Eine Region vergisst nicht

Auf den Tag vor 60 Jahren gab es ein tragisches Bergwerksunglück in Zwickau. Am Samstag gedachten mehrere Hundert Menschen der 123 Männer, die dabei ihr Leben verloren.

Zwickau.

Das Glockenläuten der Zwickauer Kirchen am Samstagmorgen um 10 Uhr lag wie ein Klangteppich über der Stadt. Es begleitete ein stilles Gedenken an jene 123 Männer, die am 22. Februar 1960 ihre letzte Schicht im Steinkohlenbergwerk "Karl Marx" angetreten hatten. Morgens um 6 Uhr fuhren die Bergleute damals ein. Hoch schaffte es keiner mehr lebend, manche konnten nicht einmal geborgen werden.

Ihnen zu Ehren hatten sich auf den Tag genau 60 Jahre später mehrere Hundert Menschen in der Moritzkirche zu einer ökumenischen Gedenkfeier versammelt. Zwickaus Steinkohlebergbauvereinschef Karl-Heinz Baraniak freute sich, auch Gäste aus elf befreundeten Bergbauvereinen begrüßen zu dürfen. Darunter drei Abgesandte der Bergknappschaft Marienberg. Deren Vorsitzender Ralf Albrecht sagte: "Es ist uns eine Ehre, heute dabei zu sein." Erst am 20. Februar jährte sich bei den Marienbergern zum 70. Mal ein Grubenunglück, bei dem neun Bergleute ihr Leben ließen. Die Marienberger ertranken. Anders zehn Jahre später in Zwickau: Höchstwahrscheinlich durch unsachgemäßen Umgang mit Sprengstoff war es 1000 Meter unterhalb der Eckersbacher Erde zu einer Kohlenstaubexplosion gekommen, die derart katastrophale Auswirkungen hatte.

Pfarrer Frank Pauli lud zu Beginn des Gottesdienstes zu einer Schweigeminute für die hessischen Todesopfer ein: "Entzünden wir eine Kerze für die Opfer des rassistischen Attentats in Hanau", sagte Pauli. Am Mittwochabend hatte ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen erschossen. Später tötete er nach Überzeugung der Ermittler seine Mutter und sich selbst. Ob nun Marienberg, Hanau oder Zwickau: "Im Unglück sind wir alle nur Deutsche", zitierte Zwickaus Vizebürgermeisterin Kathrin Köhler Stimmen, die sich anlässlich des Zwickauer Grubenunglücks vor 60 Jahren aus westdeutschen Zechen meldeten.

Umrahmt von Henk Galenkamps Orgelmusik und Bergmannsliedern des Zwickauer Knappenchors nannten die Vereinsmitglieder alle Toten beim Namen: die Jüngsten gerade einmal 16 alt, Junghauer und Berglehrlinge aus Wilkau-Haßlau und Freital. Die Älteren mitten im Leben stehend: Fördermänner, Bohrer, Hauer, Brandwärter, Grubenelektriker, Zimmerlinge und Grubenschlosser; aus Crossen und Cainsdorf, Niedercrinitz und Stenn, Wildenau und Stangendorf, Werdau und Annaberg, Ebersbrunn und Cunersdorf, Mülsen und Culitzsch, Kirchberg und Reinsdorf, Steinpleis und Leutersdorf, Wiesenburg und Wildenfels ... Die meisten kamen aus Zwickau.

Viele Bürgermeister waren unter den Gottesdienstbesuchern, darunter der Reinsdorfer Bürgermeister Steffen Ludwig (Freie Wähler). "Geschichte braucht Verantwortung", sagte er und lobte den Steinkohlebergbauverein für dessen Aufarbeitung der Geschichte. Zu DDR-Zeiten wurde ein Erdbeben im fernen Marokko als Ursache für das Grubenunglück ausgemacht. Das aber, fand man später heraus, ereignete sich erst eine Woche später.

Pfarrer Pauli erinnerte an das Leid, dass die Familien durch das Fehlen der Väter, Söhne und Brüder erfuhren. Er erinnerte auch an die Kameraden der Grubenwehren, die fünf Tage lang rackerten und nach Lebenden suchten. "Mein eigener Urgroßvater ist an diesem Tag aus der Nachtschicht ausgefahren und begrüßte die Männer der Frühschicht." Sein "Glück auf" war das letzte Wort, was er mit ihnen wechselte. Nie habe er gegenüber seinem Urenkel ein einziges Wort über die Katastrophe verloren. Immer aber schwang in seinem Gruß "Glück auf" der tiefe Sinn mit: ein glückliches Aufwärts, auch nach der allerletzten Schicht. Pauli ist sicher: Die 123 Männer feiern jetzt - im Huthaus der Ewigkeit.


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