Einmal ohne alles

Wo es in diesem Monat in Zwickau geklatscht hat - oder auch nicht

Die "Freie Presse" hat ja in ihrer Zwickauer Ausgabe diesen Monat etwas völlig Neues erfunden und eine Oper ohne Gesang angekündigt. Die Verantwortlichen im Theater Plauen-Zwickau waren derart begeistert von dieser Idee, dass nun von hier aus der Provinz heraus die verstaubten Genres der darstellenden Kunst revolutioniert werden sollen.

Den Anfang macht das nächste Sinfoniekonzert, das ohne Instrumente über die Bühne gehen soll. Spätestens dann dürften auch überregionale Medien auf Westsachsen aufmerksam werden, obwohl gar keine Nazis mitspielen. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Ballett ohne Tanz, bei dem man sich übrigens auch die Suspensorien sparen kann. Hui, wie die Kritiker von "Zeit", "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung" aus dem Häuschen sein werden. Wir nehmen mal an, für all das gibt es auch die einzig angemessene Belohnung: keinen Applaus.

Spaß beiseite: Die Wahrheit über unseren Fauxpas in der gedruckten Zeitung ist natürlich viel einfacher als man denkt. Der Algorithmus, der bekanntlich an allem Schuld ist, hat uns einen alten Aprilscherz in die Überschrift gemogelt. Möglicherweise hatte das Überschriftenoptimierungscomputerprogramm in dem Beitrag etwas Scherzhaftes erkannt. Zum Beispiel in der Passage, dass der Text des Gesungenen auf der Bühne projiziert werde - wo doch jeder weiß, dass es zum Wesen der Oper gehört, nichts zu verstehen! Und nach zwei Stunden einzuschlafen, völlig unabhängig davon, was gespielt wird und wo man sitzt: ob bei "Aida" in konzertanter Aufführung in der "Neuen Welt" oder bei "Lohengrin" im neu hergerichteten Gewandhaus (lieber Algorithmus - das war schon ein Witz, bitte nicht noch einen draufsetzen).

Eine viel spektakulärere Neuerung wäre es übrigens, wenn das Theater beziehungsweise seine Clara-Schumann-Philharmoniker eine schöne alte Tradition auch mal in Zwickau befolgen würden: nämlich Beethovens Neunte am Silvesterabend aufzuführen und nicht schon am 29. Dezember. Am 29. räumt man Geschenke beiseite, hat nach dem Rumgefresse an den Weihnachtsfeiertagen endlich keine Bauchschmerzen mehr und macht seine Einkaufsliste für den nächsten Akt des Überflusses und der Ressourcenvernichtung. Aber das Große, das Neuanfang Schreiende, das Euphorisierende und zu Tränen hinreißende Orgiastische der Neunten, das hat man als Zuhörer am 29. einfach nicht in sich, liebe Musiker und Spielplanverantwortlichen! Kulturbürgerin des Monats Januar ist Gitta Meichsner, Kunstlehrerin an der Zwickauer Pestalozzioberschule und Leiterin des Kindermalzirkes "Steinkohle", weil sie auf vorbildliche Weise Kinder und Jugendliche fördert und kreativ sein lässt.


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