E-Mobilität: Es darf ein bisschen mehr sein

Der Verkehr in der Stadt Zwickau soll in Zukunft elektrischer werden. Dafür lässt die Verwaltung in Wolfsburg einen Leitfaden erstellen. Was heißt das für Verkehrsteilnehmer?

Zwickau.

Kugelschreiber haben bei Vertragsunterzeichnungen den Vorteil, dass es keine Tinte gibt, die erst langsam trocknen muss. Entsprechend bildhaft könnte man jetzt die Vertragsunterzeichnung am Montagvormittag sehen. Lieber mit Kugelschreiber, damit bloß nicht noch mehr Zeit verloren geht. Ein Jahr ist ohnehin schon verstrichen.

Es geht um den Vertrag, mit dem die Zwickauer Stadtverwaltung ein Unternehmen beauftragt, ein Konzept für Elektromobilität in der Muldestadt zu entwerfen. Das Vorhaben hat die städtischen Gremien eigentlich schon vor einem Jahr durchlaufen, kommt aber erst jetzt zum Tragen. Man habe so lange auf Fördermittel warten müssen, sagt OB Pia Findeiß (SPD). 121.000 Euro kostet das Konzept, 95.000 davon werden vom Bundesverkehrsministerium übernommen. Im September 2020 soll das Konzept fertig sein. Soweit die Zahlen. Das Papier dürfte für Verkehrsteilnehmer in Zwickau voraussichtlich weit reichende Veränderungen mit sich bringen.


Nicht alles, aber vieles ist demnach ausgerichtet auf die Umstellung des Zwickauer Volkswagen-Werks auf eine Fabrik für Elektroautos. VW und die Stadt haben im Dezember 2017 einen Kooperationsvertrag geschlossen, den Oberbürgermeisterin Findeiß in einem Satz so zusammenfasst: "Es geht darum, dass Zwickau sich entwickelt zu einem modernen Zentrum für Elektromobilität." Während VW in seinem Werk noch an der Umstellung arbeitet, will man in der Stadt für den Verkehr Voraussetzungen schaffen, die das mit einbeziehen, aber teils auch darüber hinausgehen. Erarbeitet wird das Konzept von der Wolfsburg AG, die 1999 von der Stadt Wolfsburg und dem VW-Konzern gegründet wurde.

Dabei soll es bei Weitem nicht nur um die Frage gehen, wo man die mehreren Tausend Fahrzeuge, die ab Jahresende im Zwickauer VW-Werk vom Band laufen, in der Stadt aufladen kann. Das Konzept diskutiert auch mehrere und teils ganz andere Vorhaben, die sich um elektrisches Fortbewegen in Zwickau drehen. Ladesäulen sind laut Gerrit Schrödel von der Wolfsburg AG nur ein Teilbereich. "Zum Beispiel sehen wir uns das Thema Elektro-Roller an. Verschmutzen sie den Bürgersteig? Lassen sie sich sinnvoll ins Verkehrskonzept integrieren? Ergibt es Sinn, ein E-Roller-Sharing in Zwickau aufzubauen, oder baut man lieber ein E--Car-Sharing auf", sagt er. Die Stadtverwaltung lobt er für umfangreiche Vorarbeiten in Form von zahlreichen Konzepten, die "uns die Arbeit einfacher machen", beispielsweise Demografie-, Verkehrs- und Nachhaltigkeitskonzepte.

Auch über Parkplätze wird man nachdenken. Hier könnte sich Baubürgermeisterin Kathrin Köhler (CDU) zufolge im Stadtzentrum etwas tun, wo nach Erhebungen der Industrie- und Handelskammer ohnehin zu wenig Parkmöglichkeiten existieren. "Es wird darum gehen, wo man neue Parkplätze schafft, wo Ladepunkte sinnvoll sind, in welchen Wohngebieten Angebote geschaffen werden müssen und welche zentralen Punkte man versorgt", sagt Köhler.

