Die Frau, die zwei Jobs erledigt

Frauentag 2019: Frederike-Maria P.* arbeitet für wenig Lohn in einem Altenheim. Doch Geld allein vermisst sie nicht.

Zwickau.

Für Frederike-Maria P. ist die Nacht um 3.45 Uhr zu Ende. Zwar schlafen da die Bewohner des Altenheimes noch, in dem die 43-Jährigeals ungelernte Pflegeassistentin arbeitet. Vor Dienstbeginn trägt sie allerdings Zeitungen aus. "Mein Mann macht gerade seinen Meister, das Meister-Bafög ist nicht gerade üppig", sagt die Mutter von zwei Kindern.

Die gelernte Einzelhandelskauffrau entschied sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes, beruflich kürzer zu treten. In ihrem Job fand sie damals nichts, also wechselte sie in die mobile Pflege, half als Hauswirtschafterin und ungelernte Pflegerin, an sich ein 20-Stunden-Job. Irgendwann aber hatte sie 350 Überstunden angesammelt. Damals dachte sie noch, das liege am Missmanagement und sei vielleicht die Ausnahme. Heute, sechs Jahre später, glaubt sie nicht mehr daran.

Seit drei Jahren ist sie in der Städtischen Senioren- und Pflegeheim-Gesellschaft tätig, für 30 Stunden die Woche. "Viele meiner Kollegen würden gern voll arbeiten, dürfen aber nicht." Bei einer Kollegin seien erst kürzlich vier Stunden gestrichen worden - ihre Arbeit aber ist dieselbe geblieben. Eine Freundin von ihr habe gekündigt - ihr neuer Arbeitgeber in Thüringen zahle 600 Euro mehr.

Eine Ausbildung draufzupacken, um mehr zu verdienen, steht für sie nicht zur Debatte, so lange ihr Mann die Schulbank drückt. "Außerdem sind es derzeit gerade mal 50 Euro mehr - und eine Megaverantwortung. Das ist kein Anreiz."

Frederike-Maria P. hatte vor dem Zeitungsaustragen Nebenjobs in der Pflege und hat so in Häuser Einblick bekommen, die anderen Unternehmen gehören. "Dort ist die Situation nicht besser", sagt sie. Vielen kratzen die Arbeit mit dementen Bewohnern oder auch der Stress an der Psyche. Rückenschmerzen plagen, es gibt Langzeitkranke und irgendwie immer zu wenig Personal. "Du hörst immer nur: Dies und das ist noch nicht erledigt. Unser Chef sollte mal als Undercover-Boss gehen. Da würde er sehen, was wir wirklich leisten." Der Dienstplan werde am Pflegegrad des Bewohners ausgerichtet, nicht an der individuellen Situation des alten Menschen. "Dabei gibt es immer mehr Alleinstehende, niemand besucht sie zu Weihnachten oder zum Geburtstag." Pflege im Altenheim ist viel privater als Pflege im Krankenhaus, sagt Frederike-Maria P. Man ist teils Jahre zusammen - oft bis zum Tod. "Auch wenn es mir gelingt, Arbeit und Privatleben zu trennen, sind die Bewohner doch irgendwie wie ein Teil der Familie."

Frederike-Maria P.s Aufgabe ist es, die Alten zu waschen, ihnen essen zu reichen, sich um ihr Wohl zu kümmern, Blutdruck zu messen, auch mal Augentropfen zu geben. "Pflege ist aber nicht nur, den Bewohnern den Hintern sauber zu machen, man muss dabei doch den Menschen betrachten, der ein Leben hinter sich hat."

Die Zwickauerin hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es irgendwann besser wird. Geld, sagt sie, ist nicht alles, mehr Anerkennung und mehr Leute wären wichtig. "Das Team stimmt, es verlässt sich auf mich." Und ihr direkter Vorgesetzter ist ein Mensch, der viel möglich macht, dem aber auch die Hände gebunden sind.

Im Vorjahr hatte sie sich mit Arbeitskollegen zum Frauentag zum Feiern verabredet. In diesem Jahr ist kein gemütlicher Abend zustande gekommen. "Wenn Du für kranke Kollegen einspringst und sieben Dienste hintereinander schiebst, bist du auch mal froh, einen Tag zu Hause zu sein. Ich werde mir trotzdem eine Gurkenmaske gönnen und ein Gläschen Prosecco in der Badewanne trinken", sagt sie mit einem Lachen.

*Name und Alter der Frau geändert


Branche hat mehr verdient

Pflegeberufe, die meist Frauenberufe sind, müssen aufgewertet werden, fordert die Kreis-DGB-Chefin und Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Die Linke). "Und das ganz besonders in der Zwickauer Region. Die Beschäftigten leisten eine gesellschaftlich wichtige Arbeit. Sie haben einen ordentlichen Lohn verdient."

2018 waren laut Arbeitsagentur landkreisweit 3188 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege tätig, 90 Prozent waren Frauen. "Erschreckend viele - 53 Prozent - arbeiteten Teilzeit", so Zimmermann, die die finanziellen Einbußen sieht. Schon Vollbeschäftigte verdienten in Zwickau deutlich weniger als anderenorts: Ende 2017 durchschnittlich 2749 Euro brutto im Monat, sachsenweit 2866, in Ostdeutschland 2905, bundesweit 3203. Als umso wichtiger erachtet die DGB-Chefin die Tarifverhandlungen am Heinrich-Braun-Klinikum, da dieses beispielhaft für die Verdienstlücke stehe, die endlich geschlossen werden müsse. (upa)

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