gespenstische Stille. Wegen zweier innerörtlicher Straßenbaustellen war die Veranstaltung von der Gemeinde abgesagt worden - eigentlich. Denn nicht alle Anhänger des traditionsreichen Festes wollten die Sache einfach so abhaken. Einzeln oder auch in kleinen Gruppen hielten sie die Flagge des längsten Straßenfestes Sachsens hoch.

Torsten Kleditzsch

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Bernd Huber war mit seiner Familie extra aus Hof angereist. Die Hubers hatten in den vergangenen Jahren mehrfach an der Veranstaltung teilgenommen. "Als ich im Internet gelesen habe, dass sie in diesem Jahr ausfallen muss, konnte ich mir das absolut nicht vorstellen. Wir fahren heute trotzdem und haben zumindest eine der Baustellen schon problemlos umfahren", meinte der 42-Jährige.

Das Miteinander von Rad- und Autofahrern hat nach Einschätzung von Thomas Hübner (56) aus Plauen reibungslos funktioniert. "So dramatisch ist es mit dem Fahrzeugverkehr an einem Sonntag hier auf dem Land ja nun auch nicht. Ich habe sogar Autofahrer erlebt, die einfach kurz angehalten und freundlich gegrüßt haben, als ihnen unser Grüppchen von acht Radlern entgegenkam. Wieder andere haben uns vorsichtig überholt. Das fand ich insgesamt richtig toll", sagte er.

Isabel Welge und ihre Freunde ließen sich erst recht nicht von der Absage beeindrucken. "Wir legen die Strecke immer mit einem gemieteten Teambike zurück. Außerdem feiere ich heute meinen 41. Geburtstag und lasse mir den Spaß daran nicht verderben. Nicht nur ich, auch viele aus meinem Bekanntenkreis halten die Absage des Radlersonntag ein wenig für Willkür", meinte sie.

Unverständnis auch bei Regina Fischer aus Zwickau: "Ich glaube, der Knackpunkt war weniger, eine Alternative zu finden, als der Wille, danach zu suchen. Mein verstorbener Lebensgefährte war Chef eines größeren mittelständigen Unternehmens. Dort lief auch nicht immer alles wie am Schnürchen. Aber er hat immer gesagt: Die Lösung eines Problems liegt immer im Problem selbst. Miteinander reden, auch mal ein vertretbares Risiko eingehen und offen für Ungewohntes sein, das war seine Devise", sagte die 72-Jährige. Ausdrückliches Lob zollte sie den Gaststättenbetreibern und Feuerwehren, die dafür sorgten, dass die unverzagten Radler auf ihrer Tour ordentlich verpflegt wurden.

Mike Hessel, Chef der Uhlig-Mühle in Thurm: "Wir kümmern uns schon seit 25 Jahren um das leibliche Wohl der Radfahrer. Es gibt für uns keinen Grund, diesmal eine Ausnahme zu machen. Also veranstalten wir heute einfach ein Hoffest unter dem Motto 155 Jahre Uhlig-Mühle und werden sehen, wie viele Leute bei uns einkehren." Gleichzeitig äußerte er Zweifel, ob es unbedingt erforderlich war, den Radlersonntag abzusagen. "Meiner Meinung nach hätte mit der Baustelle in Jacob bestimmt auch eine Woche später begonnen werden können. Und ansonsten gibt es selbst im engen Mülsengrund immer noch Umfahrungsmöglichkeiten wie den Bahndamm oder die Nebenstraße. Als seinerzeit die Bauarbeiten für den Abwasserkanal über die Bühne gingen, hat das schließlich auch irgendwie funktioniert."

Für den Michelner Ortsvorsteher Michael Franke (Freie Wähler) steht fest: Die Absage des Radlersonntag muss eine Ausnahme bleiben. "So eine Tradition, die Mülsen schließlich weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht hat, darf einfach nicht den Bach runtergehen. Ausfallen lassen birgt immer die Gefahr des Einschlafens in sich. Nicht nur ich, sondern auch sehr viele Einwohner von Mülsen werden sich für den Fortbestand des Radlersonntags stark machen", stellte er klar.

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