Der Zoff beginnt nicht selten am Gartenzaun

Seit zehn Jahren bringt Joachim Wagner Streithähne in der Gemeinde Reinsdorf an einen Tisch. Auch mit 76 Jahren denkt der Senior nicht ans Aufhören.

Reinsdorf.

Joachim Wagner hat schon so einige Streithähne wieder zur Vernunft gebracht. In den vergangenen zehn Jahren suchten 65 Bürger die Reinsdorfer Schiedsstelle im Rathaus auf. Zur jüngsten Sitzung des Gemeinderates ist der 76-Jährige als Friedensrichter wiedergewählt worden. Und nicht nur das: Der ehemaligen Friseurmeister aus dem Reinsdorfer Ortsteil Vielau steht seit Kurzem auch an der Spitze der Bezirksvereinigung Zwickau im Bund der Deutschen Schiedsmänner und Schiedsfrauen.

Der Landgerichtsbezirk Zwickau umfasst die Amtsgerichte Zwickau, Plauen, Auerbach und Hohensein-Ernstthal. "Dazu gehören 40 Schiedsstellen mit 48 Friedensrichtern", sagt Wagner, der in dem Zusammenhang immer wieder betont, dass diese Frauen und Männer ihre Arbeit ehrenamtlich erledigen.

Und die haben nach Darstellung von Wagner vor allem mit diesem Konfliktpotenzial zu tun: Bäume, Hecken, Sträucher. "Für Ärger sorgen immer wieder vor allem Zweige oder Wurzeln von Nachbars Baum", sagt der rüstige Senior. In letzter Zeit seien aber auch ausbleibende Zahlungsverpflichtungen, Verleumdungen sowie handfeste Beleidigungen hinzugekommen. "Man kann sagen: Das, was die Staatsanwaltschaft ablehnt, landet bei uns", sagt der Friedensrichter. Zumeist sei es gelungen, die bestehenden Konflikte abzumildern, sodass eine Schlichtung erst gar nicht erforderlich wurde.

In den vergangenen zehn Jahren hatten 15 Einwohner der Gemeinde Reinsdorf eine Schlichtung beantragt. Drei davon wurden zurückgenommen, bei vier Schlichtungen konnte keine Einigung erzielt werden. "Beide Parteien zeigten keine Bereitschaft, aufeinander zuzugehen", sagt Wagner. Umso mehr ist er froh, dass acht Schlichtungen erfolgreich waren. "In diesen Fällen können wir davon ausgehen, dass die nachbarschaftlichen Beziehungen durch die Einigung erheblich verbessert werden."

Rathaus-Chef Steffen Ludwig (parteilos), der Wagner als einen Friedensrichter mit großer Erfahrung und Menschenkenntnis bezeichnete, ist froh, dass es die Schiedsstelle gibt. Das trage auch zum Frieden in den Dörfern bei. "Deshalb gibt eine enge Zusammenarbeit mit dem Friedensrichter", sagt der Bürgermeister. Aber auch seine Ehefrau steht Wagner von Anfang an zur Seite. "Diese Aufgabe ist sehr wichtig. Denn wenn der Nachbarschaftssegen schief hängt, sind damit nicht selten auch psychische Belastungen für alle Beteiligten verbunden", sagt Karin Wagner.

Gegenwärtig ist es bei dem Schlichter spürbar ruhiger geworden. Normalerweise hält er jeden ersten Montag im Monat von 18 bis 19 Uhr im Rathaus eine Sprechstunde ab. Wegen der Coronakrise muss die vorerst ausfallen. In dringenden Fällen ist Wagner aber über ein sogenanntes Notfalltelefon unter Ruf 0375 6924646 erreichbar.

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