Diese Frau soll in Zwickau Stadtgeschichte (auf-)schreiben

Zwickau hat jetzt eine Stadtschreiberin. Was nun auf sie zukommt - das wissen weder die junge Frau noch die Initiatoren.

Zwickau.

So ziemlich alles, was Zwickau an Medienvertretern zu bieten hat, steht mit gezücktem Stift vor Cora Herzog. Und das nur, weil die 25-Jährige einen Job antritt, den vor einem halben Jahrtausend (in Zahlen: vor 500 Jahren) ein Mann ausgeübt hat, nach dem nun eine Ehrenamtsmedaille benannt ist.

Cora Herzog blinzelt kurz, als Kulturamtsleiter Michael Löffler sie als Stephan Roth 2.0 bezeichnet. Und dann erklärt er - am gestrigen Dienstagnachmittag -, was die Stadtschreiberstelle in Roths Namen so besonders macht: Anders als alle anderen Stadtschreiberstellen sind keine literarischen Erwartungen damit verbunden. Vielmehr ist die Stelle historisch angelegt. Und Cora Herzog ist die Erste, die diese Stelle übernimmt. Zumindest ist sie die Erste im 21. Jahrhundert. Sie soll ja an die Arbeit der längst verstorbenen Chronisten anknüpfen. Nur ist es gut möglich, dass die junge Frau einen Computer zum Schreiben nutzt - anstelle von Feder und Tinte. Solch ein Set hat sie zwar von Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) überreicht bekommen, aber wohl eher als Geste.


Was die gebürtige Lichtensteinerin in dem halben Jahr ihres Schreiberinnenamtes tun will, das weiß sie noch nicht. Das weiß auch kein anderer. Weder Oberbürgermeisterin noch Kulturamtsleiter noch Benny Dressel vom Stadtarchiv wollen der studierten Germanistin Vorschriften machen. Sie weiß nur eines: "Am Ende muss der Jahresrückblick fertig sein." Der soll in der Schriften- reihe "Cygnea" des Stadtarchivs erscheinen und gern auch für die Ewigkeit oder wenigstens die nächsten 500 Jahre taugen. Wie sie diese Arbeit jedoch angeht - auch das bleibt Cora Herzog überlassen.

Die Anregung dazu, eine Stadtschreiberstelle zu schaffen, kam aus den Reihen des Stadtrats. Allerdings hatten die Bürgervertreter eher eine künstlerische Aufgabe im Sinn - für einen Literaten, der in einer kleinen Wohnung mitten in der Stadt residiert und über Zwickau und die Welt Geschichten schreibt. Nun ist es also eine Germanistin, die sich an der TU Chemnitz in ein Masterstudium über Rezeptionskulturen der Vormoderne eingeschrieben hat - sie war nach Ansicht einer Jury aus vier Kandidaten die am besten geeignete. In dieser Woche soll sie eine kleine Wohnung beziehen - in Neuplanitz, denn mit der dort ansässigen Westsächsischen Wohn- und Baugenossenschaft hat die Stadt einen Sponsor gefunden. Außerdem bekommt Cora Herzog bis Ende des Jahres jeden Monat 1000 Euro und viel Freiraum.

Die Stadt kennen lernen - damit will die Schreiberin anfangen. "Und dann sehe ich, was sich ergibt", sagt die Frau, die sich eher als stillen Beobachter denn als neugierigen Frager einschätzt. Was sie von Zwickau zu sehen bekommt und wie sie das für die Nachwelt festhält, das erfahren die Zwickauer spätestens in einigen Monaten. Bis dahin müssen sie nur nach einer jungen Frau mit roten Haaren und roten Augenbrauen Ausschau halten. Vielleicht freut sie sich ja, wenn ihr die Zwickauer etwas zu erzählen haben.

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