"Die Botschaft heißt: Haltet durch, macht weiter"

Musikexperte Ulf Firke über die integrative Kraft der Musik in Zeiten der Coronakrise, die Nöte der Künstler und seine Hoffnung auf einen großen kreativen Knall

Zwickau.

Die Künste sind derzeit in der Krise einerseits gefragt, andererseits sind sie selber in Nöten. Auffallend ist die Vielzahl von musikalischen Mutmachern in für viele schweren Zeiten. Thomas Croy hat darüber mit dem Musiklehrer, Chorleiter und Komponisten Ulf Firke (59) gesprochen, der zudem im Präsidium des Sächsischen Musikrates wirkt und Landesbeauftragter für "Schulen musizieren" im Bundesverband Musikunterricht ist.

Freie Presse: Die Coronavirus-Pandemie schränkt den Alltag der Menschen stark ein. Inwieweit kann die Musik auch unter diesen Bedingungen ihre Brückenfunktion bewahren?

Ulf Firke: Musik in Zeiten der Angst um Angehörige und Freunde, in Zeiten von Isolation ist zugleich Trost, Freude und Hoffnung. Das war ja bei der zauberhaften Reaktion in Italien schön zu sehen, wie die Leute untereinander mit Musik kommunizieren. Das haben wir auch bei uns zu Hause gemacht: meine Frau mit dem Cello, ich am Klavier, gegenüber hat der Nachbar mit der Klarinette "Freude schöner Götterfunken" gespielt. Das hat uns wortlos miteinander verbunden, und jeder wusste, die Botschaft heißt: Haltet durch, macht weiter! Es kommen wieder bessere Zeiten. Das ist ja das Geheimnisvolle an der Musik. Wenn Leute im Fußballstadion ihre Fanhymnen anstimmen, Kirchenbesucher ihre Choräle oder die Fans von Coldplay "Viva la vida", dann einst sie das gleiche Gefühl von Zusammengehörigkeit, sie fühlen sich aufgehoben und geborgen. Musik gibt eine seelische Heimat. Das macht ihre integrative Kraft aus.

Es gab in jüngster Vergangenheit viele Beispiele, wie Musiker der Region mit ihren Auftritten vor Pflegeheimen und Krankenhäusern Trost und Mut gespendet haben ...

Das ist eine der wundervollen Seiten, wie Musiker sich solidarisch zeigen - freiwillig, ohne Geld dafür zu nehmen, einfach nur aus Mitgefühl. Musik hat ja bekanntlich einen starken Einfluss auf das Sozialverhalten, es macht die Menschen geselliger und teamfähiger. Leute, die in Ensembles musizieren, nehmen die Anforderungen des Lebens viel offensiver an, und mit ihrer positiven Ausstrahlung sind sie in der Lage, Kraft zu spenden.

Welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf Orchester, Bands und Chöre, die seit Wochen nicht mehr in Räumen zusammen proben können?

Das ist ganz furchtbar. Die musikalische Ensemblearbeit in Orchestern, Chören oder Theater- und Ballettgruppen ruht, weil das eben eine Rieseninfektionsgefahr bedeutet. Und solange kein Impfstoff da ist, sind uns wahrscheinlich die Hände gebunden. Das kann verheerende Folgen haben. Die Ensembles leben von ihren Auftritten, aber auch von ihren Proben und der Geselligkeit. Ich habe viele Bekannte, die gern zu mehrtägigen Rockfestivals fahren - so etwas ist leider in absehbarer Zeit über Monate nicht möglich.

Als Ersatz für öffentliche Auftritte sind viele Musiker auf verschiedene Online-Plattformen ausgewichen, um in Kontakt mit ihrem Publikum zu bleiben.

Es gibt so viele Dinge, die im Internet ablaufen. Konzerte, Theateraufführungen oder auch die neuesten Popsongs sind digital verfügbar. Künstler führen Live-Chats. Besonders anrührend waren die Osterbotschaften zum Beispiel der Landesposaunenwarte Deutschlands über YouTube, des Thomanerchores und Gewandhausorchesters und natürlich unseres Theaters Plauen-Zwickau mit Georg Friedrich Händels berühmten Coronation Anthem, ebenfalls per YouTube.

Was wird in Sachsen unternommen, um die Sorgen der freiberuflichen Musiker zu mildern?

Freiberufler und Honorarkräfte der Musikschulen werden vom Freistaat mit 10 Millionen Euro subventioniert, wie aus Gesprächen mit dem Ministerium für Kunst bekannt wurde. Damit eine Soforthilfe zur Verfügung steht, hat der Sächsische Musikrat eine Spendeninitiative ausgelobt, die in Not gekommene Musiker mit 300 Euro unterstützt, mehr als 24.000 Euro wurden bisher gespendet.

Es wird dauern, bevor ein normales Arbeiten im künstlerischen Bereich wieder möglich ist. Wie sollte die Zeit bis dahin sinnvoll genutzt werden?

Die nahe Zukunft unserer Kulturlandschaft ist ungewiss, solange eine schwere Viruserkrankung ohne Immunisierungsschutz unseren gesamten Alltag weltweit einschränkt. Deshalb müssen von uns allen gerade für das zerbrechlichsten Element unseres Daseins, die wundervolle Landschaft der Kulturschaffenden, Überlebens-Oasen geschaffen werden. Digitale Vernetzung kann in dieser Zeit mehr und mehr vervollkommnet werden. Damit sollte der Effekt eintreten, dass so mancher Weg per öffentlichem und privatem Verkehrsmittel und damit wider die Umwelt künftig entfällt.

Nach der langen Zeit der Isolation zuhause leiden besonders Musiker unter Entzugserscheinungen, ihnen fehlen die kollektiven Erlebnisse. Könnte das nach der Pandemie in einen neuen kreativen Schwung münden?

Daran glaube ich fest. Es zeigt sich schon jetzt, dass Leute, die isoliert sind, die tollsten Ideen entwickeln. Manche Popmusiker haben schon ganze Alben fertiggestellt. Andere gehen an Verschüttetes oder die Ausführung lang gehegter Konzepte heran. Jetzt haben sie die Möglichkeit, all das aufzuarbeiten oder Neues anzugehen. Kreative Menschen laufen in solchen Phasen zu Höchstleistungen auf. Ich bin überzeugt davon, dass es einen großen Knall gibt, wenn die Leute wieder zusammenkommen. Da wird die derzeit karge soziale Landschaft künstlerisch richtig aufblühen. Das wird vielleicht ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Leute besonders intensiv gefeiert haben, man hat gemeinsam gesungen, einfach froh, dass man die schreckliche Zeit überstanden hatte, die über alle hereingebrochen war. tc

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

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