Doch auch vorhandene Infrastruktur soll in das neue, elektrisch fahrende Zwickau eingebunden werden. "Wir haben schon seit mehr als 100 Jahren Elektromobilität in der Stadt, nämlich die Straßenbahn", sagt OB Findeiß. Entsprechend werde zu prüfen sein, wie man sie sinnvoller anbindet. Auch ein Ausbau des Schienennetzes sei denkbar. "Wir haben im Stadtsüden ein Defizit", sagt Findeiß. Die Straßenbahn endet momentan in Neuplanitz. Findeiß kann sich vorstellen, dass dort künftig die Anbindung weitergeführt wird - "ob städtisch oder privat ist offen", sagt sie. Denkbar sei, an Endhaltestellen Park-and-Ride-Parkplätze anzubieten, an denen man E-Mobile laden kann. Oder elektrische, vielleicht eines Tages sogar selbstfahrende Busse im Stadtgebiet einzusetzen.

Und was bedeutet das für die Stromversorgung in der Stadt? Reichen die Leitungen, überlastet der höhere Verbrauch das Stromnetz nicht ab einem bestimmten Punkt? Vertreter der Zwickauer Energieversorgung sind während der Pressekonferenz zur Vertragsunterzeichnung am Montag nicht anwesend, haben aber in der Vergangenheit auf solche Fragen stets mit Gelassenheit reagiert. Zur Sicherheit habe man teils Leerrohre verlegen lassen, die man mit zusätzlichen Stromleitungen ausstatten könne.

Die Stadtverwaltung ihrerseits will mit der Umsetzung von Maßnahmen nicht warten, bis das Konzept im September 2020 abschließend vorliegt. Beispielsweise habe man den Ladesäulen-Ausbau schon vorangetrieben, sagt Findeiß. Außerdem will man regelmäßig über Ideen aus dem Konzept schon während der Entstehungsphase informieren, um darüber eine Diskussion anzustoßen. Es sei wichtig, den Bürgern das Anliegen verständlich zu machen, sagt Baubürgermeisterin Köhler. "Nur die wenigsten können sich richtig vorstellen, was durch die Umstellung auf E-Mobilität in der Stadt passiert."


Kommentar: Noch viel zu tun

Ob ein Elektroauto umweltschonender ist als ein konventionelles, lässt sich nicht pauschal sagen. Selbst das Bundesumweltministerium schreibt in einer Broschüre: "Es kommt darauf an." Besser wird die Umweltbilanz demnach, je mehr grüner Energie aus der Steckdose kommt.

Das ändert nichts daran, dass das Zwickauer VW-Werk demnächst 1500 Elektroautos am Tag produziert. Sie müssen dann nur noch bei den Autofahrern ankommen. Im Landkreis gibt es weniger als 500 E-Autos, und selbst die allermeisten Landtagskandidaten antworten bei den Wahlforen auf die Frage, ob sie sich als nächstes ein E-Auto kaufen, mit Nein. Auf das kollektive Nein in Meerane reagierte das Publikum mit Applaus und Gelächter. Da haben die Autokonzerne noch viel Überzeugungsarbeit vor sich.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Zeitungss
    03.07.2019

    Um ein Zeichen zu setzen, würde ich die Einstellung der Straßenbahn zum Hbf. wieder einmal auf die Tagesordnung setzen. Die TU Zwickau forscht seit einiger Zeit an einem neuen Stromabnehmersystem (Automatisierung) für Obusse, was bei den Überlegungen vollkommen leer ausgeht. Man hat in erster Linie der Autoindustrie zu dienern, was nicht zu übersehen ist. Statt zielgerichtet den ÖPNV auszubauen, versucht man ein paar Steckdosen in der Stadt zu verteilen, was letztlich die Verkehrssituation keinesfalls verbessert. Für die Zukunft also weltbewegend, die autogerechte Stadt soll es werden, hätte auch als Überschrift gepasst.

  • 3
    3
    cn3boj00
    02.07.2019

    Es wäre schön, wenn die Medien nicht bloß die Autokonzerne zur Überzeugungsarbeit anspornen, sondern auch selbst etwas dafür tun würden. Etwa indem sie nicht immer nur die schalgzeilenträchtigen pseudowissenschaftlichen "Studien" der Skeptiker, sondern auch ein paar seriöse Berechnungen von wirklichen Experten veröffentlichen würden, welche mit den Vorurteilen, dass der Strom knapp wird, oder dass E-Autos mehr CO2 produzieren als Verbrenner, aufräumen. Denn solche wissenschaftliche Studien gibt es sehr viel mehr, nur finden sie wenig Beachtung, weil man damit weder Applaus noch Gelächter erntet. Und wie man sieht, fallen wohl selbst Politiker darauf rein.



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