Ein Dorf verliert die Fassung

Ganz im Westen des Landkreises Zwickau ist ein Streit eskaliert. So sehr, dass Einwohner das Haus einer zugereisten Familie attackieren.

Trünzig.

Ein Streit, der auf einem Kinderspielplatz seinen Anfang nahm, ist in der Gemeinde Langenbernsdorf eskaliert. Eine wütende Menschenmenge tauchte vor dem Haus einer missliebigen Familie im Ortsteil Trünzig auf und forderte sie auf, zu verschwinden. Die Opfer sprechen von einem Sturm auf ihr Anwesen. Bierflaschen flogen, eine Autoscheibe splitterte, ein Familienmitglied wurde verletzt. Die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruchs. Das Misstrauen im Dorf ist inzwischen ebenso groß wie die gegenseitigen Vorwürfe.

Im Mittelpunkt steht eine kinderreiche Großfamilie aus Bayern, die ein Anwesen in Trünzig gekauft hat. Der Vater, der in der Textilbranche arbeitet, hatte dort einst ein günstiges Lager gefunden und sich später entschlossen, den Wohnsitz nach Sachsen zu verlegen. Im Gegensatz zu München sei ein Grundstück in Trünzig eben erschwinglich gewesen. Seinen Familiennamen will er nicht in der Zeitung lesen, da er andernfalls schulische Nachteile für seine neun Kinder befürchtet, von denen sechs Gymnasien besuchen. "Viele beschimpfen uns als Zigeunerpack, das hier verschwinden soll", sagt der Vater. Schon der Begriff stört ihn, niemand habe verdient, so beschimpft zu werden, "nicht einmal, wenn wir wirklich Zigeuner wären." Ungehobelt seien seine Kinder, ja. "Sie sind nicht so erzogen, wie es hier den Gepflogenheiten entspricht. Sie sind frech. Aber es ist eine lausbübische Frechheit, ohne Bösartigkeit." In keiner Form könne das Übergriffe rechtfertigen.

Vor zwei Wochen gerieten seine Kinder auf dem Waldsportplatz mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Langenbernsdorf, Tobias Bär (CDU), in einen Streit, der aus dem Ruder lief. Die Kinder provozierten Bär, er wollte sie des Platzes verweisen. Am Ende landeten zwei Mitglieder der Großfamilie sowie der Kommunalpolitiker im Krankenhaus. Bei einem 15-Jährigen wurde eine Gehirnerschütterung diagnostiziert, später noch ein Meniskusanriss. Bär hatte Würgemale am Hals. Die Schilderungen über den Vorfall gehen auseinander. Der Familienvater sagt über den selbstständigen Unternehmer Bär: "Auch wenn er verbal provoziert wurde, kann er doch nicht auf fremde Kinder einprügeln." Ein zwölfjähriges Mädchen soll er ins Gebüsch geworfen, den 15-jährigen Jungen hinterrücks angegriffen und ihm, als er am Boden lag, den Meniskus zertreten haben.

Tobias Bär bleibt bei den Angaben, die er wenige Tage danach gegenüber der "Freien Presse" machte. Er sei aggressiv bedrängt worden, habe Angst um seine eigenen Kinder gehabt, sei von den fremden Kindern umringt gewesen und habe sich gewehrt. Jemand habe gerufen: "Erwürgt ihn". Eine Tochter der Familie ist versiert im Ringen. "Und im Gerangel hatte meine Hand Kontakt mit dem Gesicht des 15-Jährigen", drückt sich Bär aus. Alle weiteren Anschuldigungen weist er zurück, auch, dass er dem Jungen eine Gehirnerschütterung zugefügt haben soll. Zugleich sagt er: "Ich kann nicht behaupten, dass es mir leid tun würde, wenn der Junge eine Gehirnerschütterung hat."

Drei Tage, nachdem Bär seine Sicht bei Facebook publik machte, stand eine Menge vor dem Haus der Großfamilie. Das hatten einige schon unter Bärs mittlerweile 900-fach geteiltem Eintrag im Netz angekündigt. Kommentatoren schreiben: "Schlagt das Pack, bis es normal wird" und "wir können uns gerne bei denen vor dem Haus treffen und dort Ruhe einkehren lassen". Die Polizei nahm die Personalien von zehn Teilnehmern auf, zwei Frauen und acht Männern zwischen 18 und 25Jahren. Die Familie behauptet, darunter habe sich auch der Sohn des stellvertretenden Bürgermeistes befunden. Die Polizei nennt keine Identitäten, Tobias Bär dementiert.

Wie sich der Frieden im Dorf wiederherstellen lässt, weiß keiner. Der Familienvater räumt ein: "Eine Mitschuld habe ich. Als mir meine Kinder am Waldsportplatz gesagt haben, da ist einer, der uns vertreiben will und sagt, er ist der Bürgermeister, da habe ich geantwortet: Lasst den Wichtigtuer reden." Auch an der Eskalation am Grundstück seien seine Kinder nicht unschuldig: "Sie haben die Leute mit einem Wasserschlauch abgespritzt." Nur sei das eben eine gewaltfreie Provokation gewesen, die Reaktion darauf nicht.

Die Familie wirft Bär vor, durch seinen Gang an die Öffentlichkeit die Menge aufgeschaukelt zu haben. "Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt", sagt Bär. Er habe sie aber verneint. "Da hat sich wohl eher entladen, was sich im Dorf an Ärger über die Familie aufgestaut hatte." Er rief danach dazu auf, von Selbstjustiz abzusehen. Doch erst am Wochenende soll dem Vater der Großfamilie auf der Autobahn ein Reifen geplatzt sein. Ein Sachverständiger habe einen Einstich festgestellt, behauptet er.

Bürgermeister Frank Rose (parteilos) führte am Dienstag ein Gespräch mit dem Familienvater. "Man muss nun sehen, wie es weitergeht", sagt er. Über den Vorfall auf dem Anwesen sagt Rose: "Das erschreckt mich." Eine Antwort darauf, wie man in Trünzig künftig miteinander auskommen will, hat er nicht.

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